Expedition Deutschland, Teil 1

Expedition Deutschland, Teil 1

— 20.06.2003

Entdecke den Ursprung

Wo der Teufel wohnt und der Tankwart barfu zapft: Eine Reise nach Oberbayern ist eine Tour in die Tradition. In Folge 1 unserer Serie lassen wir die hektische Moderne hinter uns.

Der Teufel haust in Weyarn

Der Teufel muss heute einen schlechten Tag haben. Sosehr Simon (9), Andreas (10), Nikola (11) und Magdalena (12) auch schreien und springen und rufen und toben und noch mal schreien und noch mal springen in dem kleinen versteckten Tmpel im Wald steigen nur ein paar mickrige Blasen an die Oberflche. Fr einen waschechten Teufel ist das eine ganz schn armselige Vorstellung.

Denn dieser Tmpel im oberbayerischen Weyarn ist, so erzhlen es die Einheimischen, eine Art Schlafsttte des Satans. Wer ihn rgern will, der muss sich an den Rand stellen, bis drei zhlen, in die Luft springen und beim Landen laut "Deifi, rhr di!" schreien, was auf Hochdeutsch "Teufel, rhr dich!" heit. Dann wird er wach und bringt vor Wut den See zum Brodeln zumindest in der Theorie.

Nur heute, da schlft der Teufel tief und fest. Selbst Weyarns Brgermeister Michael Pelzer (SPD) erntet bei seinen Versuchen nur ein sanftes Blubbern vom sandigen Grund. Warum es (normalerweise) im Wasser brodelt, wenn man am Ufer springt, das wei selbst er nicht genau. "Ich nehme an, dass das unterirdische Quellen sind."

Wie auch immer: Der teuflische Tmpel von Weyarn steht in keinem Reisefhrer, es gibt keine Hinweisschilder, und er wird auch nicht von Touristen-Bussen angesteuert. Und genau darum geht es bei unserer neuen Serie "Expedition Deutschland", deren erste Folge im Miesbacher Oberland spielt.

Wo der Tankwart barfu zapft

"Expedition Deutschland" heit nicht etwa, Regenwrmer zu essen oder sich Schluchten hinabzustrzen. Stattdessen wollen wir den Ursprung entdecken und Sie, liebe Leser, durch unser Gewinnspiel daran teilhaben lassen. Mit dem Ursprung ist das in Oberbayern nmlich eine tolle Sache. Hier verstaubt die Tradition nicht in Geschichtsbchern, sondern sie wird noch gelebt.

Und manchmal sogar gezapft. Wer mit dem Auto vom Tegernsee zum Schliersee fhrt und einen Abstecher in einen Ort namens Gasse macht, der steht pltzlich vor rostigen alten Schildern, die zu einer ebenso alten Tankstelle fhren. Oder besser: zu einem Fachwerkhaus, vor dem drei alte, braunweie Zapfsulen stehen. Nach kurzer Zeit kommt Hans Huber (73) heraus, ein stattlicher Bayer mit Hosentrgern, nackten Fen und dem Schalk im Nacken.

"Ratet mal, was der Amboss hier gekostet hat", fragt er in seiner uralten Werkstatt, in der die Maschinen noch alle von einem gemeinsamen Riemen angetrieben werden. Huber antwortet selbst: "Eine Million." Kurzes Grinsen, dann die nchste Frage: "Und die Maschine da hinten, die mein Vater eine Woche spter gekauft hat?" Hm! "Die hat schon eine Milliarde gekostet." Und zwar Reichsmark es war die Zeit der groen Inflation.

Stundenlang kann Huber Geschichten erzhlen, aber das macht er nicht bei jedem. Man muss ihn hflich fragen. So nennt er seine Werkstatt zwar "Museum", ob und wann er das fr Besucher ffnet, behlt er aber fr sich. "Euch hats interessiert, euch habe ichs gezeigt", sagt er mit seinem schelmischen Grinsen.

Peruanische Momente am Tegernsee

Ganz in der Nhe, keine zwei Autominuten entfernt, gibt es noch so ein ursprngliches Ziel, das in keinem Reisefhrer steht, den Hof Unterbuchberg. Wir sehen da einen typisch bayerischen Bauernhof, wir haben einen mrchenhaften Blick runter auf den Tegernsee, wir sehen eine grne Wiese, auf der La ... h, Moment mal. Kurzes Augenreiben, kurzes Grbeln. Doch wirklich, mitten in dieser urbayerischen Gegend, da stehen nicht etwa Khe oder Schafe auf der Wiese. Sondern Lamas. Fnf Stck. In Oberbayern. Na servus!

"Keine Sorge", ruft deren Besitzer, Josef Reifenstuhl (36), quer ber die Wiese, "die spucken nicht auf Menschen. Nur untereinander." Reifenstuhl hat die peruanischen Tiere nicht aus Spa da stehen, sondern um die Tradition und den Bauernhof weiterfhren zu knnen: "Khe und Klber sind sehr arbeitsintensiv, bringen heutzutage aber kaum noch was ein. Der Markt ist vllig im Keller."

Er suchte daher Tiere, die immer drauen auf der Wiese stehen knnen, sich auch mal allein beschftigen und mit denen sich trotzdem Geld verdienen lsst. "Da gibt es nicht so viel. Irgendwann bin ich bei Lamas gelandet." Mit denen will er knftig Trekking-Touren anbieten. Als Gepcktrger, wohlgemerkt, denn reiten lassen sich die Lamas nicht: "Die haben einen wackligen Gang." Na danke!

Auf den Spuren von Stuck und Greger

Bequemer sind da schon die kleinen Abenteuer der automobilen Art. Zum Beispiel ein Besuch der privaten Wallbergautostrae, die von 1959 bis 1988 alle zwei Jahre zur Rennstrecke umfunktioniert wurde.

Wer die enge und kurvige Strae mitten im Grnen abfhrt, der kann vor seinem geistigen Auge vielleicht sehen, wie hier frher Rennfahrer wie Hans Stuck senior oder Sepp Greger (hielt im Porsche Carrera mit 1:40 Minuten die Bestzeit) den Berg hochrasten. "Damals hockten bis zu 20.000 Zuschauer an den Hngen", erzhlt Gemeindearchivar Hans Sollacher (76), "das ging noch richtig rustikal zu."

Doch Vorsicht: Wer heute durch die Gegend rast, der lernt Sebastian Viellechner (57) kennen, ein echtes Original mit langem, weiem Bart. Der ist Polizeioberkommissar bei der Autobahnpolizei Holzkirchen und wurde mal von einer Pflzer Reisegruppe zum nettesten Polizisten aller Zeiten gekrt: Als deren Reisebus brannte, lotste Viellechner die Gruppe zu einem Grnstreifen und lie alle zur Beruhigung "Auf, ihr Brder, in die Pfalz" singen. "Mei, des war eine Gaudi", erinnert sich Viellechner. Angeblich hat das Gelchter damals noch bis zum Teufel im Tmpel gedrhnt ...

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