Ein ganz normaler Unfall

Ein ganz normaler Unfall Ein ganz normaler Unfall

Ein ganz normaler Unfall

— 19.07.2002

Kinder, was für ein Ärger!

Mal kurz mit dem Sohn zu McDonald´s, und was kommt dabei heraus? 6480 Euro Schaden.

Samstag, halb zehn in Deutschland

Es hätte ein ganz normales Wochenende werden können, wäre ich nicht an einem Samstagmorgen mit meinem Sohn Jonas (2) zum Frühstücken zu McDonald’s gefahren. Auf dem Weg dorthin stoppe ich mit meinem knapp sechs Monate alten Opel Zafira hinter einem Reisemobil an einer roten Ampel. Doch was soll das? Der Mobilpilot legt plötzlich den Rückwärtsgang ein, setzt mit Karacho zurück und knallt mir in die Front. Es kracht und knirscht, die Motorhaube wölbt sich. Der Kühler ergießt seinen Inhalt auf die Straße, die Szenerie hüllt sich in Dampf, auf der Rückbank heult Jonas los.

Der Fahrer springt heraus: "O Gott, ich habe Sie wirklich nicht gesehen", stammelt er. Seine Frau ruft über Handy sofort die Polizei – doch die will nicht kommen, weil nur Sachschaden vorliegt. Immerhin informiert sie den Abschleppdienst. Was nun? Erst mal die Daten tauschen. Dazu der Verkehrsrechtsanwalt: Wichtig, gleich ob die Polizei kommt oder nicht: Name, Adresse und Personalausweisnummer des Unfallgegners, Haftpflichtversicherung sowie die Zulassung laut Schein prüfen und notieren. Den Schaden der gegnerischen Haftpflicht sofort telefonisch melden, sich nie darauf verlassen, dass der Unfallgegner das macht. Ein Fotoapparat sollte zur Hand sein, um den Unfallort zu fotografieren.

Der inzwischen eingetroffene Mann vom Abschleppdienst strahlt gelassene Routine aus: "Gut, dass es nur Blechschaden ist", meint er. "Wo ist der Mobilfahrer versichert? Bei der Bruderhilfe in Kassel? Da hat sie ja ein Mann Gottes erwischt!" Tatsächlich stellt sich heraus, dass der Chaospilot ein Pfarrer aus Bielefeld ist. Der Anwalt: Oft erscheinen Abschlepper, ohne gerufen worden zu sein. Möglichst sollte aber nur einer eingesetzt werden, der vom Geschädigten, seiner Versicherung oder der Polizei gerufen wurde. Klare Anweisungen geben, wohin das Fahrzeug soll. Die Kosten muss die gegnerische Haftpflicht tragen.

Mietwagen, Nutzungsausfall, Gutachten

Der Abschlepper nimmt meinen Wagen huckepack, bringt ihn in meine Opel-Werkstatt. Dort weiß ich mein lädiertes Schätzchen in guten Händen. Der Anwalt: Grundsätzlich steht dem Geschädigten die Reparatur in einer Werkstatt seiner Wahl zu. Auf eine von der Haftpflicht vorgeschlagene Werkstatt muss man sich nicht einlassen.

Wie bleiben meine Familie und ich jetzt mobil? Weil ich ein Auto brauche, nehme ich einen Omega als Mietwagen. Der Anwalt: Für die Zeit einer angemessenen Reparaturdauer darf ein Mietwagen genommen werden. Wird ein um eine Klasse niedrigeres Auto genommen, verzichten die Versicherer auf Abzüge für "ersparte Eigenkosten". Alternativ kann Nutzungsausfall in Form von festgelegten Tagespauschalen gefordert werden.

Schon am Montag wird das elfseitige Gutachten eines Kfz-Sachverständigen fertig. Der Schaden beträgt 6480 Euro, das Gutachten kostet 611 Euro. Zitat: "Die Zahlung der Gutachtenrechnung ist unabhängig von der Schadenregulierung durch die Versicherung." Bleibe ich darauf vielleicht sitzen? Der Anwalt: Zum Nachweis der Unfallschäden kann zu Lasten der gegnerischen Haftpflicht ein eigener Gutachter eingeschaltet werden, wenn der Schaden über 1000 Euro liegt. Bei geringeren Schäden wird die Einschaltung eines Gutachters als Verstoß gegen die Schadenminderungspflicht angesehen, die Kosten werden deshalb nicht erstattet. Bei geringeren Schäden genügt auch ein spezifizierter Kostenvoranschlag der Fachwerkstatt. Die dafür erhobenen Gebühren muss die gegnerische Haftpflicht in jedem Fall zahlen.

Entgegen meinen Befürchtungen geht dann doch alles recht zügig: Schon am nächsten Tag informiert mich die Werkstatt, dass die Versicherung Deckung für die Reparatur zugesagt hat und ich den Wagen in einer Woche abholen kann. Als ich ihn in Empfang nehme, ist vom Unfall nichts mehr zu sehen. Auch der kritische Blick in den Motorraum bleibt ohne Befund.

Ende gut, aber ist jetzt auch alles gut?

Alles repariert, trotzdem ist mein Auto nicht mehr das, was es einmal war. Ich bin nun Besitzer eines sechs Monate alten Unfallwagens mit 6300 Kilometern auf der Uhr. Das wird den späteren Wiederverkaufswert drücken. Was also ist mit Wertminderung? 1750 Euro soll sie nach Gutachten betragen.

Die Versicherung bietet 1000 Euro, aufgrund eines eigenen Gutachtens der Dekra. Ich bitte um Aufklärung, welche Punkte den Abzug rechtfertigen – die Antwort steht bislang noch aus. Der Anwalt: Die Höhe des merkantilen Minderwerts ist häufiger Streitpunkt. Ein Geschädigter Geschädigter muss sich mit dem ersten Angebot einer Versicherung nicht zufrieden geben, kann im Zweifelsfall klagen. Zuvor sollten die Aussichten aber genau geprüft werden, da die Berechnung kompliziert ist und nach unterschiedlichen Methodenerfolgen kann. Fahrzeuge, die älter als fünf Jahre sind oder mehr als 100.000 Kilometer aufweisen, sind in der Regel von Wertminderung ausgenommen.

Nun rolle ich mit Frau und zwei Kindern wieder im reparierten Zafira, der Unfall ist (fast) vergessen. Doch habe ich bei der Abwicklung eigentlich alles richtig gemacht? Der Anwalt: Im großen und ganzen ja. Nur die Pauschale für nicht belegbare Auslagen, für Telefongespräche oder Porto von 20 Euro haben Sie zu fordern vergessen – dafür gibt es schließlich rund 17 Hamburger bei McDonald’s.

Erlebt von AUTO BILD-Redakteur Jan Meibohm, kommentiert von AUTO BILD-Rechtsexperte Rolf-Peter Rocke

Noch ein Tipp vom Anwalt Nach einem Unfallschaden gilt vor allem: Der Geschädigte sollte sich das Verfahren durch die gegnerische Haftpflichtversicherung nicht aus der Hand nehmen lassen. Nach meinen Erfahrungen versuchen die Versicherungen häufig zu verhindern, dass der Geschädigte einen Sachverständigen seiner Wahl mit einem Gutachten beauftragt oder einen Anwalt mit dem Fall betraut. Auch dazu hat er das Recht, und zwar auch ohne dass die Versicherung mit der Bearbeitung des Falles oder Leistungserbringung in Verzug ist. Auch auf die Wahl der Werkstatt versuchen die Versicherer Einfluss zu nehmen. Folgt der Geschädigte solchen Empfehlungen, entgehen ihm nicht selten wichtige Schadenersatzansprüche. Besonders bei Totalschäden wird der Wiederbeschaffungswert des beschädigten Fahrzeugs von den Haussachverständigen der Versicherer nicht selten zu niedrig geschätzt.

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