Ende der Kultmarke Saab

Ende der Kultmarke Saab

— 14.01.2010

Langsam trollt sich Saab

Bittere Tage in Trollhättan: GM findet keinen Käufer für seine Tochter Saab und will Schwedens Kultmarke nun sang- und klanglos abwickeln. AUTO BILD machte eine Reise ins Saab-Land.

Nach langem, geduldig ertragenem Leiden ist in Trollhättan, Schweden, die Svenska Aeroplan Aktiebolaget (Schwedische Flugzeug AG), genannt Saab, sanft eingeschlafen. Wir trauern um einen lieben Freund, der uns treue Dienste leistete und mit seiner fröhlichen Eigenwilligkeit erfreute. Friede seinem Blech, seinen Zweitaktmotoren, Freiläufen, Turboladern, Scheinwerferwaschern, Sitzheizungen, Zündschlössern auf dem Mitteltunnel und völlig unmöglichen Rallyeerfolgen. Saab, wir vermissen dich!

Alle News und Tests zu Saab

Dieser Nachruf ist vielleicht voreilig und pietätlos, denn ein bisschen lebt Saab ja noch, wenn auch die Hoffnung nur schwach glimmt, dass sich ein Wohltäter (kein Blutsauger) findet, der die Firma zu fairen Bedingungen von General Motors übernimmt. Wir würden uns freuen, wenn wir uns irrten, und nähmen reumütig alles zurück. Es heißt, GM will Saab nun "abwickeln". Dieses zynische Wort! Klingt nach Verwaltungsakt. Gemeint ist: Liquidation! 3400 Leute entlassen plus 4000 bei Zulieferern! Saab aber ist keine marode Bruchbude. Saab ist ein Edelstein, vor allem beim Image.

Alles News und Tests zum Saab 9-5

Wir möchten gar nicht wissen, wie Erik Carlsson zumute ist, Mister Saab, dem einstigen Rallye-Titanen, der mit einem – Achtung! – 38-PS-Zweitakter im Modell 96 zweimal die Rallye Monte Carlo gewann. Der 80-Jährige lebt heute fern im englischen Exil. Der Abstand zur Heimat dürfte ihm derzeit wohltun, zu Trollhättan, nördlich von Göteborg, das nach den Hättan benannt ist, den Felsvorsprüngen (Hüten) über den zahlreichen Wasserfällen, unter denen Trolle hausen sollen. Das sind drollige Fabelwesen, von denen es immer hieß, dass sie die Saab herstellten. "Saab, made in Trollhättan by Trolls" stand früher an den Autos.

Saab als Mainstream-Protest

Skandinavien braucht robuste, nützliche Fahrzeuge. So bauten die Saab-Trolle ulkig-eigenbrötlerische, aber auch praktisch-sichere Vehikel. Alle, denen sonstige Marken zu angepasst vorkamen, sammelten sich unter dem Saab-Logo zum Mainstream-Protest. Es war auch der Asterix-Effekt. "Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten." So war das auch mit Saab. Umzingelt von den Giganten des Autogeschäfts, waren diesmal Goten die Aufrechten. Aber die Firma balancierte stets auf dem Grat zum Bankrott. Bis sie strauchelte – und ausgerechnet der Größte zuschnappte: Was bei Asterix die Römer, war im Autogeschäft General Motors.

Tränen wegen der drolligen Gefährte

Jan Jensen, Computer-Fachmann aus Halmstad, geht die Geschichte der tapferen Firma Saab ans Gemüt.

Im Saab-Museum treffen wir Jan Jensen. Er lauscht den Storys des Audio-Führers, guckt sich die drolligen Gefährte an, hört, dass Saab kurz vor dem Exitus stehe, und heult, weil ihm die Geschichte der tapferen Firma so ans Gemüt geht. Da denkt er, Mensch Jan, ich sollte meinen BMW 3er verkaufen und mir ein Auto dieser Verrückten aus Trollhättan holen. Er arrangiert gleich eine Probefahrt. In der ganzen Welt rührt sich der Protest gegen GM, die dieses schwedische Juwel auf dem Scheiterhaufen eigener Fehler opfern wollen. Im Internet gibt es Aufrufe, GM-Produkte in Zukunft zu boykottieren, es wird zu Sternfahrten aufgerufen, der Musiker David Blumberg schrieb einen Song mit Video (bei YouTube unter "Griffin up!"), Saab-Freunde haben Webseiten zur Rettung aufgelegt (saabsunited.com und rescue-saab.com), es gibt flammende Appelle und beträchtliche Wut auf Detroit. Lennart Andersson, Verkaufschef des größten Saab-Händlers in Trollhättan: "Ich glaube, die GM-Bosse wissen gar nicht, wo Trollhättan liegt.

GM sagte "No!" zum SUV-Vorreiter

Vor fünf Jahren hatte Saab ein kleines SUV fix und fertig entwickelt, es wäre der Erste gewesen, vor BMW X3 und VW Tiguan, aber GM sagte ängstlich "No!". Zum neuen 9-5 jedoch sagten sie "Yes!". Der ist frisch entwickelt und fertig fürs Fließband, die Saab-Leute hatten ihn nach langem Kampf mit GM zudem gerade aus Rüsselsheim nach Trollhättan geholt, dito das 9-3 Cabrio aus Österreich. Erstmals haben sie nun alle ihre Autos wieder in der Heimat, und jetzt? "Es ist zum Verzweifeln", sagt Håkan Danielsson, Aerodynamik-Chef von Saab. Dennoch bleibt er optimistisch. "Wir haben 800 Leute in der Entwicklungsabteilung und sind stark genug, allein weiterzumachen." Außerdem gilt die Fabrik als eine der modernsten Europas, "GM hatte auch viel investiert".

Saab büßte seinen größten Schatz ein

Noch rauchen die Schornsteine im Saab-Werk in Trollhättan. Aber wie lange noch?

Von Fabriken versteht GM etwas, aber die Marke wurde nicht verstanden. Die Manager begriffen nicht, dass in die Seele investiert werden muss. Saab hatte das Schwedische eingebüßt, den größten Schatz. Ein Opel unter dem Kleid macht keinen Saab. Die Kunden sind keine dummen Leute, die spüren das. Dass GM inzwischen die Produktionseinrichtungen des alten 9-3 und 9-5 an den chinesischen Hersteller BAIC verkauft hat, ist zu verschmerzen. Dort werden die Wagen unter China-Namen weiterhin zu kaufen sein. Hoffentlich sind sie dann nicht mehr als Saab zu erkennen.

Verhaltene Trauer in Trollhättan

Trollhättan übrigens trauert verhalten. Schweden ist ein Sozialstaat. Arbeitslose bekommen hier lange 80 Prozent ihres letzten Gehalts. Nur im Schaufenster der Socialdemokraterna, das ist Schwedens SPD, finden wir einen Hinweis auf das Schicksal des größten Arbeitgebers der Stadt. Da hängt ein Zeitungsausschnitt aus den Siebzigern: "SAAB GÖR SUCCÉ", Saab hat Erfolg. Die Dekoration jedoch erinnert an ein Beerdigungsinstitut. Denn was bedeutet SAAB heute? "Schwedische Autos Amerikanisch Beerdigt".

Autor: Bernhard Schmidt

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