Extra-Tour

Vorbereitung auf den GP Monte Carlo Vorbereitung auf den GP Monte Carlo

Extra-Tour

— 14.05.2002

Stadtklar für den Großen Preis

Einmal im Jahr wird Monte Carlo auf den Kopf gestellt. Wenn der GP-Zirkus ins Steuerparadies an der Côte d'Azur einfällt, ist nichts mehr, wie es war. Wie vollzieht sich der Umbau im F-1-Kalender?

Einbruch in den Alltag

Abzäunungen, Umbauten, Straßensperren und Menschen, die bei der Arbeit fluchen und schwitzen. Das alles sieht man im edlen Fürstentum nur einmal im Jahr für wenige Wochen - wenn sich das Steuerparadies für (ab)gesetzte Einsiedler in einen Steuer-Parcours für eine rasende Horde Einsitzer verwandelt: Monte Carlo wird verschanzt.

Es ist die schwierigste planerische Operation im GP-Kalender. Denn hier, in der gediegenen Enge eines architektonischen Lego-Kastens, wird etwas ermöglicht, was viele unmöglich finden: ein Formel-1-Rennen. Jetzt sieht nichts mehr aus wie zuvor. Ferraris kreuzen durch die Boulevards, rote Flaggen werden gehisst, ein Meer von blauen Tribünen überschwemmt den Hafen. Stadt klar für den Großen Preis.

Rückblick - Monaco im März, zehn Wochen vor dem Formel-1-Wochenende: Verkehrsinseln, Bremsschwellen, Bodenwellen. Die üblichen Tempoblocker garantieren einen ruhigen Lebens- und Verkehrsfluss. Roller knattern durch die Gassen, Geschäftsleute flanieren zwischen Touristen über den Casino-Vorplatz. Frühlingserwachen in Restaurants und Cafés. Blutrote Rosen, sonnengelbe Veilchen, tiefblaue Primeln strahlen um die Wette. Stolz wehen die monegassischen Flaggen im Meereswind. Eifrige Müllmänner mit sonnengegerbter Haut sammeln jeden Zigarettenstummel und picken verlorene Papierchen ein. Nobelkarossen rollen wie Schaustücke durch die Straßen. Versteckte Kameras zeichnen jede Bewegung auf. Niemand bleibt unentdeckt. Monegassischer Alltag.

Chaos vor dem Rennen

Szenenwechsel ins Hier und Jetzt, keine 14 Tage mehr bis zum Grand Prix. Christian Tornatore rauft sich die Haare: "Zum 15. Mai muss alles fertig sein!" Wie ein Feldwebel schreitet der Generalsekretär des Grand-Prix-Komitees des Automobil-Clubs Monaco jeden Tag mehrfach über das Gelände. Verzögerungen? Verboten. Er stöhnt: "Bis jetzt hatten wir immer ein paar Tage in Reserve, um die letzten Arbeiten abzuschließen. Schönheitsmängel beseitigen, Kleinigkeiten erledigen - diesmal geht das nicht!"

Denn bereits am 18. Mai startet der historische Grand Prix, bevor am 23. Mai das erste Training zum richtigen Großen Preis mit Schumi freigegeben wird. "Eine Woche zwischen den beiden Rennen - das ist zu wenig", hat Tornatore längst erkannt. "Erst vor wenigen Tagen kam ein Anruf von einem der Teams, ob sie denn schon eine Woche vor dem Grand Prix kommen könnten." Klare Antwort: Nein. Am Wochenende vor dem Grand Prix geht nichts! Jeder Zentimeter Platz wird gebraucht. Erst am Sonntag in der Nacht können die Team-Laster einfahren - bis dahin müssen sie in Nizza oder Ventimiglia parken. Ein Verkehrschaos ist abzusehen.

Doch bis es so weit ist, wird noch nach Leibeskräften geschraubt, gehämmert und geflickt. Mächtige Kräne heben ein tonnenschweres Tribünen-Gerüst von einer gewaltigen Zugmaschine. Ein Berg blauer und silberner Stangen, Holzpaletten, Sitzbänke und Verstrebungen ergießt sich über den Parkplatz am Hafen. Nur mit Mühe kommen die Brummis mit dem Material durch die engen Straßen. Immer wieder muss die Polizei den Verkehr matt setzen oder von Hand regeln - das Rennen hat Vorfahrt.

Wie Dornröschen in seinem Schloss hat das Baumaterial zehn Monate lang in verschiedenen Gemeinden rund um Monaco geschlummert. Dann, wie vom Prinzen wachgeküsst, bewegt sich die Blechlawine in das Fürstentum. Das Formel-1-Fieber steigt. Es sind noch dieselben Müllmänner, die den Besen schwingen, dieselben Kameras. Noch immer beobachten Schutzmänner mit kritischem Blick das Geschehen. Doch wo sonst Blumen blühen, ranken sich jetzt waghalsige Tribünengerüste empor: schmal und hoch. Jeder Platz ein Gewinn.

Tarzan in der Tribüne

Italiener, Franzosen und Araber schuften in der Sonne. Monegassen? Woher? "Wir arbeiten jedes Jahr im Prinzip mit den gleichen Firmen zusammen", so Tornatore. Sie sind ein eingespieltes Team, jedes Unternehmen, jeder Arbeiter weiß, was er zu tun hat. Für Stéphane ist es bereits der achte Grand-Prix-Einsatz. Seit dem 15. April schraubt er mit Paolo und Christophe an der Einsatzzentrale im Hafen. "Drei Tage vor dem ersten Grand Prix müssen wir hier fertig sein", sagt er und holt tief Luft, "läuft es schlecht, müssen wir auch an den Wochenenden arbeiten."

Während das Trio Trennwände schleppt und am zweiten Stockwerk des Blechbaus zimmert, arbeiten Sherif, Ali und Alban an den Tribünen. Wie Eidechsen klettern sie über die blau-silbrige Sitzlandschaft, winden sich durch das Gerüst, befestigen mit wenigen Handgriffen die Bänke. Helm und Sicherheitsgurte sind Pflicht. Irgendwie erinnern sie an Tarzan - und pfeifen gerne mal einer Jane hinterher, die an der Kaimauer flaniert.

Erklärter In-Treffpunkt am Formel-1-Wochenende sind "Stars and Bars" am Hafen, die "Tip-Top-Bar" und das "Rampoldi" zwischen Casino und Grand Hotel. Von allen drei Kneipen aus sieht man sie leuchten: rot-weiße Randsteine, silberne Leitplanken und Absperrgitter, Reifen zur Streckensicherung. Monaco richtet sich her für eine halbe Million Gäste. "Da müssen wir als Gastgeber direkt an der Strecke vorbereitet sein", erklärt Mike von der "Tip-Top-Bar". Genauso wie das "Grand Prix Café" präsentiert er eine eigene Formel-Karte. Einzig verändert darin: die Preise. Doch der Zauber währt nicht lange - nur zwei Wochen nach Zieldurchfahrt ist alles weg: Tribünen, Reifen, Zäune, Gäste, Sieger und Verlierer. Monaco selbst gewinnt in jedem Jahr - und fällt zurück in den Dornröschen-Schlaf.

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