EU-Importe

Autokauf in Europa: Total beschränkt Autokauf in Europa: Total beschränkt

EU-Importe

— 13.08.2002

Autokauf in Europa: Total beschränkt

Freier EU-Binnenmarkt? Wir machten den Test in Dänemark. Und wurden behindert, beschwindelt, vertröstet.

Blockade gegen Billig-Angebote

Sie mögen Rätsel? Gut, also aufgepasst: Zwei Verkäufer im selben Autohaus beraten am selben Tag je einen Kunden zum selben Modell. Der eine frohlockt: "Sie können den Wagen Ende der Woche haben." Der andere mufft: "Erst im Oktober können wir über Ihre Order reden, Lieferung frühestens Anfang 2003." Quiz-Frage: Was unterscheidet die beiden? Antwort: Die Herkunft ihrer Kunden.

Kolding, Dänemark. VW-Verkäufer Morten Leegaard berät seine Landsmännin Birgit Jensen. Sein Kollege Ulrik Andersen spricht mit mir – einem Deutschen – über den identischen Passat Variant TDI. Seit unserer Test-Tournee durch das Königreich ist klar: Die Konzerne haben längst neue Tricks drauf, um den Fahrzeugfluss aus den Billig-Ländern zu behindern. Vorbei die Zeiten, da VW und Co ihren Händlern die grenzenlosen Deals widerrechtlich untersagen; die Millionen-Bußgelder aus Brüssel haben gesessen. Heute geschieht die Blockade eleganter: durch künstliche Verknappung.

Doch nun kontern die Eurokraten: Am 17. Juli 2002 wurde die Neuauflage der so genannten Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) verabschiedet. Damit sind die Weichen für ein Ende der preislichen Kleinstaaterei und die endgültige Öffnung des EU-Automarktes gestellt. Bereits jetzt wollen viele dänische Verkäufer die Summen in den Bestellformularen nicht bis zur Lieferung garantieren. Was sie eigentlich müssten. Fünf vor zwölf also, bis für die EU-Importe die Lichter ausgehen. Und darum höchste Zeit für eine Momentaufnahme. 14 Händler besuchten Birgit und ich in ihrer Heimat, wollten vor allem wissen: Kaufen Deutsche gemäß EU-Recht zu gleichen Konditionen wie Dänen? Um es vorwegzunehmen: nein.

Da ist was faul im Staate Dänemark

Frechster Ausreißer: ein Passat, dessen Barkauf für uns faktisch teurer wäre als in Deutschland. "Bei uns gibt es den TDI acht Punkte unter Listenpreis", sagt ein Hamburger VW-Mann. Sein Kollege jenseits der Grenze liegt rund fünf Prozent darüber. Denn Nicht-Dänen zahlen bei ihm 4300 Euro Aufschlag. 30 Prozent und mehr sparen kann nur, wer lange sucht. Am besten im Norden des Landes. Die von uns ermittelten Preisvorteile: BMW 320d 14,3%, Ford Focus 19,6%, Opel Zafira 20,6 bis 23,7%, Skoda Octavia und Toyota Corolla Verso um 22%, VW Passat bis 22,7%. Aber wann und für welchen Betrag das Fahrzeug kommt – das bleibt meist im dänischen Dunst verborgen.

Generell gilt: Für Autos, die in Dänemark gut verfügbar und preislich attraktiv sind, gibt es auch in Deutschland großzügige Rabatte. Weder sehr billig noch schnell zu haben: Diesel mit Kombiheck. Diese Vorliebe teilen die Nordmannen mit uns. Sofort startklar für meine dänische Partnerin, irrwitzige Lieferzeiten für mich: Immer wieder erfahren wir diesen Kontrast. Ganz zu schweigen von den Differenzen der Nettopreise. Die übrigens kaum ermittelbar sind. Einfach die Umsatzabgabe abziehen? Von wegen: Die dänische Steuer ergibt sich aus einem wilden Geflecht. Unterm Strich müsste Birgit 58.000 Euro brutto für einen nackten BMW 320i zahlen. Doppelt so viel wie ich in Deutschland. Da ist doch was faul im Staate Dänemark.

Der Autor des "EU-Importratgebers" (www.viking-media.de, Tel. 0 48 02-12 84), Norbert Albrecht, hat eine komplizierte Formel entwickelt. Die zum Zirka-Nettopreis führt. Legen wir sie zu Grunde, landen wir bei 1460 Euro "Deutschen-Aufpreis" im Test-Schnitt. "Das ist absolut üblich", bestätigt der Spezialist, der die Praxis der Pappenheimer aus dem Pølser-Land kennt. "Trotzdem bediene ich Ihre Landsleute nicht gern", gibt Skoda-Mann Hans Christensen zu: "Die paar Wagen, die uns zugeteilt werden, muss ich an hiesige Käufer weitergeben." Stimmt, denn die Marge ist so mager, dass erst folgende Werkstattaufträge die Rendite bringen. Geht der Wagen außer Landes, bleibt die Werkstatt leer.

"An Deutsche verkaufe ich nicht"

Fast jeder Verkäufer versichert hingegen, dass alle die gleichen Nettopreise zahlen. Und Dänen lügen nicht, heißt es. Spinnt also die Albrecht-Formel? Sie stimmt, die Schlipsträger in den Showrooms dagegen schwindeln. Das beweist der erfreuliche Ausreißer: das Toyota-Haus Lund in Aabenraa. Sein Teutonen-Aufpreis: gerade 39 Euro. Das liegt in Albrechts Toleranzbereich. Und: Birgit wie ich erfahren im leer gefegten Pavillon denselben Liefermonat. "Seit Jahresbeginn verkauften wir schon über 200 Autos nach Deutschland, Österreich und Italien", sagt Verkäufer Jan Nielsen stolz.

"Die Wagen stammen sicherlich aus Norwegen oder Finnland", mutmaßt Albrecht. Sonst seien diese Konditionen nicht machbar. Die Kehrseite: Ein paar Straßen weiter schmeißt mich Opel-Händler Jensen fast raus. Es ist 10.30 Uhr, ich sei heute schon der fünfte Deutsche. Und an die verkaufe er nicht. Vielleicht nächstes Jahr. Und tschüs. Wenigstens ehrlich. Aber ein Verstoß gegen die Maastrichter Verträge. Für den in erster Linie die Zuteil-Politik des Herstellers verantwortlich ist.

Wie war noch das Versprechen des europäischen Wettbewerbshüters Mario Monti? Er werde jeder Beschwerde über Autobauer nachgehen, die EU-Bürger daran hindern, auf einem Billig-Markt zu kaufen. Der Tatbestand ist hier erfüllt – zumindest durch die Hintertür. Somit ist dieser Artikel unser blauer Brief nach Brüssel. Herr Monti, übernehmen Sie!

GVO: Das ändert sich ab 1. Oktober Die Händler haben künftig die Wahl der Vermarktung: Sie sind nicht mehr an enge Verkaufsgebiete gebunden, dürfen verschiedene Marken unter einem Dach anbieten, können über Supermärkte und das Internet vertreiben. Neuwagenhändler müssen keine eigene Werkstatt mehr betreiben. Der Gewährleistungsanspruch ist nicht mehr an Reparaturen/Wartungen und Ersatzteilverkäufe durch Markenbetriebe gebunden. Und die Autopreise werden sich international angleichen. Das endgültige Ende der EU-Grauimporte kommt 2005: Dann können Händler Auslandsfilialen eröffnen. Lichtblick für Schnäppchenjäger: Mittlerweile werden Importe aus Osteuropa interessant.

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