Eine WM-Etappe im Hyundai WRC

Eine WM-Etappe im Hyundai WRC Eine WM-Etappe im Hyundai WRC

Eine WM-Etappe im Hyundai WRC

— 20.08.2002

Mit Schwarz im grünen Bereich

Vom 23. bis 25. August jagen die WM-Asse erstmals durch Deutschland. Armin Schwarz lud zur Generalprobe in den Hyundai – eine Sonderprüfung für Christian Schön von AUTO BILD motorsport.

Gefesselt, eingelullt – und ab ...

Der Kerl ist wohl wahnsinnig. Niemals schafft er die Kuppe da vorn mit 160. Er kann sie ja nicht mal einsehen. Mir könnte es egal sein, wenn ich jetzt an meinem Schreibtisch oder draußen am Wegrand meinen Job machen würde. Aber hier, neben WM-Ass Armin Schwarz, hat der gemütliche Alltag Auszeit.

Wir fliegen über den berüchtigten Truppenübungsplatz von Baumholder, Schauplatz der zweiten Etappe der bevorstehenden Rallye Deutschland (23. bis 25. August). Unter uns liegt zentimeterdick der Dreck auf der rauen Betonbahn, garniert mit Felsbrocken im Melonen-Format. Quadratmetergroße Schlaglöcher sind aus der Straße herausgebrochen. Die legendären "Hinkelsteine", im Boden versenkte Betonplatten, die hier üblicherweise Panzern den Weg weisen, säumen die Strecke. Aber wir fegen im WM-Hyundai durch dieses Gelände, nicht im Leo II.

Kurz vor der Kuppe reißt der Herr neben mir erbarmungslos den sechsten Gang rein, stellt den Accent WRC 3 mit einem kurzen Ruck am Lenkrad leicht quer. Plötzlich ist rechts vorn, sodass ich unseren voraussichtlichen Landeplatz durch mein Seitenfenster erspähe. Sowie eine haarige Linkskurve ...

Aufs richtige Gummi kommt's an

"Mach dir keine Sorgen", klingen mir Manfred Hiemers Worte in den Ohren. "Armin fährt sich nur warm", hat der Schwarz-Beifahrer im Hyundai-Werksteam versprochen, als er mich zuvor, grinsend, mit dem handbreiten Hosenträgergurt an seinen Stammplatz fesselte. Er müsse erst mal schauen, wie die rund 3,5 km lange Wertungsprüfung heute Morgen aussieht, hatte Schwarz mich eingelullt. Schließlich habe die Teststrecke – offiziell vom Veranstalter der Rallye Deutschland zur Verfügung gestellt – schon fünf bis acht Tage intensiver Erprobungsfahrten der Werksteams auf dem Buckel. Suche nach der optimalen Fahrwerkabstimmung und dem besten Reifen für die erste deutsche WM-Rallye.

Armin Schwarz' Job an diesem Morgen: unterschiedliche Gummimischungen der Reifen ausprobieren und an der Abstimmung der Differenziale arbeiten. "Wir haben einen Reifen speziell für Baumholder entwickelt", verrät Michelin-Mann Pierre Louis Cohard. "Die Bedingungen, mit denen wir hier kämpfen, gibt's nirgendwo anders in der WM." Größtes Problem für Michelin und Konkurrent Pirelli: Die "Deutschland" ist offiziell eine Asphalt-Rallye, zugelassen sind also nur fast profillose, relativ empfindliche Slicks.

Mit den 18-Zoll-Breitreifen einher geht eine vergleichsweise harte Fahrwerkabstimmung. Für die erste Etappe in den Weinbergen an der Mosel und die schnellen Landstraßen im Saarland zum Abschluss genau die richtige Kombination. Aber speziell die geringe Bodenfreiheit ist auf dem holprigen Panzerplatz von Baumholder ein erheblicher Nachteil. Die Ingenieure erforschen den Kompromiss in der Fahrwerkabstimmung. Von morgens neun bis abends fünf Uhr.

Für die Landung gibt's Schmerzensgeld

Unser Hyundai ist mit Dutzenden von zusätzlichen Sensoren verkabelt, die alle denkbaren Drücke, Temperaturen und Verwindungen an den zentralen Bordcomputer melden. Zwei Lampen werfen vor und hinter dem Fahrzeug Lichtpunkte auf den Boden, deren Reflexionen von Motordrehzahl und Querbeschleunigung unabhängige Referenzwerte zur Fahrgeschwindigkeit liefern. Auch wenn das Auto in der Luft ist. Wie jetzt.

Wir fliegen etwa zehn Meter weit, ein kleiner Hüpfer. Aber bei der Landung knallen die Stoßdämpfer durch bis auf die Anschlagpunkte. "Wir müssen mit der Fahrzeughöhe raufgehen", wird Schwarz später Hyundai-Chefingenieur Graham Moore melden. Ich würde lieber tiefer gehen – in meinem Sitz. Mir reißt's bei der Landung den Kopf derart nach unten, dass ich vor Gericht problemlos Schmerzensgeld raushauen könnte. Jetzt weiß ich, warum Manfred Hiemer gegrinst hat – und im Einsatz eine Halskrause trägt. Die stützt den Helm. Er wird beim Vorlesen des Streckenaufschriebs nicht von diesen Peitschenschlägen überrascht. Oder von der brachialen Verzögerung, die 380 Millimeter große Bremsscheiben und Slick-Reifen sogar auf dem Dreck von Baumholder aufbauen.

Unser Meister tritt herzhaft zu – und alle vier Räder blockieren kurz, der Hyundai droht nach rechts auszubrechen. Quer rutscht das Auto auf die Kurve zu. Nun sehe ich den weiteren Weg durch das linke Seitenfenster. Ich würde Schwarz gerne schreiend auf den Irrweg hinweisen. Doch das scheinbar misslungene Manöver ist gewollt. Anstellen nennt man diese Akrobatik, mit der Tempo abgebaut und dem unkontrollierbaren Schieben über die Vorderräder (Untersteuern) entgegengewirkt wird.

"Das waren doch nicht mal 80 Prozent"

Kurz vor der Kurve, das Lenkrad längst voll nach links eingeschlagen, wirft Schwarz unter Vollgas das Accent-Heck wieder herum. Die Nase des 500.000-Euro-Renners schrammt eine Handbreit am Fels vorbei. Ein Streckenposten spendet stehend Szenenapplaus. Aber Schwarz steht längst wieder voll auf dem Bodenblech. Kein Durchdrehen der Räder, die Differenziale leisten Präzisionsarbeit.

Klack, klack, klack, im Sekundenabstand hämmert er Gang für Gang des sequenziellen Getriebes rein, prügelt den Hyundai über Schlaglöcher und Querrinnen, die ein Serienauto auseinander reißen würden. Es wird heiß. Antriebsstrang und Auspuff glühen um die Wette. Obwohl ich nichts zu tun habe, komme ich unter feuerfestem Rennoverall und Helm schwer ins Schwitzen. Auch Schwarz, durchtrainierter Fitness-Fanatiker, kocht im eigenen Saft – trotz Servo-Unterstützung.

Ich denke an die Reifen. Meine Angst schlägt in Mitleid um. Ohne Anti-Plattfuß-System wären Ausfälle auf den teils über 30 km langen Wertungsprüfungen programmiert. Nachher danke ich etwas steif für die Vollgasvorführung. Schwarz entgegnet irritiert: "Das waren doch nicht mal 80 Prozent." Natürlich, ich nicke. Ich kann auch ohne die restlichen 20 leben.

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