Tom Kristensen

Exklusiv-Interview mit Tom Kristensen

— 27.11.2015

"Habe meinen Traum nie aufgegeben"

Kultracer Tom Kristensen bekommt den AUTO BILD MOTORSPORT-Award fürs Lebenswerk! Hier das exklusive Interview mit dem neunmaligen Le-Mans-Sieger.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Kristensen, herzlichen Glückwunsch zum AUTO BILD MOTORSPORT Award fürs Lebenswerk! Sie haben neun Mal die 24 Stunden von Le Mans gewonnen, sind Sportwagen-Weltmeister, DTM-Sieger. Im vergangenen Jahr haben Sie sich aus dem aktiven Motorsport zurückgezogen. Was war der größte Erfolg in Ihrer Karriere?

Tom Kristensen: Vielen Dank! Ich bin grundsätzlich sehr glücklich mit meiner langen Karriere, in der ich viele unterschiedliche Rennautos in den verschiedensten Rennserien und für ganz unterschiedliche Teams fahren durfte. In jeder Serie, in der ich gestartet bin, habe ich mindestens ein Rennen gewonnen. Das ist für mich der größte Erfolg und es war auch immer meine Motivation, vielseitig erfolgreich zu sein im Motorsport.

Podestplatz: Kristensen mit Sébastien Ogier beim Race of Champions 2011.

Welches Auto sind Sie am liebsten gefahren? Die Zeit im Kart war großartig. Du fährst mit deinen Freunden um die Wette – ohne großen Druck mit ganz viel Spaß. Das ist fantastisch. Ich war Mitte der 80er-Jahre mehrfach dänischer und skandinavischer Meister. Wenn man dann in den Formelsport wechselt und dort auch erfolgreich ist, träumt man natürlich von der Formel 1. Aber selbst Meistertitel in den unteren Klassen (Kristensen wurde deutscher und japanischer Formel-3-Meister u.a. im Team von Bertram Schäfer sowie Formel-3-Weltcupsieger; d. Red.) sind keine Garantie, dass du es auch in die Königsklasse schaffst. Ich habe meine Erfüllung im Sportwagen gefunden und dort auch die größten Erfolge mit großartigen Mannschaften gefeiert. Das habe ich am meisten genossen. Die Autos haben viel Leistung, sind sehr schnell und heutzutage auch die komplexesten Rennautos überhaupt. Außerdem fährst du im Team mit anderen Piloten, Tag und Nacht, bei jedem Wetter, was eine ganz besondere Herausforderung ist. Spaß hatte ich aber auch im Tourenwagen (STW, BTCC, DTM; d. Red.). Das sind Sprintrennen, du bist immer am Limit, und das alle zwei oder drei Wochen. Du bist ständig mit dem Auto und dem Gegner am Kämpfen. Das bringt für einen Rennfahrer unheimlich viel Spaß.

Sie haben aber auch Formel-1-Autos bewegt... Stimmt, ich habe einerseits Indycars getestet, aber auch die Formel-1-Tests für Michelin absolviert und bin für Minardi, BAR-Tyrell, BMW und Williams gefahren. Es war schon etwas Besonderes, als Frank Williams anrief und mir angeboten hat, sein Formel-1-Auto zu testen. Trotzdem spielte in der Formel 1 das Geld eine zu große Rolle. Das Schönste war für mich deshalb, als ich Ende 1999 den Vertrag mit Audi unterschrieben und den Konzern seit diesem Handschlag nicht mehr verlassen habe. Das war – auch rückblickend gesehen – die beste Entscheidung meiner Karriere.

Sie haben mehrere Siege in der DTM eingefahren, aber keinen Meistertitel. Woran lag's? Ich war in der DTM nicht schlechter als im Sportwagen, nur einfach nicht so erfolgreich. Das lag teilweise an schlechten Starts, Missverständnissen oder technischen Problemen. Ich war zweimal Dritter in der Meisterschaft, als bester Audi-Pilot, und habe die Meisterschaft zeitweise sogar angeführt, bin dann aber zum falschen Zeitpunkt ausgefallen. Trotzdem: Das war eine hervorragende Zeit und ich bin Audi immer noch dankbar, dass ich DTM und Sportwagen parallel fahren durfte. Das war keine Selbstverständlichkeit.

Wie stolz sind Sie darauf, mit neun Siegen 'Mr. Le Mans' zu sein? Sehr stolz. Ich habe meinen Traum gelebt und hart dafür gearbeitet. Ich habe – wie meine Teams und Fahrerkollegen – immer versucht, mein Bestes zu geben und habe das Rennfahren sehr genossen. Ich habe etwas zurückgeben wollen an Audi und unterstütze auch heute noch die Fahrer, Teams und die Marke. Es gibt viele Dinge in meiner Karriere, auf die ich sehr stolz bin. Aber noch stolzer bin ich darauf, dass ich meinen Traum niemals aufgegeben habe professioneller Rennfahrer zu werden. Und dass ich zum Beispiel in diesem Jahr beim Race of Champions als "Rentner" nur von Sebastian Vettel geschlagen wurde, ist für mich auch ein besonderer Genuss. 

Haben Sie ein Ranking bei Ihren neun Le-Mans-Siegen? Jain. Alle bedeuten mir sehr viel. Ich kann über jeden Sieg sehr viel erzählen. Ich bin 18 Mal in Le Mans gestartet, bin dreimal in Führung liegend ausgefallen, stand 14 Mal auf dem Podium und habe neun Mal gewonnen. Ein einzelnes Rennen kann und möchte ich da nicht hervorheben. Bei meinem ersten Sieg 1997 (mit Joest Racing; d. Red.) bin ich den Rundenrekord gefahren. Das Besondere: Den ersten Anruf von Teammanager Ralf Jüttner bekam ich erst vier Tage vor Beginn der Rennwoche. Es gab keine Simulatoren und ich hatte zuvor erst 17 Runden auf dieser Strecke absolviert. Das war speziell. 1999 haben wir das Rennen mit BMW-Schnitzer mit fast vier Runden Vorsprung angeführt, haben dann aber aufgeben müssen. Das war meine größte Enttäuschung im Motorsport. Der letzte Sieg im Jahr 2013 war sehr emotional für mich. Ich hatte einige Wochen zuvor im März meinen Vater verloren. Drei Wochen vorher war ich in London in die Hall of Fame der englischen Zeitschrift "MotorSport" aufgenommen worden. Er hat England geliebt, die Hot Rods und so weiter. Er schaute in meine Augen und sagte mir, dass ich das verdient habe. Das waren große Worte von meinem Vater, die für uns beide in dem Moment viel bedeutet haben. Drei Wochen später und zwei Wochen vor dem Rennen in Sebring (USA; d. Red.), ist er verstorben. Wir sind dort gefahren, sind aber knapp Zweiter geworden. Umso wichtiger war für mich und meine Teamkollegen Loïc Duval und Allan McNish der Sieg in Le Mans. Zehn Minuten nach dem Rennstart hatte mein Freund Allan Simonsen einen schweren Unfall. Ich habe erst zwanzig Minuten bevor ich ins Auto gestiegen bin erfahren, dass er tödlich verunglückt ist. Das Rennen war sehr schwierig, auch die Bedingungen auf der Strecke, weil es stellenweise regnete. Ich glaube, ich habe nun zu viel geredet. Es war eine kurze Frage, aber eine lange Antwort. Wie meine Karriere.

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