Etox Zafer

Etox Zafer

— 08.06.2009

Der Süpersportwagen

In Ankara entsteht der erste türkische Pkw seit 1984. Der Etox Zafer verbindet Kleinwagen-Technik mit Sportwagen-Optik. Unter der Haube des Exoten schnaufen sparsame 125 Diesel-PS von Renault, der Preis liegt bei 40.000 Euro.

Das Herz der türkischen Autoindustrie schlägt in einem Gewerbegebiet, und zwar direkt zwischen einer Tankstelle und einem Abstellplatz für Lastwagen. Vor dem Gebäude liegen Pflastersteine und Zementsäcke, der Seiteneingang ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Die Botschaft ist klar: Sie bauen aus, die Leute bei der Firma Ertex Auto Decoration in Ankara, sie machen sich hübsch für Besucher. Sie sind jetzt ein Autohersteller. In dem unscheinbaren Ertex-Gebäude an der Ausfallstraße entsteht der Etox Zafer, der erste türkische Pkw seit der Einstellung des Anadol A8-16 im Jahr 1984. Etox was? Machen Sie sich keine Gedanken, wenn Sie den Namen noch nie gehört haben. Etox ist ein Kunstwort, das sowohl den Firmennamen Ertex als auch die Türkei und den Autobau beinhaltet. Und Zafer ist das türkische Wort für "Sieg". Vor allem aber handelt es sich um einen wahren Exoten. Wiesmann, Gumpert oder Spyker sind dagegen fast schon Massenware.

Mit einer Demütigung hat alles angefangen

Das Stummelheck des Etox mit Doppelrohr-Auspuff erinnert an den Nissan 350Z.

In seinem Büro sitzt Ertex-Chef Ercan Malkoç unter einem Porträt des Staatsgründers Kemal Atatürk und erzählt seine ganz eigene Gründungsgeschichte. Mit Innenausstattungen für Kleinbusse ist der 43-Jährige reich geworden. Ertex baut hauptsächlich Fahrzeuge von VW, Mercedes und Hyundai um. Malkoç beliefert Geschäftsleute, Regierung und Prominente, nur hat sich das noch nicht überall herumgesprochen. Als er auf einer Automesse in einem Ferrari probesitzen wollte, wurde ihm das vom Standpersonal verwehrt – das sei allein den VIPs vorbehalten. Malkoç: "In dem Moment habe ich mir geschworen, mein eigenes Auto zu bauen." Nach einer ähnlichen Demütigung durch Ferrari hatte einst ja auch Ferruccio Lamborghini mit dem Automobilbau begonnen...

Im Etox Zafer verstecken sich schüchterne 125 Diesel-PS

Selfmade-Millionär: Mit Innenraumgestaltungen wurde Ertex-Chef Malkoç reich – das Geld steckt er in den Zafer.

Malkoç führt uns in den Keller seiner Firma. Die Gänge sind nur schwach beleuchtet, von irgendwoher kommt türkische Musik. Drei Männer sitzen an Nähmaschinen von Pfaff und arbeiten mit Leder, nebenan schweißt jemand am Gestell einer Rückenlehne. Über seinem Kopf hängt ein Schild mit der Aufschrift "Önce iş güvenliği", das heißt auf Deutsch in etwa: "Arbeitssicherheit ist das Wichtigste." Der Schweißer trägt keine Schutzmaske. Es ist alles ein bisschen anders hier als, sagen wir, beim Daimler in Untertürkheim, und dennoch kommt am Ende ein Auto heraus – ein gar nicht mal so hässliches. Draußen vor dem Ertex-Gebäude wartet ein weißer Etox Zafer auf uns. Erster Gedanke: Mensch, der erinnert mit seinem Stummelheck und der Dachlinie aber an einen Nissan 350Z! Ein Sportwagen auf türkische Art steht da – gewissermaßen ein Süpersportwagen... Dass Firmenchef Malkoç aber eine andere Zielgruppe im Blick hat als die Japaner, merkt man, wenn man den Motor anlässt: Da fauchen nicht 280 PS und mehr wie im 350Z, nein, da melden sich ganz schüchterne 125 PS – Diesel-PS! "Bei uns in der Türkei ist Diesel viel billiger", sagt Malkoç und fügt hinzu: "Ich bin Idealist und möchte, dass sich so viele Menschen wie möglich dieses Auto leisten können."

Crashtests am Computer

Den Preis des Etox Zafer hat er mit 40.000 Euro angesetzt. Dafür bekommt man ein Auto, das wie ein Kleinwagen beschleunigt und sich auch so fährt, aber wie ein echter Sportwagen aussieht – wenn man von den riesigen Spaltmaßen absieht. Vor allem aber richtet sich der Wagen an den automobilen Nationalstolz der Türken, der seit dem Devrim-Desaster von 1961 gelitten hat. Damals sollte das erste türkische Auto am Tag der Republik vorgestellt werden – und blieb mit Präsident Cemal Gürsel an Bord aus Spritmangel liegen. Das alles soll jetzt vergessen sein. Malkoç: "Wir Türken hatten lange keine eigene Automobilproduktion mehr. Ich will beweisen, dass wir es können." Die ersten beiden Autos hat er bereits ausgeliefert, weitere 20 Bestellungen liegen vor. Jeder Wagen sei eine im Innenraum auf Größe und Gewicht des Fahrers angepasste Maßanfertigung, verspricht Malkoç. Die Sicherheit sei auch kein Problem: "Wir haben 31 Crashtests simuliert." Am Computer, wohlgemerkt. Die Hälfte der 20 Bestellungen kommt übrigens von in Deutschland lebenden Türken. Kann also gut sein, dass er Ihnen demnächst mal begegnet — der Süpersportwagen aus Ankara.
Etox Zafer - Technische Daten
Motor Vierzylinder, Diesel
Hubraum 1461 cm³
kW (PS) bei U/min 93 (125)
max. Drehmoment 185 Nm
Getriebe 5-Gang
Reifengröße 225/40 ZR 18
Länge/Breite/Höhe 4215/1980/1290 mm
Verbrauch Kurz-/Langstrecke 5,7/4,1 l Diesel
Abgas CO2 117 g/km
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 13 s
Tankinhalt 40 l
Leergewicht 1420 kg
Preis 40.000 Euro
Alex Cohrs

Alex Cohrs

Fazit

Wer Technik der Großserie gewohnt und auf Spaltmaße fixiert ist, der wird mit dem Etox Zafer sicher keine Freundschaft schließen. Ich finde das Projekt trotzdem sympathisch: Ohne lange zu zweifeln (und nur mit Eigenkapital!), hat sich da jemand seinen Traum erfüllt – und nebenbei die türkische Autoproduktion wiederbelebt.

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