ABMS-Reporterin Garloff mit Mercedes GP-Teamchef Brawn

F1-Interview: Ross Brawn

— 29.09.2010

Brawn steht zum Schumi-Bonus

Teamchef Ross Brawn bestätigt im Interview mit autobildmotorsport.de zu, dass Michael Schumacher 2011 wohl nur noch im Mercedes-Cockpit sitzt, weil er den "Schumi-Bonus" trägt.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Brawn, wie oft haben Sie in diesem Jahr beim Fliegenfischen oder in Ihrem Rosengarten darüber nachgedacht, wie Sie den Mercedes verbessern können?
Ross Brawn (55): (lacht) Tatsächlich schaffe ich es immer noch ein paar Tage während der Saison abzuschalten, aber wirklich oft kommt das nicht vor. Dies war ein ziemlich forderndes und schwieriges Jahr für mich. Das Interessante daran: Der Misserfolg hat meine Motivation und Entschlossenheit quasi regeneriert. Es ist wirklich komisch, aber ich bin jetzt wirklich motivierter als ich das beispielsweise im letzten Jahr war, als wir den WM-Titel geholt haben.

Also geben Sie zu, dass das erste Jahr mit Mercedes GP für Sie eine Enttäuschung war?
Die Formel 1 ist ein extrem wettbewerbsorientiertes Geschäft. Wenige Zehntel können darüber entscheiden, ob eine Saison erfolgreich war oder als Misserfolg abgehakt werden muss. Wir haben zur Saisonmitte erkannt, dass wir die Saison herschenken und uns auf die Zukunft konzentrieren müssen. Aber ich bin lang genug in der Formel 1 und Realist genug um zu wissen, dass Enttäuschungen wie in diesem Jahr zum Geschäft dazugehören.
Aber was lief denn nun eigentlich schief?
Ich möchte hier keine Entschuldigungen finden, aber das diesjährige Auto ist 2009 zu einem Zeitpunkt geboren worden, als die Teamstruktur gerade auf den Kopf gestellt wurde. Nachdem ich das Team Ende 2008 von Honda gekauft hatte, haben wir mehrere hundert Mitarbeiter entlassen müssen. Danach hat es eine Weile gedauert, bis wir uns neu aufgestellt hatten. Gleichzeitig lag unser Fokus darauf, die WM zu gewinnen. Deshalb haben wir weniger in das diesjährige Auto investiert als nötig gewesen wäre. Aber ich habe das Gefühl, dass wir jetzt wieder gut aufgestellt sind  – trotz des im Gegensatz zu Ferrari, Red Bull und McLaren kleineren Teams, das wir haben. Deshalb bin ich sehr optimistisch, was die Zukunft angeht.

Nachrichten aus der Formel 1

Während Ferrari, Red Bull und McLaren um die WM kämpfen, konzentriert sich Mercedes GP auf das Auto für 2011.

2011 muss die Mitarbeiterzahl sowieso reduziert werden. Aber haben die drei Top-Teams nicht trotzdem noch einen Vorteil, weil sie jetzt das neue Auto noch mit der alten Manpower bauen können?
Vielleicht, aber wir sind jetzt schon zu 100 Prozent auf das neue Auto konzentriert, während die drei anderen Teams immer noch um die WM kämpfen und ihre Ressourcen deshalb aufteilen müssen. Im Endeffekt bedeutet das, dass wir weder einen Vorteil noch einen Nachteil haben, sondern mit der gleichen Mannschaftsstärke am neuen Auto arbeiten wie Ferrari, McLaren oder Red Bull.
Trotzdem heißt das ja nicht automatisch, dass auch Michael Schumacher wieder zum Siegfahrer wird – immerhin wurde er in diesem Jahr ziemlich deutlich von Nico Rosberg geschlagen. Dabei haben Sie doch das ganze Jahr betont, beide hätten einen ähnlichen Fahrstil?
Ganz so ist das nicht. Michaels Stil ist angewiesen auf einen starken Vorderreifen, der seinen harten Brems- und Einlenkmanövern und der hohen Kurvengeschwindigkeit, die er fahren will, standhalten kann. Nico dagegen hat einfach besser verstanden, wie er mit dem Vorderreifen umzugehen hat. Dazu muss ich aber auch sagen: Der Vorderreifen ist im Moment sehr ungewöhnlich. Das liegt daran, dass die FIA den Gebrauch von KERS unterstützen wollte und Bridgestone gebeten hat, den Reifen an eine entsprechende Gewichtsverteilung anzupassen und so eine bestimmte Reifencharakteristik zu generieren.
Bridgestone ist also Schuld an Schumachers missglücktem Comeback?
Nein, natürlich ist Nico auch ein fantastischer Fahrer, anscheinend eine echte Messlatte. Dazu kam dann eben, dass Michael sich einfach nicht auf die Reifen einstellen konnte. Aber im kommenden Jahr erwarten wir von den Pirelli-Reifen eine andere Charakteristik, die Michaels Fahrstil wieder mehr entgegen kommt. Dann erst wissen wir, ob Michael wirklich schlechter ist als Nico.

Schumi hofft auf neue Reifen

Brawn hofft auf bessere Reifen: 2011 löst Pirelli Bridgestone als Reifenlieferant der Formel 1 ab.

 Sie haben also schon gewisse Daten der Pirelli-Reifen, die Ihnen Hoffnung machen, dass sie Michaels Problem lösen?
Nein. Wir wissen noch sehr wenig von der Reifencharakteristik. Aber so ungewöhnlich wie der Bridgestone-Reifen in diesem Jahr war, so ungewöhnlich kann der Pirelli gar nicht werden. Selbst von 2009 auf 2010 ist der Bridgestone noch einmal schlimmer geworden. Das hatten wir nicht erwartet und lagen mit unserer Gewichtsverteilung im Auto total daneben.
Hätte Michael 2009 also weniger Probleme gehabt?
Die Reifen hätten definitiv besser zu seinem Fahrstil gepasst. Natürlich hat er versucht, seinen Fahrstil zu ändern. Aber ohne Testfahrten ist das sehr schwierig. 2011 starten alle Fahrer bei null. Dann hat Michael auch keinen Nachteil mehr.
Wie sehr bauen Sie auch das Chassis nach Michaels Wünschen?
Eigentlich gar nicht. Es ging wirklich nur darum, dass Michael und das Auto den Vorderreifen überfahren haben. Der Unterschied zwischen uns und den drei Top-Teams ist der, dass sie Wege gefunden haben, den Vorderreifen zu nutzen. Wir nicht.
Die Saison kann für Michael nicht gerade befriedigend gewesen sein. Wie muss man sich de Diskussionen zwischen ihm und Ihnen vorstellen?
Natürlich ist Michael enttäuscht. Trotzdem genießt er die Herausforderung. Er kommt zu keinem Rennen mit dem Wunsch, er wäre nicht hier. Er will mit den Ingenieuren arbeiten, Lösungen finden, ist extrem motiviert. Und er hat Spaß in den Rennen. Er fährt fantastische Starts, wie früher perfekte erste Runden. Aber natürlich ist er auch frustriert, dass seine Leistung generell nicht besser ist. Aber ich sage Ihnen: Michael ist ein sehr ehrgeiziger Mensch und er hat nicht seine sieben WM-Titel geholt, weil er schnell aufgibt. Er arbeitet hart mit den Ingenieuren und treibt auch die Leute in der Fabrik an.

Schumi ist cooler geworden

Sie kennen Ihn sehr lange und sind einer der wenigen, die seine Leistungsstärke heute mit früher vergleichen können. Hat er nachgelassen?
Er ist relaxter geworden. Vor fünf Jahren hätte er mit der jetzigen Situation nur ganz schwer umgehen können. Er ist cooler und erwachsener geworden, womit ich nicht sagen will, dass er weniger ehrgeizig oder motiviert ist. Aber ich bin beeindruckt, wie ruhig er trotz seines Misserfolges bleibt.
Aber ist er denn noch so gut wie früher?
Bei den Telemetrieaufzeichnungen in schnellen Kurven oder bei seiner Reaktionsfähigkeit zum Beispiel auf das Verhalten des Autos, zum Beispiel wenn es ausbricht, sehe ich null Unterschiede. Da ist er immer noch der Alte, so gut wie früher. In langsamen Kurven kann er die Reifen aber einfach nicht so gut nutzen wie Nico. Da hat Nico die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Aber ich glaube, Michael findet das gut. Denn so weiß er genau, wo er sich wieder verbessern muss. Meiner Meinung nach werden wir den wahren Michael 2011 wieder sehen, wenn wir ihm ein besseres Auto gebaut haben.
Früher war Michael immer die Messlatte, jetzt ist es erstmals sein Teamkollege. Wie geht er damit um?
Gut. Natürlich ist er nicht glücklich darüber. Aber so hat er ein genaues Ziel vor Augen. Und diese Herausforderung hat er schon immer geliebt.

An Rücktrittsgerüchten ist nichts dran

Teamchef Brawn (l.) erklärt wie sich Schumacher seit der gemeinsamen Zeit bei Ferrari verändert hat.

 Wie oft ruft er Sie an, um Einfluss auf das neue Auto zu nehmen?
Wir telefonieren viel, aber er redet auch viel mit den Ingenieuren und den Aerodynamikern. Einerseits, um uns zu helfen, aber auch um herauszufinden, welche Fortschritte wir machen.
Wenn er nicht Michael Schumacher, der siebenmalige Weltmeister wäre, säße er bei dieser Leistung dann wirklich immer noch im Mercedes?
Ganz ehrlich: wohl nicht. Aber weil wir Michael kennen, wissen wir, dass da noch einiges kommen kann. Denn Michael ist auf vielen Gebieten sehr talentiert: beim Fahren, bei der Zusammenarbeit mit dem Team. Und das Team ist sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie Michael sich einbringt. Wenn Michael ein Rookie wäre, würden wir uns schon manchmal fragen, ob er das Potential hat, sich weiterzuentwickeln. Bei Michael wissen wir, dass es so ist.
Eddie Jordan hat zuletzt prophezeit, dass Michael Ende des Jahres schon wieder zurücktreten werde. Was sagen Sie dazu?
Da ist nichts dahinter. Es wäre dumm in dieser Phase seines Comebacks alles hinzuschmeißen. Und das hat er auch nicht vor, da kann ich Sie beruhigen.
Jordan meinte auch, dass Sie ebenfalls über eine Trennung von Mercedes nachdenken würden, weil Sie unzufrieden seien mit der Zusammenarbeit?
Natürlich werde ich eines Tages aufhören, aber das will ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere tun, nicht in einer Situation wie jetzt. Im Moment habe ich noch genug Motivation, um morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Aber natürlich wird es einen Tag geben, wenn ich das Team an jemand anders übergebe – nur jetzt noch nicht.

"Mit 65 möchte ich diesen Job nicht mehr machen"

Schumacher vom Rennfahrer zum Teamchef? "Das würde ihn nicht befriedigen und motivieren", weiß Brawn.

 Könnte Michael so jemand sein?
Ich habe noch nie mit ihm darüber gesprochen. Er ist ein sehr intelligenter Typ mit einem ausgeglichenen Familienleben. Ich weiß nicht, ob er sich diesen Job antun will. Als Teamchef bekommst du einfach nicht diesen Adrenalinschub, den du im Auto hast. Stattdessen hast du einen zehn bis zwölf Stunden-Arbeitstag in der Fabrik. Das würde ihn nicht befriedigen und motivieren.
Und was sagen Sie zu den angeblichen Spannungen zwischen Ihnen und Mercedes?
Schade, dass solche Gerüchte immer wieder gestreut werden. Machen wir uns nichts vor: Natürlich ist keiner von uns mit unserer Leistung in diesem Jahr glücklich. Und natürlich will Mercedes wissen, wie wir uns in der Zukunft verbessern können. Aber gerade mir muss man nicht sagen, dass wir siegen müssen. Grundsätzlich können wir auch die Zusammenarbeit zwischen der Fabrik in Brackley und Mercedes effektiver, indem wir mit den Motor- und Forschungsspezialisten enger kooperieren. Aber da ist Mercedes total offen und kooperativ. Im Moment gibt es also keine Probleme. Erst wenn wir uns in Zukunft nicht steigern, werden die kommen.
Könnte es also passieren, dass Sie Ende nächsten Jahres zusammen mit Michael glücklich in den Sonnenuntergang marschieren?
Nächstes Jahr wäre noch zu früh. Ich mag das Team, habe viel mit ihm durchgemacht. Ich würde die Mannschaft also nie ohne geklärte Verhältnisse verlassen. Aber ich will diesen Job auch nicht mehr machen, wenn ich 65 bin. Bernie Ecclestone hat die Latte da zwar recht hoch gelegt, ich glaube aber nicht, dass ich im Alter noch so leistungsfähig bin wie er.

Autor: Bianca Garloff

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.