Elektronik-TÜV

Elektronik-TÜV

— 23.05.2008

Diese Prüfung ist ein Witz

Die Zeiten haben sich geändert, heute produzieren elektronische Bauteile einen Großteil der Fehler. Ab 2009 sollen TÜV, DEKRA und Co bei der Hauptuntersuchung auch die Elektronik kontrollieren.

Mehr Sicherheit bringt das dem Autofahrer nicht – nur höhere Kosten. Mit Hammer und Schraubenzieher sucht der TÜV-Prüfer unterm Wagen nach Rost und Gammel – dieses Bild kennen wir. Doch die Zeiten haben sich geändert, heute produzieren elektronische Bauteile einen Großteil der Fehler. Ab April 2009 müssen sich deshalb alle Pkw, die erstmals zur Hauptuntersuchung (HU) vorfahren, einer Kontrolle der sicherheitsrelevanten elektronischen Bauteile wie ABS, Airbags und ESP unterziehen. Im Prinzip eine gute Idee, sie kommt allerdings um Jahre zu spät. Schließlich machen Helfer wie ABS seit Ende der 70er-Jahre das Fahren sicherer.

Noch fehlen geeignete Diagnosemethoden für komplexe Bauteile

Schlimmer jedoch: Die neue Elektronikprüfung droht eine Lachnummer zu werden, denn über die Funktionstüchtigkeit der komplexen Bauteile sagt sie so gut wie nichts aus. Der Grund: Es fehlen noch geeignete Diagnosemethoden. Was das in der Praxis heißt, war bei einem Probelauf der geplanten Extratests zu beobachten: Um die elektronische Leuchtweitenregulierung zu kontrollieren, setzten sich mehrere Prüfingenieure in den Kofferraum einer Limousine. Ein Kollege vorn am Wagen konnte so die korrekte Scheinwerfereinstellung überprüfen. Noch sinnfreier erscheint die geplante Kontrolle von ABS und ESP: Es wird lediglich geguckt, ob die jeweiligen Steuergeräte im Fahrzeug vorhanden sind und die jeweiligen Kontrolllampen im Cockpit nach dem Motorstart erlöschen. Kaum zu glauben: Kann der Prüfer beide Fragen mit "Ja" beantworten und stimmt auch sonst alles am Auto, gibt es die Plakette.

Gleiches gilt für die Airbags: Ist der entsprechende Kasten an Ort und Stelle und warnt kein Lämpchen, ist alles in Ordnung. "Hier müssen noch tiefer gehende Prüfverfahren entwickelt werden", sagt Jörg Schwinn, stellvertretender technischer Leiter bei der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger (KÜS). Und das werde wohl noch ein paar Jahre dauern.

So haben die Prüforganisationen TÜV, DEKRA, GTÜ, KÜS und Co bereits im Jahr 2004 eine "Fahrzeug Systemdaten GmbH" gegründet, die bei den Automobilherstellern Informationen zu den sicherheitsrelevanten Elektroniksystemen sammeln soll, doch deren Ausbeute ist eher mau: Bislang liegen erst Daten von 65 Prozent der Hersteller vor. So werden sich ab April 2009 wohl in vielen der bundesweit rund 40.000 Prüfstellen Kontrolleure in Kofferräume klettern. Wohlgemerkt nur bei Autos ab Erstzulassung April 2006 – Millionen älterer Modelle bleiben ohnehin außen vor. Deutlich reibungsloser erfolgte die Anhebung der Prüfgebühren. Am 13. Februar 2008 kletterten die Preise für eine HU von bis dahin maximal 38,90 Euro auf bis zu 43,50 Euro. Legt man nur einen mittleren Preisanstieg von 1,50 Euro zu Grunde, sind das mal eben 34 Millionen Euro pro Jahr, die der deutsche Autofahrer zusätzlich bezahlen muss. Dafür, dass ein Prüfer nachsieht, ob die Airbag-Lampe leuchtet.

Autor: Roland Niederlich

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.