Fahrbericht Abt RS 6 Avant

Abt RS 6 Avant Abt RS 6 Avant

Fahrbericht Abt RS 6 Avant

— 15.09.2008

Der Familienrennkombi

700 PS in einem Kombi – da steigt die Familie ein und fühlt sich wie kleine Schumis in Renn-Overalls. Dem Abt RS 6 Avant gelingt der Slalom zwischen Pommesbude und Piste, zwischen Alltag und "Ihr habt sie doch nicht alle!"

Carlotta und Lukas grinsen, wie nur Kinder grinsen, wenn sie wissen: Gleich ist Bescherung. Feuchte Hände werden am Rennoverall abgewischt, ihre Blicke flitzen herum wie Mäuse im Käfig. Da – die Autobahn. Freie Fahrt. Der Abt RS 6 Avant schießt so schnell auf 180, wie man braucht, um diesen Satz zu lesen. "Jiipppieeeh", kräht es im Fond. Die beiden haben Weihnachten, Kirmes und Achterbahn auf einmal, nur Mama Bianca auf dem Beifahrersitz rollt mit den Augen. "Hast du sie noch alle?" Okay, okay, dieses Auto ist der Wahnsinn. Im doppelten Sinne. 700 PS stark, bis zu 340 km/h schnell – im Anzug des Biedermann-Kombis steckt ein gedopter Top- Sportler. Während andere um Zehntelliter knausern, jagt dieses Geschoss vom teuersten Super plus je nach Gasfuß zwischen 15 und 20 Liter durch.

Mit reichlich Understatement verbirgt der Abt seine brachiale Kraft

Hat der sie noch alle? Man muss schon ein verdammt großes Kind sein, um hier noch scheuklappenfrei Spiel und Spaß zu entdecken. Mit dem Abt erntet man keinen Umweltengel, sondern eher den Stinkefinger beim Elternabend. Ob man als Provinz-Schumi oder als der nette Papa von Carlotta durchgeht, liegt nur am Fahrer, oder besser: an dessen Gasfuß. Der Abt RS 6 kann – vor allem in Saubermann-Weiß – so unauffällig durch den Alltag schlüpfen, dass Understatement bis zur Selbstkasteiung ausartet. Sein Zehnzylinder schlendert im Standgas zur Eisdiele, das Sportfahrwerk – einmal auf Comfort gestellt – trägt die Familie wie auf einer kleinen Wolke. Der Kofferraum transportiert am Wochenende die neue Gartenbank. Carlotta und Lukas lümmeln hinten herum, und würde im Stop-and-go nicht die extra verbaute Keramikbremse so nervig quietschen – niemand würde herüberschauen zu dem Lastesel mit dem TDI-Image. Der RS 6 Avant verbindet perfekte Alltagstauglichkeit mit der Power eines Sportlers.

Im Innenraum zeigt der Abt RS 6 Avant Rennsport-Athmosphäre

Sportlenkrad, Schaltwippen, enge Sitzschalen: Am Arbeitsplatz gibt sich der Kombi betont sportlich.

Manchmal möchte man sich vor den Abt stellen, mit den Armen rudern oder mit den Fingern auf ihn zeigen: "Schaut her, darunter steckt ein Rennwagen, auch wenn’s nicht so aussieht." Darin steckt nämlich der zweite, andere Wahnsinn: Man steigt ein, räkelt sich in den passgenauen Polstern und fühlt sich, als bekäme jeder im Auto auf Fingerschnipp einen Rennoverall übergestreift. Bianca, schnipp, vorn, die Kinder hinten, der Fahrer sowieso, schnipp – bis es aussieht wie auf den Bildern. Sie meinen, das sei gnadenlos übertrieben? Keineswegs. Die Verwandlung beginnt schon in den Sitzschalen, deren Wangen sich per Elektromotor optimal an den Körper legen – in jeder Position zwischen Schwimmreifen und Schraub stock. So muss ein Sitz passen. Hinterm Lenkrad, das mit rauem Leder die Hände verwöhnt, liegen rechts und links die Schaltwippen wie zwei Flipperhebel – spätestens hier erwacht der Spieltrieb, der kleine Lukas in mir.

Der V10 startet mit einem rauen Grollen, aber das war's dann auch. Als wir im Tunnel die Fenster öffnen, um den Motorklang zu hören, sagt Lukas nur: "Hääh?" Kein V8-Gewitter, nur ein unspektakuläres Brausen. Tönende Langeweile als stiller Gegensatz zur unglaublichen Power, denn der Fünfliter mit den zwei Turbos zieht dir allein schon durchs Beschleunigen die Mundwinkel nach hinten. Lachen besorgt hier die Physik. Gemessene 4,4 Sekunden bis Tempo 100 liegen auf dem Niveau des Top-Ferrari 599 GTB. Wer jetzt nicht "Jippieh!" ruft, hat das Kind in sich vergessen. Schade... Der quattro-Antrieb, der 60 Prozent der Kraft zur Hinterachse schickt, bringt die PS still und effektiv auf den Boden, da blinkt kein Warnlicht und pfeift kein Reifen. Bis Tempo 250 joggt dieser Kraftprotz nur, auf der Autobahn sind alle Diesel nur Spielfreunde.

Genie und Wahnsinn liegen bei diesem Kombi sehr dicht beieinander

Wahnsinn: 4,4 Sekunden von 0 auf Tempo 100, 340 km/h Spitze.

Die Kehrseite dieses Längsdynamikers sind 2,2 Tonnen Leergewicht, damit geht keiner auf die Rennpiste. Der RS 6 Avant ist Audis rollendes Meisterstück, ein Ausweis der technischen Kompetenz dieser Marke. Bärenstark, perfekt, vielseitig – worin liegt dann der Sinn, dass Abt die 580 PS des Serienmodells nochmals toppen muss? Auf 700 PS und 340 km/h Spitze? Genie und Wahnsinn – wer will die Grenze ziehen ... 4900 Euro kostet allein die neue Elektronik, während Audis Haustuner die komplette Mechanik im Serienzustand belässt. 4900 Euro, um aus dem Überflieger einen noch exklusiveren RS 6 zu machen. Das soll der Papa mal Carlotta und Lukas erklären. Oder noch besser Bianca, die sich am Ende des Tages aus dem Rennoverall schält. "Ihr habt sie doch nicht alle!" Ein bisschen hat sie recht.

Autor: Joachim Staat

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