Die blonde Flipperkugel

F1-Doppelsitzer: Fahrbericht (1)

— 14.02.2012

Die blonde Flipperkugel

700 PS, 300 km/h: Wie es sich anfühlt, mit einem Formel 1-Doppelsitzer über den Grand-Prix-Kurs von Abu Dhabi zu rasen? AUTO BILD MOTORSPORT-Redakteurin Bianca Garloff hat es ausprobiert.

Kennen Sie Flipper? Nein, nicht den berühmten Delphin aus der gleichnamigen TV-Serie, sondern das Automatenspiel, bei dem eine Kugel durch ein Spielfeld aus Stoßfedern gejagt wird und unkontrolliert von einer Station zur nächsten prallt. Wie dieser kleine Spielball unter der Glasscheibe, so fühlte ich mich im Formel 1-Doppelsitzer. Nirgendwo sind die Fliehkräfte größer als in der Formel 1. Was die Jungs in ihren Höllenmaschinen aushalten müssen, kann sich kein normaler Autofahrer vorstellen. So ein Monoposto beschleunigt von 0 auf 100 in zwei Sekunden, bremst von 200 auf 60 in 50 Metern. Die nächstbeste Gelegenheit die Herausforderung Formel 1 annähernd zu begreifen, ist der Doppelsitzer vom Ex-Formel-1-Team Minardi mit etwa 700 PS.

Der Mann- und Maus-Vergleichstest: Redakteur Ralf Bach im F1-Doppelsitzer

Video: Bianca Garloff im Formel 1 Doppelsitzer

Eine Runde Onboard

Formel 1-Reifenlieferant Pirelli ermöglichte AUTO BILD MOTORSPORT auf dem Grand-Prix-Kurs in Abu Dhabi den Mann- und Maus-Vergleichstest. Reinzwängen in das enge Doppelcockpit, Gurte festziehen, bis die Luft wegbleibt und los geht's. Kurz kitzelt es in der Magengegend wie beim ersten Berg einer Achterbahnfahrt, als Profirennfahrer Pilot Giacomo Ricci aus dem ersten Gang beschleunigt. Der Zehnzylinder kreischt in meinem Rücken. Obwohl ich die Ohrenstöpsel vergessen habe, nehme ich das Geräusch kaum wahr. Zu konzentriert bin ich auf das Fahren an sich. Schnell gewöhnt sich mein Körper an die hohe Geschwindigkeit. Tempo 300 erreichen wir auf der etwa ein Kilometer langen Geraden des Yas Marina Circuit. Rechts und links fliegen die Tribünen an mir vorbei.

Alle News und Infos aus dem Motorsport

Der Doppelsitzer erreicht in schnellen Kurven Fliehkräfte von rund 4g. Die echten Formel-1-Renner schaffen noch ein g mehr.

Die Sicht nach vorne ist durch die Nackenstütze des Fahrers versperrt. Kurz wage ich es, rechts vorbeizuschauen am Überrollbügel. Huch! Der Fahrtwind reißt mir fast den Helm vom Kopf. "Lifting" nennen Experten dieses Phänomen. Formel-1-Fahrer kämpfen 90 Minuten am Stück damit. Ich dagegen verkrieche mich lieber wieder hinter meinem Schutzwall. Rumms. Mein Helm knallt brutal gegen die vordere Nackenstütze. Ricci hat gebremst. Und ich werde erstmals zum Spielball der Formel-1-Gewalten. Jetzt weiß ich, warum Vettel und Co. stählerne Nackenmuskeln brauchen. Meine bittere Erkenntnis: Muskeln am Hals? Die habe ich nicht. Leider, denn die Tortour geht weiter. Nächstes Bremsmanöver, nächster Kopfstoß. Gut, dass das Helmpolster den Aufprall abfedert. Es folgt eine mega-schnelle Links-Rechts-Kombination. Durchatmen? Von wegen. Erst knallt mein Kopf an die rechte Cockpitwand, wo er wie angeklebt eine Ewigkeit von drei Sekunden verharrt. Anschließend der brutale Ruck nach links.

Redakteurin Bianca Garloff wurde in dem Doppelsitzer gut durchgeschleudert und hatte am anderen Tag Muskelkater im Nacken.

Erneut ruht mein Kopf an der Seitenstütze, ohne dass ich es wirklich will. Die Kräfte zerren an meinem Hals. Dabei war das noch nicht einmal das Limit. "Der Doppelsitzer erreicht in schnellen Kurven Fliehkräfte von rund 4g", wird mir mein Fahrer später erzählen. "Die echten Formel-1-Renner schaffen noch ein g mehr." Heisst: Im Doppelsitzer reißt das Vierfache meines Kopfgewichtes (inklusiv Helm) an meinem Nacken. So geht das insgesamt zwei Minuten. Mein Kopf knallt nach vorn, nach rechts, nach links. Bodenwellen schmerzen im Po. Der Fahrtwind reißt am Helmriemen. Und in mir reift die Erkenntnis: Für untrainierte Menschen ist die Formel 1 rohe Gewalt. Ein extremes und extrem geiles Gefühl. Übrigens: Anscheinend habe ich doch Nackenmuskeln. Jedenfalls taten sie am nächsten Tag höllisch weh.

Der Mann- und Maus-Vergleichstest: Redakteur Ralf Bach im F1-Doppelsitzer

Autor: Bianca Garloff

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.