Exklusiv-Interview mit Juan Pablo Montoya

Exklusiv-Interview mit Juan Pablo Montoya Exklusiv-Interview mit Juan Pablo Montoya

Exklusiv-Interview mit Juan Pablo Montoya

— 18.11.2004

"Ralf blieb mir ein Rätsel"

Vier Jahre BMW-Williams. Und nun kommt alles raus. Juan Pablo Montoya wechselt ohne Wehmut zu McLaren-Mercedes.

"Ich wollte das Beste rausholen, wie immer"

AUTO BILD MOTORSPORT: Mister Montoya, was macht ein Grand-Prix-Sieger, wenn die Saison zu Ende ist. Juan Pablo Montoya Vorwiegend gar nichts. Wir hatten ein Golfturnier in Bogotá, das meine Frau Connie zum zweiten Mal organisierte. Diesmal trugen die Sponsoren 15 Millionen Dollar für Bedürftige zusammen. Das ist toll! Später in diesem Jahr werde ich noch viel Jetski fahren.

Und nächste Woche sitzen Sie schon wieder im Auto, dann allerdings nicht mehr im BMW-Williams, sondern im McLaren-Mercedes. Prickelt's schon wieder? Ich bemühe mich nach Kräften, nicht daran zu denken. Ich habe noch so viele Dinge zu tun. Nach dem VIP-Kartrennen von São Paulo mußte ich sofort ins Flugzeug steigen nach England, wo ich mich offiziell vom BMW-Williams-Team verabschieden und mich bei jedem bedanken wollte. Danach Vorstellung bei meinem neuen Team, McLaren- Mercedes. Nächste Woche steht der erste Test an, danach zwei weitere. Dazwischen muß ich nach Paris (wo er am 10. Dezember wegen Schwänzens einer FIA-Verkehrssicherheits-Initiative auf Costa Rica antraben muß; d. Red.). Der Urlaub ist vorbei.

Das läßt sich verkraften, wenn man den Winter als letzter Formel-1-Sieger des Jahres verbringen kann. Das ist allerdings phänomenal. Dieser Sieg von Brasilien trägt mich auf einem Hochgefühl durch den Winter. Und pumpt mich auf für meinen Start im Silberpfeil. Dabei war in Brasilien unser Tempo in der Qualifikation nicht gut genug. Aber es hat im Rennen geklappt. Vielleicht war es so vorbestimmt.

Hatten Sie das Gefühl, zum Abschied noch etwas gutmachen zu müssen? Nein! Ich wollte das Beste herausholen, wie immer. Das BMW-Williams-Team war gut zu mir in den letzten vier Jahren. So war es auch schön für die Mannschaft, mit einem Erfolg aus der Saison zu gehen. Und aus McLaren-Mercedes-Sicht betrachtet beendeten ihre Fahrer für 2005 das Jahr mit einem Doppelsieg. Es war eine Art Vor-Motivation für dieses Team und für mich.

"2004 mußten wir an die Grenzen gehen"

Das war ihr einziger Sieg 2004 ... Ja, eine Art Befreiungsschlag. Wir hatten einige gute Rennen zu Saisonbeginn, aber dann wurde die Saison von Woche zu Woche härter. Und als wir nach Magny-Cours kamen, hatten wir keine neuen technischen Entwicklungen, fuhren exakt mit dem gleichen Auto wie zuvor in den USA. Also hatten wir noch dasselbe Tempo, während alle anderen plötzlich mit Weiterentwicklungen schneller wurden. Zwei Wochen später wurden alle noch schneller, die McLaren-Mercedes und Renault und … Es war sehr frustrierend. Also begann ich, das Auto zu überfahren, begann das Tempo zu kompensieren, das uns fehlte. Und das führte dazu, daß wir eher rückwärts marschierten. Dann kamen endlich wieder Fahrzeugverbesserungen, und am Ende drehten wir das ganze langsam wieder um. Ich gewann ein Rennen. Wenn mir das jemand vorher gesagt hätte, ich hätte gesagt, er träumt. Denn Kimi (Räikkönen; d. Red.) hatte sich mit Benzin für sechs Runden mehr direkt hinter mir qualifiziert.

Was war denn grundlegend falsch an Ihrem diesjährigen Auto? In der Vorbereitung war es gut. Als wir dann erkannten, daß die anderen schneller waren, mußten wir über die Grenzen gehen. Und dann wurde es fürchterlich. Speziell beim Einlenken fehlte die Stabilität.

Und der BMW-Motor? BMW hat 2004 die Strategie geändert. Haltbarkeit ging vor Leistung. Aber der Vorteil davon war, daß wir nur einen einzigen Motorschaden hatten, an Ralf Schumachers Auto in Malaysia. Der Motor war extrem zuverlässig.

Aber wohl nicht mehr der stärkste im Feld. Und die Zusammenarbeit zwischen BMW und Williams wirkte gestört. Es war etwas befremdlich. 2003 war die Zusammenarbeit phasenweise super. Aber BMW verlangte viel und immer mehr und in allen Bereichen. Ich weiß nicht genau, was passiert ist und was normal ist in der Formel 1 zwischen zwei Partnern. Deshalb möchte ich es nicht werten.

In 15 Rennen der schnellere Williams-Pilot

Auf jeden Fall war es ein Jahr zuviel für Sie, oder? Ich glaube nicht. Hätte ich schon 2004 zu McLaren-Mercedes wechseln sollen, als alle Welt glaubte, es wird ein schlechtes Jahr? Es war ein Übergangsjahr für das Team, das ein gutes Ende nahm. Jetzt ist es optimal vorbereitet für 2005.

Haben Sie nicht das Gefühl, 2004 etwas schuldig geblieben zu sein? Nein, wenn ich mich und meine Teamkollegen betrachte, frage ich mich eher, ob es nicht meine beste Saison war. Ralf war in der Qualifikation dreimal schneller, den Rest der 15 Grand Prix war ich der schnellere Williams-Pilot. Ich fuhr während der Saison nur drei Tests. Das war gut, denn ich hatte Zeit, mich zu erholen. Das fehlende Fahren störte mich überhaupt nicht, denn unsere Entwicklung war langsam. Es gab vorwiegend Reifen zu testen. Und das konnten unsere Ersatzfahrer auch. Ich kann mich nicht beklagen.

War es richtig, den Wechsel zu McLaren-Mercedes bereits vor dieser Saison bekanntzugeben? Absolut, denn es machte mich besser. Jeder dachte: Gott sei Dank geht er weg! Nachdem wir 2003 einige Probleme hatten und ich unglücklich war (nach Ralf Schumachers Sieg in Frankreich, wo Montoya Benachteiligung witterte und die Teamführung verunglimpfte; d. Red.). Aber als jeder wußte, daß ich gehe, entspannte sich die Situation.

Nach vier gemeinsamen Jahren mit Ralf Schumacher: Wie gut ist er wirklich? Sehr gut, an seinen besseren Tagen. Er kann sehr schnell sein, aber er hat Tage, da fehlt ihm schlichtweg das Interesse daran, oder so. Dann ist er nicht derselbe. Für mich ein Rätsel. Aber: Er ist ein guter Fahrer.

Und als Mensch? Auch in Ordnung. Nur haben wir nicht das Geringste gemeinsam, um darüber zu sprechen. Ich weiß gar nichts über ihn oder seine Frau. Ganz anders als mit Räikkönen, der Fahrradfahren liebt, wie ich. Mit Ralf wußte ich nie, worüber ich reden soll. Wenn wir zum Essen in ein Restaurant gingen, saßen wir da, aßen und sagten auf Wiedersehen. Das war's. Ich habe absolut nichts gegen ihn, aber wir sind völlig verschieden.

"Kimi wird mich verblasen wollen"



Und wie ist das mit Räikkönen? Das wird eine große Herausforderung für mich. Hoffentlich auch für ihn. Manch einer vergißt, daß wir als Team alle anderen schlagen müssen, anstatt uns gegenseitig zu bekämpfen. Aber er wird Druck auf mich ausüben. Er wird mich verblasen wollen, und ich habe das gleiche vor. Tatsächlich muß ich aber doch jeden schlagen, nicht nur Kimi. Das Duell wird uns beide vorwärtsbringen. Wir werden fair miteinander umgehen. Aber es ist gut, daß wir vorerst nicht gemeinsam testen. Der Kampf geht noch früh genug los. Ich muß mich erst um andere Dinge kümmern. Um die Leute, mit denen ich künftig arbeite, die Arbeitsweise, die Knöpfe im Team, die man drücken muß. Ein neues Team ist wie ein neues Spielzeug, ich fühle mich wie am ersten Schultag.

Haben Sie bei McLaren-Mercedes ein Auswärtsspiel, weil Räikkönen dort alles schon seit drei Jahren kennt? Nein, ich kenne ja zum Beispiel die Mechaniker von David Coulthard, die künftig an meinem Auto arbeiten. Aber ich werde mich, wie bei jedem Wechsel, auch umstellen müssen. Ich kam zu Williams und sagte: Das Auto untersteuert. Die meinten: Tut es nicht, Ralf Schumacher hätte das ja sonst gemerkt. Das war schwierig. Du mußt flexibel sein und bereit, alles in Frage zu stellen, um schnell auf eine Wellenlänge zu kommen. Da bin ich völlig offen. Außerdem werde ich Vater. Das wird eine zusätzliche Umstellung, die ich meistern muß. Aber Montoya wird immer Montoya bleiben.

Juan Pablo Montoya im Kurzporträt

Juan Pablo Montoya im Kurzporträt Name Juan Pablo Montoya • Geboren 20. September 1975 • Geburtsort Bogotá (Kolumbien) • Wohnort Miami (USA), Monaco • Nationalität Kolumbianer • Familienstand verheiratet mit Connie • Erlernter Beruf Rennfahrer • Hobbys Computerspiele, Kochen

Karriere Als Sechsjähriger fährt der Architekten- und Rennfahrersohn erstmals Kart, bestreitet 1984/85 die kolumbianische Kartmeisterschaft für Kinder, wird 1986 Meister der Junior-Division. 1990/91 Junioren-Weltmeister, 1992 vier Siege in der Formel Renault, erste sporadische Besuche von US-IndyCar-Rennen (reiste kostenlos im Frachtraum der Columbian Airlines). 1996 gewinnt er in der britischen Formel-3-Meisterschaft zwei Rennen, fährt auch Mercedes-Tourenwagen (ITC).

Ab 1997 Formel 3000 für das österreichische Marko-Team (Zweiter) und erster Williams-F1-Test. Dr. Marko sagt ihm später nach: "Ein Verrückter, der sich nur von Fast food ernährt." 1998 wird er trotzdem Meister (aber mit Supernova). 1999 wird er mit je sieben Siegen und Pole-Positions jüngster US-ChampCar-Meister (Ganassi-Team) aller Zeiten, 2000 mit drei Siegen und sieben Poles nur Neunter. Aber Sieger beim Debüt bei den 500 Meilen von Indianapolis. Dann holt Williams (mit BMW) ihn in die Formel 1. Bilanz bis heute: 68 GP, vier Siege, elf Pole-Positions, WM-Dritter 2002 und 2003.

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