ESP bald Pflicht?

ESP bald Pflicht?

— 19.04.2007

Europa auf Schleuderkurs

Die USA führen eine ESP-Pflicht für alle Neuwagen ein. Die EU zögert dagegen mit einem Gesetz – obwohl das "Stabilitätssystem" Tausende Leben retten könnte.

Das Dokument trägt die Nummer 27.662, ist 327 Seiten dick – und lässt den alten Kontinent noch ein ganzes Stück älter aussehen. Die US-Straßenverkehrsbehörde NHTSA hat das Schriftstück gerade herausgegeben.

Es ist ein Gesetz, mit dem die USA eine ESP-Pflicht für Pkw und Kleintransporter einführen. Diese gilt für alle Neuwagen, die ab dem 1. September 2011 verkauft werden, und soll in den USA etwa 10.500 Leben retten. Pro Jahr. In Europa ist eine solche Regelung dagegen weit und breit nicht in Sicht. Und das, obwohl die Studien und Forschungsergebnisse eindeutig sind: Hierzulande könnte ESP jährlich bis zu 37.000 Unfälle mit Verletzten und 1100 Unfälle mit Getöteten verhindern, schätzt der ADAC. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat ermittelt, dass 60 Prozent aller Unfälle mit Todesfolge durch Schleudern des Fahrzeuges verursacht werden. Und auch ein groß angelegter Test von AUTO BILD mit neun Autos ohne ESP hat ergeben, dass da massiv an der Sicherheit gespart wird.

Im krassen Gegensatz zu all diesen Erkenntnissen steht die Ausrüstungsquote. Nur 42 Prozent aller Neuwagen in der EU haben laut Bosch den elektronischen Schleuderschutz an Bord. Heißt im Umkehrschluss, bei 58 Prozent fehlt er. Europa befindet sich damit auf einem gefährlichen Schleuderkurs – und fährt den Amis gewaltig hinterher. Es ist schon erstaunlich: Die EU schafft es, die Sortierung von Rohholz zu regeln, den Krümmungsgrad von Gurken festzulegen und zu definieren, was genau ein Schlafanzug ist. Aber wenn es wirklich wichtig wird, passiert nichts. Zwar steht die ESP-Pflicht seit Jahren auf der Brüsseler Agenda, vorantreiben mag sie aber niemand. "Wir könnten ESP über das EU-Zulassungsrecht vorschreiben", heißt es in Brüssel hinter vorgehaltener Hand, "aber wenn wir dort Änderungen vornehmen, fallen allen Mitgliedsstaaten neue Sonderreglungen ein. Deshalb will da niemand ran."

Jörg Ahlgrimm, Chef-Unfallforscher des DEKRA, hat dafür kein Verständnis: "Bei unerwarteten Ausweichmanövern sind viele Autofahrer überfordert. Die wissen gar nicht, in welche Gefahr sie sich ohne ESP bringen." Deshalb fordert der Experte: "Wenn das Stabilitätssystem von den Herstellern nicht freiwillig in allen Autos angeboten wird, muss eben der Gesetzgeber tätig werden." Auch der Europa-Politiker Markus Ferber (CSU) befürwortet grundsätzlich den vermehrten Einsatz von ESP. Er schränkt aber gleichzeitig ein: "Ich bin skeptisch, ob wir in der EU wirklich alles durch ein Gesetz regeln sollten." Zumal eine ESP-Pflicht die Neuwagenpreise vermutlich weiter in die Höhe treiben würde. Die Amis sehen dagegen die Vorteile einer gesetzlichen Regelung. Verkehrsministerin Mary E. Peters: "Wie beim Airbag und beim Sicherheitsgurt werden wir uns auch beim ESP eines Tages fragen, wie wir jemals ohne ausgekommen sind."

Autor: Alex Cohrs

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