Ex-Pilot Zanardi genest in Rekordzeit

Ex-Pilot Zanardi genest in Rekordzeit

Ex-Pilot Zanardi genest in Rekordzeit

— 02.09.2002

Starker Wille, Beine aus Titan

Ein knappes Jahr nach seinem Unfall beim Cart-Rennen auf dem Lausitzring präsentiert Alex Zanardi sich in Berlin als Kämpfernatur.

Das Lächeln eines Siegers

Wieso tut der Mann sich das an? Alex Zanardi (35) steht auf dem Sportplatz der Berliner Unfallklinik und blinzelt ungläubig in die Sonne. "Seid ihr alle meinetwegen gekommen?" fragt er. So ein Krankenhaus-Jubiläum lockt gewöhnlich nur Lokalreporter aus den Redaktionen, hier in Marzahn drängeln sich drei Kamerateams und zwei Dutzend Journalisten. "Alex, geh doch bitte ein paar Schritte", ruft einer. Zanardi spreizt die Gehhilfen ab, Fotoapparate klicken. Tatsächlich, er geht. Zunächst ein wenig ruckartig, dann viel runder. Man ist geneigt zu sagen: ganz normal.

Für den ehemaligen Rennfahrer muss der Trip nach Deutschland eine Qual gewesen sein. Die Fahrt im Auto von Monte Carlo zum Flughafen Nizza, der Fußweg durch das lange Terminal, umsteigen in Frankfurt, wieder endlose Korridore. Der Flug nach Berlin, der Transfer zum Hotel Grande Esplanade. Der Empfang am Vorabend. Langes Stehen schmerzt ihn, dann beginnt die Haut unmittelbar über seinen künstlichen Beinen zu brennen. Zanardi lässt sich nichts anmerken. Er lächelt das Lächeln eines Siegers: "Ich habe mich sehr über die Anteilnahme der Ärzte und Pfleger gefreut und über die Fanpost aus Deutschland."

In Amerika ist Zanardi ein Star, seit er das Kunststück vollbrachte, zwei Mal hintereinander (1997, 1998) die Cart-Serie zu gewinnen. In Europa bescherten ihn die Formel-1-Engagements bei Jordan, Benetton, Minardi und Williams bescheidende sportliche Anerkennung: Platz sieben als bestes Ergebnis bei Williams nach der Rückkehr in die Eliteliga 1999. Netter Kerl, talentiert, aber wenn's drauf ankommt, ein Loser. Am 15. September 2001 verfolgte die alte und Neue Welt das Schicksal des gebürtigen Italieners gleichermaßen gebannt – wie die Todesfahrt Ayrton Sennas 1994. Zanardi verunglückte beim ersten europäischen Cart-Rennen auf dem Lausitzring nach der Ausfahrt aus der Boxengasse. Crash mit Alex Tagliani, der ungebremst in die Frontpartie des Honda-Reynard krachte und das Cockpit zerfetzte.

Tempo ist Zanardis Droge geblieben

Ein knappes Jahr und 15 Operationen später sitzt Zanardi auf einem Buggy und dreht zwei Runden auf dem Sportplatz der Unfallklinik, die ihm neues Leben einhauchte. 50 Minuten nach dem Unglück flog ihn ein Rettungshubschrauber ein. Zehn Minuten später, und er wäre tot gewesen. Sagen die Ärzte. Seine Beine konnten sie nicht retten. Er trägt ein graues T-Shirt mit Bügelfalten an den Ärmeln, eine anthrazitfarbene Mikrofaserhose, die die beiden fingerdicken Titanstreben überdecken. "Ich habe so viele Freunde und Fans", sagt er. "Sie sollen sehen, hier ist der alte Alex."

Zanardi hat mit einem eigenen Trainer und im Rekordtempo gelernt, die Prothesen zu bewegen. Anfangs habe ihm das leise Klacken bei jedem Schritt genervt. Man muss 20 Jahre Rennen gefahren sein, um das menschliche Bein zu analysieren wie einen Boliden. "Ich verbringe viel Zeit damit, meine Bewegungen abzustimmen. Ich habe immer eine vier Millimeter lange Schraube in meiner Tasche. In fünf Minuten habe ich meine Prothesen angeschraubt."

Er fährt sogar wieder Auto. Seine Frau Daniella bestellte noch während ihr Mann im Koma lag einen BMW mit Handgas. "Ich wusste, dass er unbedingt wieder ans Steuer wollte." Geschwindigkeit ist Zanardis Droge geblieben. "Es war ein tolles Gefühl nach meinem Unfall wieder über 200 zu fahren." Schneller geht nicht. "Ich mache mir nichts vor. Ich werde wohl nie wieder Rennen fahren." Ausgesorgt hat er. Doch seinen Ex-Kollegen bei der Arbeit zuzusehen, tut weh. Beim Grand Prix gestern guckte er weg. Termine, sagt er. Und flachst: "Wenn Sie einen grünen Chevrolet in Monte Carlo sehen, seien Sie vorsichtig. Das bin ich."

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