Ende der Schonfrist für den VW-Chef

VW-Chef Bernd Pischetsrieder droht Fehlstart

Ende der Schonfrist für den VW-Chef

— 22.07.2002

Pischetsrieder droht Fehlstart

Kurz vor der Halbjahresbilanz melden sich die Analysten. Ihre Prognose: Die ehrgeizigen Ertragsziele des Wolfsburger Autokonzerns werden sich kaum erfüllen lassen.

Analysten sind skeptisch

Den nächsten Tagen dürfte Bernd Pischetsrieder mit gemischten Gefühlen entgegensehen. Am Donnerstag (25. Juli) ist der seit 17. April amtierende VW-Vorstandschef 100 Tage im Amt – Ende der Schonfrist. Und schon am darauf folgenden Dienstag (30. Juli), wenn er das Halbjahresergebnis des Wolfsburger Autokonzerns präsentiert, werden Analysten, Aktionärsschützer und die Presse über ihn herziehen – weil klar sein dürfte, dass der Nachfolger von Ferdinand Piëch sein selbst gesetztes Ziel – ein Vorsteuerergebnis auf Vorjahresniveau – nicht erreichen kann.

Dass Pischetsrieder bis zuletzt gebetsmühlenartig voraussagte, Volkswagen werde 2002 mindestens wieder 4,4 Milliarden Euro an Vorsteuergewinn ausweisen, ist für Fachleute wie Ferdinand Dudenhöffer, Professor am Center Automotive Research der Fachhochschule Gelsenkirchen, vollkommen unverständlich: "Es ist nicht nachvollziehbar, wie Pischetsrieder das schaffen will. In ganz Europa ist das Fahrzeuggeschäft rückläufig. Und die hohen Rabatte und sonstigen Kaufanreize drücken den Gewinn obendrein." Seine Rechnung: Wenn allein bei der Marke VW rund 500 Euro an so genannten Verkaufskosten hinzukommen, ergibt sich dadurch ein Gewinnrückgang von 300 Millionen Euro.

Auch das Gros der Analysten ist skeptisch. Nach einer von VW selbst gestarteten und vor wenigen Tagen veröffentlichten Umfrage bei 45 Häusern rechnen die Analysten im Durchschnitt allenfalls mit einem Gewinn vor Steuern von nur knapp über vier Milliarden Mark. Arndt Ellinghorst, Autospezialist bei WestLB Panmure: "VW sollte schnellstens sein Ergebnisziel revidieren. Ein zu langes Zögern könnte die Glaubwürdigkeit des Managements nachhaltig belasten." Ellinghorst rechnet denn auch nur mit einem Ergebnis von rund 3,8 Milliarden Euro. Und selbst diese Kennziffer ist mit Vorsicht zu genießen, weil sie nicht nur Gewinne widerspiegelt: VW aktiviert nach Schätzung der WestLB die zahlungswirksamen Forschungs- und Entwicklungskosten mittlerweile zu 66 Prozent (im Vorjahr: 56 Prozent) und generiert damit in diesem Jahr zusätzlich einen Ergebniseffekt von 394 Millionen Euro.

Golf und Passat in die Jahre gekommen

Die Marktdaten sind jedenfalls eindeutig. Bei den Pkw-Neuzulassungen in Westeuropa ist der Konzern im ersten Halbjahr mit einem Minus von acht Prozent auf 1,41 Millionen Autos neben Fiat, Opel und Nissan einer der großen Verlierer. Einzig die Konzernmarke Audi erzielte ein Plus von 3,6 Prozent, während VW (Golf, Passat, Polo, Lupo) einen Rückgang um 10,6 Prozent erlitt und mit einem auf 10,2 gesunkenen Marktanteil von Renault (10,9 Prozent) auf den dritten Platz verdrängt wurde. Den anderen beiden Volkswagen-Volumenmarken Seat und Skoda erging es nicht besser.

Selbst auf dem Heimatmarkt machen die ausländischen Marken den Wolfsburgern schwer zu schaffen. In den ersten sechs Monaten gaben Citroën, Peugeot, Renault und auch Toyota in Deutschland kräftig Gas, während die Marke Volkswagen um 8,3 Prozent zurückfiel. Einzig Audi legt mit einem Plus von 1,1 Prozent leicht zu. Das Hauptproblem Pischetsrieders: Die Volumenträger Golf und Passat sind in die Jahre gekommen und fahren im Rückwärtsgang. Die Nachfolger rollen erst Ende 2003 an (Van auf Golf-V-Basis: Ende September 2002). Einzige Lichtblicke neben Audi sind zurzeit der neue Polo und der Seat Ibiza.

Da kommt bei Dudenhöffer fast schon Mitleid auf: "Warum tut sich Pischetsrieder das an und wagte schon im März, als er noch gar nicht im Amt war und alle vor einem schwierigen Jahr warnten, ohne Not eine solche Prognose?" Und wenn der VW-Chef tatsächlich für 2002 ein Ergebnis in Vorjahreshöhe ausweisen sollte, dann müsse man sich die Zahlen schon sehr genau anschauen.

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