Ein Tag in Detroit

Ein Tag in Detroit

— 14.01.2009

Eine Stadt ganz unten

Leere Fabrikhallen, verwaiste Straßenzüge: Detroit geht am Stock! In der einstigen Auto- und Musikmetropole sind die Lichter längst aus – doch die Einwohner lassen sich nicht unterkriegen.

Es ist grau, kalt, düster. Das Wetter passt zur aktuellen Wirtschaftslage in der "Motor City": Ein Hauch von Apokalypse liegt in der versmogten Luft. Die USA stecken in der Krise, Detroit steckt bis zum Hals mit drin: kein Geld, keine Jobs, keine Zukunft. Und das schon seit Jahren. Wie gehen die Einheimischen damit um? Wie reagieren sie auf die jetzt nochmals verschärfte Krise in der einst so blühenden Auto-Metropole? Einer, der es wissen muss, ist Billy Weaver, unser Chauffeur und hier in Detroit geboren. Billy arbeitete von 1965 bis 1982 für General Motors (GM), kennt die Stadt und ihren Verfall bestens. Längst ist der 61-Jährige in Rente, verdient sich durch gelegentliche Jobs als Fahrer ein bisschen Kleingeld dazu. Er erklärt: "In den 60er Jahren war Detroit eine Weltstadt mit jeder Menge Entertainment und Power. Wir nannten die Stadt 'Little Italy'. Alle hatten einen Job, alle hatten Geld, alle waren schick angezogen. Manche wechselten die Kleidung dreimal am Tag."

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Heute ist alles anders. Kaum einer lebt mehr freiwillig hier. Die drei großen Autobauer GM, Ford und Chrysler produzieren jetzt hauptsächlich im Süden der Vereinigten Staaten oder "offshore", zum Beispiel in Mexiko. Es gibt nicht mehr viel zu tun in Detroit. "Früher herrschten hier Musik, Tanz und Lebenslust, heute Depression", erklärt Billy sichtlich enttäuscht. Neben der gewaltigen Auto-Industrie – vor genau hundert Jahren begann in Detroit die Massenproduktion von Automobilen mit dem Ford Modell T – war die Stadt Dreh- und Angelpunkt der Musikszene. 1959 gründete Berry Gordy Jr. die Produktionsfirma Motown Records. In den Studios im Norden Detroits nahmen Stars wie Stevie Wonder, die Jackson Five, Marvin Gaye oder Diana Ross ihre Welthits auf, waren Dauergäste in der Stadt. 1972 zog das das Unternehmen nach Los Angeles um, 1988 wurde es an MCA/Universal verkauft, der Firmensitz ist heute in New York. Das frühere Studio ist jetzt ein Museum. Besucherströme erwartet aber keiner. Auch Billy nicht. "Keine Arbeit, keine Show – heute kommt keiner mehr freiwillig nach Detroit." Billy ist Realist.

Chrysler verscherbelt Modelle zu Dumping-Preisen

Hat schon bessere Zeiten gesehen: Cadillac-Händler Doug Dalgleish wehrt sich mit Kampfpreisen gegen die momentane Autokrise.

Auch der 82-jährige Cadillac-Händler Doug Dalgleish hat schon bessere Zeiten erlebt. "Es geht immer weiter abwärts mit unserer einst so blühenden Stadt. 2008 war ein besonders hartes Jahr. Ich habe extrem wenig Autos verkauft. Trotz hoher Rabatte." Und die Autos werden in der Tat zu Schleuderpreisen verkauft in den USA. Beispiele aus Inseraten der Detroit News: Ein neuer Dodge Charger SE Plus (Vollausstattung) kostet derzeit 12.975 Dollar – statt regulär 23.940 Dollar, den Dodge Ram 1500 SLT gibt es ruinöse 20.000 Dollar günstiger – für 18.785 statt 37.125 Dollar! Dazu Stefan Bratzel, Leiter FHDW Center of Automotive: "Diese Rabatte sind der absolute Wahnsinn, eine reine Verzweiflungstat. Es geht nur noch um Cash. Chrysler versucht, seine Ausgaben einigermaßen zu kompensieren. GM, Ford und Chrysler stehen an der Wand, müssen versuchen, den totalen Zusammenbruch zu verhindern."

Bald wird alles gut – Obama sei Dank

Autohändler Doug Dalgleish sagt: "Nicht nur die die Auto-Industrie, alle Geschäftszweige sind betroffen. 2009 geht es mit Sicherheit aber wieder aufwärts." 2009? Aufwärts? Richtig gelesen! Den Kopf lässt man hier in Detroit nämlich nicht so schnell hängen. Keiner tut das. Egal, wen man fragt – die Einwohner von Detroit – und scheint es ihnen auch noch so schlecht zu gehen – sind sich einig: Wird schon wieder. Bald sogar. Die großen Autobauer werden irgendwann wieder kommen und in Detroit viele neue Autos produzieren. "Think positive" ist hier das Motto. Wie das funktionieren soll – da gibt es keine allgemein gültige Patentlösung. Die meisten hoffen, dass der neue Präsident der große Heilsbringer sein wird. God save Barack Obama.

Die Stadt braucht eine neue, moderne Infrastruktur

Ein Kind der Stadt: Chauffeur Billy wurde in Detroit geboren und ist sich sicher, dass die Motor City irgendwann wieder zu altem Ruhm zurückkehren wird.

Unser Fahrer Billy ist da wesentlich pragmatischer, aber auch er glaubt an die Wiederauferstehung seiner geliebten Motor City: "Detroit schafft es. Wir Detroiter haben einen großen Kampfgeist. Zuerst braucht die Stadt eine komplett neue Infrastruktur. Ein guter Anfang wäre ein modernes öffentliches Verkehrsmittelnetz, das die Innenstadt mit den Industriegebieten verbindet. Alles Marode muss weg, Neues, Innovatives muss her. Wenn die Leute sich wieder von Detroit angezogen fühlen, kommt auch die Autoindustrie zurück." Da, wo sie hingehöre, nach Motor City. "Irgendwann, da bin ich mir sicher, wird es wieder besser." Sagt's und blinzelt in die Sonne, die Detroit an diesem trüben Tag doch noch für einen klitzekleinen Moment in warmes Licht hüllt. Immerhin.

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