F-1-Interview: Sebastian Vettel

F-1-Interview: Sebastian Vettel

— 30.08.2007

"Ich bin kein Bubi-Schumi"

Sebastian Vettel (20) ist der fünfte Deutsche in der Formel 1. Im Interview mit AUTO BILD MOTORSPORT-Reporterin Bianca Garloff verrät er Details über seinen Teamwechsel von BMW zu Toro Rosso und mehr.

AUTO BILD MOTORSPORT: Seit drei Wochen sind Sie Stammfahrer in der Formel 1. Haben Sie das nach Ihrem ersten Rennen in Ungarn schon verarbeitet? Sebastian Vettel: Nein. Das ist ein komisches Gefühl. Ich kann es eigentlich noch gar nicht glauben. Es ist aber nicht so, dass ich jetzt sage: Toll, nun bin ich in der Formel 1 und habe alles erreicht. Sondern man motiviert sich und denkt direkt weiter. Es gibt dann gleich neue Ziele, die man sich setzt. Welche Ziele sind das? Das Team ist im Moment noch nicht das Beste, aber jeder ist motiviert und möchte, dass es vorwärts geht. Und als Fahrer hat man darauf sehr großen Einfluss. Denn du bist derjenige, der im Auto sitzt und auf der Strecke Gas geben muss. Und deshalb möchte ich so viel wie möglich lernen und die Kennenlernphase abschließen, um nächstes Jahr voll angreifen zu können. Und wenn sich die Möglichkeit auftut, mit ein bisschen Glück noch einen Punkt zu ergattern, dann wäre das fantastisch.

Wie und wo haben Sie sich von dem Trubel des ersten Rennwochenendes bei Toro Rosso erholt? In den drei Wochen zwischen Ungarn und der Türkei war ich zu Hause und habe einfach nur relaxt. Ganz ruhig, nichts Wildes.

Beim GP Ungarn 2007: Sebastian Vettel fährt im Toro Rosso auf Platz 16.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie Stammfahrer werden?
Fakt ist, dass wir auf bzw. nach dem Nürburgring angefangen haben miteinander zu reden. Vorher gab es viele Gerüchte, aber das waren eben nur Gerüchte. Dann ging alles relativ schnell. Ich habe alles dran gesetzt, dass ich schon in Ungarn im Auto sitzen kann. Warum? Das Problem war, dass wir Testfahrer in diesem Jahr viel zu selten zum Einsatz kamen. Seit meinen Freitagstests in Australien und Malaysia saß ich nicht mehr im Auto. Außer natürlich bei meinem ersten Rennen in Indianapolis. Das sind relativ wenig Kilometer, die ich dieses Jahr gefahren bin. Da ist es sehr schwierig, sich als junger Fahrer zu beweisen. Man hat dann nach ein paar Monaten irgendwann mal wieder einen Test, kriegt dort nicht die gleiche Anzahl Reifen wie die Stammfahrer und sitzt nur einen Tag im Auto anstatt zwei. Ruckzuck stehst du auf der Zeitenliste nicht ganz oben und schon heißt es: Ach, der ist wohl doch nicht so gut. Deshalb war der Wechsel zu Toro Rosso für mich das Beste, was ich machen konnte. Da kann ich fahren, mehr noch: Ich kann Rennen fahren. Und das liebe ich!

Wann war der Deal fix? Es ist kein Geheimnis, wenn ich sage, dass ich mit Franz Tost, Gerhard Berger und Didi Mateschitz verhandelt habe. Am Montag vor Budapest haben wir uns geeinigt. Letzten Endes bestand von beiden Seiten großes Interesse. Und wir waren alle froh, dass es geklappt hat. Wer hat den Vertrag für Sie ausgehandelt? Jochen Rind hat mal gesagt: „Ich manage mich selber“. Ich mache das auch so. Welche Rolle spielte dabei BMW? Wir hatten vorher einen Dreiecksvertrag. Denn Red Bull und BMW haben mich ja zusammen gefördert. Und als sich die Möglichkeit aufgetan hat, dass ich schon jetzt Stammfahrer werden kann, hat BMW mir keine Steine in den Weg gelegt. Verdienen Sie als Stammfahrer bei Toro Rosso mehr Geld als vorher als Testfahrer bei BMW? Viele Leute haben total überzogene Vorstellungen. Es gibt natürlich ein paar Fahrer, die sehr viel Geld verdienen. Und einige, die weniger verdienen, manche müssen sogar Geld mitbringen. Das Wichtigste ist für mich aber erst mal, dass ich fahren kann. Ich kann mich nicht beschweren, über die Situation, in der ich momentan bin. Und da spielt das Geld wirklich nur eine Nebenrolle. Wenn man mit 20 die Chance hat, in der Formel 1 Stammfahrer zu sein, ist das das Größte! Alles andere ist dann nicht so wichtig.

Wie haben Sie sich von BMW verabschiedet? Es ging ja alles relativ schnell. Deshalb gab’s keine Abschiedsfeier. Aber ich stehe nach wie vor mit vielen in Kontakt. Man hat sich ja zusammengelebt. Es ist jetzt also nicht so, dass ich vorbei laufe und sie nicht mehr angucke. Aber Ihren Dienstwagen, einen BMW 330i, mussten Sie aber abgeben? Nein, den darf ich behalten.

Sebastian Vettel will sich voll auf Toro Rosso konzentrieren

Freunde: Sebastian Vettel mit Red-Bull-Chef Mateschitz (rechts).

Red Bull hat Sie als jemand begrüßt, der zurück nach Hause kommt. Wie heimisch fühlen Sie sich schon?
Sehr. Ich kenne zwar noch nicht alle Namen bei Toro Rosso, aber generell wurde ich relativ warm und herzlich empfangen. Und bei Red Bull kenne ich die meisten Leute ja noch von früher. Das ist wie eine große Familie. Ich wurde ja schon recht früh von Red Bull unterstützt. Das erste Jahr, in dem ich Werbung für Red Bull gemacht habe, war 1999. Später wurde dann das Juniorteam ins Leben gerufen und da war ich von Anfang an mit dabei. Wie langfristig ist der Vertrag? Darüber spricht man nicht. Was spricht dagegen, dass Sie danach irgendwann wieder zurückgehen zu BMW? Eigentlich nichts, aber jetzt will ich mich auf Toro Rosso konzentrieren.

Sie sind in Ungarn ohne vorherige Testfahrt in den Toro Rosso gestiegen. Wie groß ist der Unterschied zum BMW? Letztendlich haben beide Autos vier Räder. Aber klar, im Toro Rosso bist du viel mehr am Kurbeln. Das ganze Auto ist nervöser als der BMW. Mal hast du Untersteuern, dann wieder Übersteuern. Aber es ist jetzt auch nicht so, dass das Auto unfahrbar ist. Du verlierst einfach Zeit, auch wenn du nicht quer stehst oder dich verbremst hast.

Ihr erstes Rennen haben Sie als Achter beendet. In Ungarn waren Sie 16, danach in der Türkei auf Platz 19. Wie anders fährt es sich im Hinterfeld? Da geht wirklich die Post ab! Je weiter hinten man steht, umso schwieriger wird’s. Beim Anbremsen auf die erste Kurve rückt das Feld extrem dicht zusammen. In Ungarn sind wir zu viert durch die erste Kurve gefahren. Da musst du noch konzentrierter sein als vorne. Das Problem ist: Wir sind ja alle Rennfahrer, alle ein bisschen durchgeknallt. Aus der ersten Ecke raus steigt eben jeder voll aufs Gas und lässt voll stehen bis zur zweiten. Da gibt’s dann schon mal den einen oder anderen Rempler.

Sein erster Formel-1-Einsatz beim USA GP 2007. Im BMW-Sauber holte der "Ersatzfahrer" einen Punkt.

Und wie schwierig war das Überrundet-werden?
Das war etwas ganz Neues für mich. Man versucht, jedes Zehntelchen aus der Runde rauszuholen. Dann kommt die blaue Flagge, du musst jemanden durchlassen und verlierst locker vier Sekunden pro Runde. Das ist etwas frustrierend, wenn man bedenkt, wie man sich vorher abgekämpft hat. Aber das gehört dazu. Aber wenn man das Rennen anführt, ist man eben froh wenn einem Platz gemacht wird. Wie haben Sie sich auf Ihr erstes Rennen vorbereitet? Für alle Fälle war ich am Wochenende vorher schon beim Sitz anpassen in Italien. Die Bedienungsanleitung fürs Lenkrad habe ich mir dann im Flieger durchgelesen. Und von Freitag bis Sonntag habe ich ganz klar noch die Zeit genutzt, mit den Ingenieuren zu reden, Starts zu üben usw. Das Wichtigste war am Freitag, dass ich mich an das Auto gewöhne. Aber das hat gut funktioniert und wir haben dann relativ schnell ganz normale Freitagsarbeit geleistet, Reifen getestet und versucht, das Set-up zu verbessern.

Viele Experten haben erwartet, dass Sie gleich schneller sind als Ihr Teamkollege Tonio Liuzzi. Warum waren Sie das in Ungarn nicht nicht? Das war ich schon! Ich war im Qualifying in Sektor eins und Sektor zwei schneller unterwegs und habe im dritten Sektor zweimal einen dummen Fahrfehler gemacht. Die Zeit, die ich im direkten Vergleich mit Liuzzi hatte, war weit weg von der, die ich hätte fahren können. Und im Rennen musste ich in der entscheidenden Phase vor meinem Boxenstopp zwei schnelleren Autos Platz machen und habe so die entscheidenden Sekunden verloren, um an Tonio vorbeiziehen zu können.

Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem Tempo bisher? Das war schon okay. Ich habe das Auto zweimal heil ins Ziel gebracht – von daher war das schon sehr gut. Wie können Sie sich jetzt noch steigern? So alt bin ich ja noch nicht, deshalb gibt’s noch viel Spielraum nach oben. Und den nehme ich jetzt mit Vollgas in Angriff. Zum einen ist das eine ganz normale Eingewöhnungsphase. Und mit einem gesunden Ehrgeiz, kann ich durchaus sagen, dass es noch überall etwas zu tun gibt.

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz soll sich persönlich dafür eingesetzt haben, dass Sie den Stammplatz kriegen... Klar, er ist der Boss! Ich habe schon seit längerem ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, wir verstehen uns und das passt einfach! Am Samstag war er sogar in Ungarn. Allerdings habe ich mich da ziemlich über mich selbst und den Patzer in meiner Quali-Runde geärgert.

Sebastian Vettel vor seinem ersten Start als Stammfahrer in der Königsklasse.

Und Gerhard Berger?
Ihn kenne ich persönlich noch nicht so lange, aber auch er hat mir nach dem ersten Rennen auf die Schulter geklopft und gesagt: Gut gemacht! BILD nennt Sie Bubi-Schumi. Sind Sie einer? Nein. Ich heiße anders und komme auch von woanders her. Aber wenn eine Zeitung Spitznamen erfindet, ist das außerhalb meiner Kontrolle. Ich sehe mich jedenfalls nicht als 'Schumis' Nachfolger. Ich bin einfach Sebastian, der einmal Formel-1-Weltmeister werden will.

Ist man überhaupt noch ein Bubi, wenn man Formel 1 fährt? Ich sehe nicht aus wie 30 und bin noch relativ jung. Aber wie alle, die in so einem Auto fahren, bin ich in gewisser Weise ein bisschen durchgeknallt. Ganz klar ist aber, dass die Formel 1 ein extrem hartes Geschäft ist und man eine gewisse Reife mitbringen muss, um hier zu überleben. Das Bubi-Schumi beinhaltet eine gewisse Erwartungshaltung. Wie gehen Sie damit um? Das ist für die Öffentlichkeit. Nicht für mich. Die Erwartungshaltung, die ich habe, kommt ganz allein von mir. Mein Ehrgeiz setzt mich genug unter Druck.

"In der Formel 1 ist keine Pappnase dabei..."

Wären Sie gerne noch gegen Schumi gefahren? Sobald ich einen Helm aufhabe ist mir das eigentlich egal, wer in den anderen Autos drinsitzt. In der Formel 1 ist keine Pappnase dabei und dass Michael nicht mehr fährt, macht mich jetzt nicht besonders traurig. Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu ihm? Das letzte Mal, dass ich ihn gesprochen habe, war letztes Jahr. Ich stehe aber auch nicht in regelmäßigem Kontakt mit ihm. Wenn ich mit ihm sprechen möchte, müsste ich auch die ganze Zeit bei Ferrari vorm LKW warten. Wie alle eben.

Inwiefern hat er Sie damals gefördert? Beim NRW-Cup in Kerpen hat Michael die Pokale überreicht. Und dadurch, dass ich bei Gerd Noack (Schumis Entdecker, d. Red.) im Team fuhr, hatten wir etwas engeren Kontakt. Wir haben uns dann einmal im Jahr gesehen, wenn wir beide gerade in Kerpen waren. Und je älter ich wurde desto mehr Tipps habe ich mir geholt. Da ging es dann vor allem darum, wie man sich neben der Strecke verhält, z.B. in Sachen Fitness. Das hat mir schon enorm geholfen. Was wollen Sie mal erreichen? Ganz vorne mitfahren. Rennen gewinnen und Weltmeister werden. Dafür gebe ich mir aber schon noch ein paar Jahre Zeit.

In welchem Team möchten Sie unbedingt mal fahren? Im besten. Wie hat Ihr Teamkollege Sie empfangen? Den kannte ich ja schon aus dem Kart und aus dem Red Bull Juniorteam. Und wir kommen auch gut miteinander aus. Was halten Sie von Ihrem zukünftigen Teamkollegen, Sebastien Bourdais? Ich kenne ihn nicht persönlich. Er hatte aber sehr starke Jahre in Amerika und ist nicht zu unterschätzen.

Wohnen Sie noch in der Schweiz? Ja, in Walchwil am Zuger See. Ich bin vor einem Jahr in die Schweiz gezogen, weil BMW Sauber dort stationiert ist. Und jetzt bleibe ich erst mal. Ich bin kein Umzugskönig, habe mich erst relativ langsam eingelebt. Und bis zu Toro Rosso nach Italien sind es auch nur vier Stunden. Wie oft kommen Sie noch nach Heppenheim? Generell bin ich ja viel unterwegs. Allzu oft fahre ich deshalb nicht mehr nach Hause. Was sagt Ihre Mutter dazu, dass sie Sie nur noch so selten sieht? Ich glaube, das ist in gewisser Hinsicht normal. Wenn ich in Hamburg Maschinenbau studieren würde, wäre ich auch nicht so oft zu Hause. Aber es gibt ja heutzutage Internet und Telefon. Von daher ist das kein Problem.

Sind Ihre Eltern stolz auf Sie? Ja, die finden das klasse, was ich mache. Trotzdem bin ich immer noch ihr Sebastian geblieben. Und mein Vater greift nebenbei Talenten in der Formel BMW unter die Arme. Und wie oft sehen Sie Ihre Freundin Hanna? Sie kommt ab und zu runter zu mir in die Schweiz oder wir treffen uns irgendwo anders. Das passt schon. Dass sie auch zu den Rennen kommt, ist vorerst aber nicht geplant. Derzeit wird mich eher mein Vater begleiten.

Was machen Sie sonst in Ihrer Freizeit? Ganz normale Sachen. Ich trainiere viel und bereite mich auf die Rennen vor. Ich fahre Fahrrad, laufe, schwimme und mache auch Krafttraining. Dafür habe ich die meisten Geräte zu Hause. Davon abgesehen bleibt noch Zeit, ganz normale Sachen zu machen. Zum Beispiel im Internet surfen, Blödsinn anstellen oder Freunde treffen.

Autor: Bianca Garloff

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