Fahrbericht Audi Cross Coupé

Fahrbericht Audi Cross Coupé

— 18.08.2007

Zu schön für den Schlamm

Keine Studie ohne Hintergedanken: Im Cross Coupé stecken die Gene des VW Tiguan, die wir bald im Audi Q3 wiederfinden. AUTO BILD durfte die Studie exklusiv fahren.

Schöne neue Auto-Welt: Per E-Mail lädt uns Suzy auf einen Drink in die Pudong Bar, über Spracheingabe spielt Radio Shanghai Lang Langs Dragon Songs, und auf Knopfdruck erscheint im Zentraldisplay die CO2-Emission auf dem Weg in die City. Willkommen im Audi Cross Coupé, das als Studie im Frühjahr auf der Shanghai Motor Show debütierte – das erklärt die einprogrammierte China-Connection. Gefahren haben wir den in flüssigem Silber (liquid silver) lackierten Schönling nicht in Fernost, sondern rund um die Münchener Allianz Arena. Erster Eindruck: erstaunlich fertig, erstaunlich vielseitig, erstaunlich gut. Das macht Hoffnung auf das Serienmodell, das Q3 heißen wird, und ab Herbst 2010 in Wolfsburg gebaut werden soll.

Das Cross Coupé von Audi ist ein Hingucker, der polarisiert

"Unter dem Cross Coupé versteckt sich die Mechanik des VW Tiguan", verrät Uwe Haller, der für den Aggregateeinbau zuständig ist. Das bedeutet im Gegensatz zum Audi Q5, der im nächsten Jahr auf den Markt kommt, Quermotor und Allradantrieb mit Haldexkupplung. Auch die Abmessungen orientieren sich am VW: Radstand 2,60 Meter, Länge 4,38 m, Breite 1,82 m, Höhe 1,60 m. Im Gegensatz zum eher konservativ gestylten Volkswagen ist das Cross Coupé ein Hingucker, der polarisiert. Der wuchtige Grill passt besser zu einem US-Truck, die Lichtorgie mit unzähligen LED-Leuchten am Heck verwandelt den Viersitzer in ein rollendes Rotlichtviertel, die fetten 20-Zöller unterstreichen die nur ansatzweise vorhandene Geländetauglichkeit.

Gewöhnungsbedürftig: das berührungsempfindliche Touchpad

Großzügig: Trotz Coupé-Optik bietet der edle Innenraum viel Platz.

Doch das Showcar hat auch seine Schokoladenseiten – zum Beispiel das riesige, innen belederte Faltschiebedach, das trotz Coupé-Optik großzügige Raumangebot und das innovative Cockpit. Und natürlich den neuen Zweiliter-Common-Rail-Diesel, der mit 204 Pferdestärken das Leistungspotenzial der stärksten Vierzylinder von BMW und Mercedes egalisiert. Cross Coupé fahren will gelernt sein. Denn die gewünschte Fahrstufe wird nicht durch Verschieben des Wählhebels eingelegt, sondern mit dem rechten Daumen über ein Rändelrad. Klingt kompliziert, flutscht aber nach drei oder vier Versuchen wie im Schlaf. Gewöhnen muss man sich hingegen an das berührungsempfindliche Touchpad, das Teil des MMI-Systems ist.

Die Grundfunktionen erinnern an einen Laptop, doch das schwarze Feld beherrscht darüber hinaus so schwierige Übungen wie die Handschrifterkennung. Das erleichtert die Eingabe einer Adresse im Navigationssystem oder einer Telefonnumer ungemein. Zu warm? Ein Knopfdruck öffnet das Faltdach und verwandelt den Audi in ein Beinahe-Cabrio. Zu kalt? Ein Dreh am Stellrad der Klimaanlage, und schon wird eingeheizt. Durch Sensoren unter dem Sitz weiß die Anlage, ob fahrer- oder beifahrerseitig nachgeregelt werden soll. Zu straff? Ein klarer Fall für Audi drive select. In "Sport" schalten die Dämpfer auf kernig, der Motor auf bissig und die S-tronic auf hau ruck. Wer eine verbindlichere Kennung bevorzugt, stellt den Wählhebel auf "Dynamic".

Besonders umweltfreundlich: die Regel-Elektronik im Efficiency-Programm

Sauber: Der Zweiliter-Diesel schafft die Euro-5-Abgasnorm.

Besonders umweltfreundlich funktioniert die Regel-Elektronik im Efficiency-Programm. Der Tempomat fühlt sich jetzt am Berg eher dem Verbrauch verpflichtet als dem Tempo, das Navi-System nimmt vor Kurven automatisch Gas weg, und die Klimaanlage verweigert den Dienst. Das kostet Schweiß und Zeit, soll aber bis zu 20 Prozent Sprit sparen. An der Tankstelle verspricht Audi einen Durchschnittsverbrauch von 5,9 Litern – nicht schlecht für einen Motor, der mit maximal 2000 Bar bis zu 400 Newtonmeter durch den Antriebsstrang jagt. Dank Bluetec-System mit Harnstoff-Beigabe erfüllt das Zweiliter-Aggregat bereits die künftige Euro-5-Abgasnorm. Doch es kommt noch besser, denn im Gegensatz zu den TDI-Schüttelhubern der ersten Generation überrascht der neue Motor durch tadellose Manieren.

Hinter der Studie steckt ein überzeugendes Konzept

Kaum Serienchancen: die Keramik-Bremsen der Studie.

Die Laufruhe besitzt beinahe schon V6-Format, das Arbeitsgeräusch wird Ohropax-perfekt weggefiltert, das Ansprechverhalten erinnert an vorauseilenden Gehorsam. Und was noch schöner ist: Gedreht wird ab sofort bis 4500 Umdrehungen. Die handgeschnitzten Reifen rollen zwar nicht besonders geschmeidig, doch das Fahrwerk kann zumindest ansatzweise zeigen, was später in der Serie mal in ihm stecken wird. Zum Beispiel zweifach verstellbare Dämpfer, steif angelenkte Rohr-Stabis, Keramikbremsen aus dem RS4 und natürlich separat angeordnete Federn und Dämpfer. Das letztere Arrangement dient nicht nur der Bodenhaftung, der Querdynamik und dem Fahrkomfort, sondern auch der Durchladebreite im Gepäckraum.

Die Keramik-Stopper dürften auf dem Weg zur Serienreife leider ebenso den Controllern zum Opfer fallen wie die LED-Hauptscheinwerfer, die mit Hilfe von Umlenkreflektoren sogar um die Ecke leuchten können. Als gesetzt gilt dagegen die elektromechanische Lenkung, die geschwindigkeitsabhängig arbeitet und Störquellen gegenüber erstaunlich immun ist. Das Cross Coupé mag für manche Geschmäcker optisch etwas zu dick auftragen, doch hinter dem Show-Effekt mit viel Chrom und dem unvermeidlichen Imponier-Kühlergrill versteckt sich ein überzeugendes Konzept, das auf Anhieb die goldene Mitte findet zwischen bravem Allradler und frivoler Unvernunft. Was wir am Cross Coupé schon bei der ersten Ausfahrt schätzen gelernt haben, das sind die wegweisende Architektur, der stimmige Antrieb und die innovativen Details.

Zwei Redakteure zwei Meinungen

Zwei AUTO BILD-Redakteure, zwei Meinungen: Gerald Czajka und Alex Cohrs.

AUTO BILD-Redakteur Gerald Czajka:
Erst konnte ich es gar nicht glauben. Ein paar einfache LED, mit Rot und Weiß allerdings in zwei verschiedenen Farben, provozieren unter den selbst ernannten Wächtern des guten Geschmacks einen Sturm der Entrüstung. Und setzen Audi plötzlich dem Verdacht aus, mit der aktuellen Studie Cross Coup. voll in die Proll- und Pöbel-Ecke abzudriften. Sorry, liebe Strickjacken-Träger, aber das klingt für mich verdammt nach meiner Oma. Die wollte mich angesichts einer gepiercten und tätowierten Freundin auch schon mal enterben und fragte – ernsthaft besorgt – nach dem Notruf. Doch wer mit der (zugegeben: mitunter ziemlich bunten und auffälligen) Selbstdarstellung seiner Mitmenschen nicht klarkommt, muss die ja nicht gleich diffamieren. Stichwort Toleranz – denn wie schrieb schon Rosa Luxemburg: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden." Mir gefällt das LED-Lametta des Cross Coupé zum Beispiel ausgesprochen gut – genau wie der Körperschmuck meiner Freundin. Die ach so dezenten und stilsicheren Kritiker des bunten Treibens sollten ihren arroganten Alleinvertretungsanspruch in allen Geschmacksfragen aufgeben. Es gibt nämlich tatsächlich Menschen , denen LED nicht in den Augen wehtun. Mal ganz davon abgesehen, dass die LED auch noch ein wichtiger Beitrag zur Sicherheit auf unseren Straßen sind.

AUTO BILD-Redakteur Alex Cohrs: Es ist eine alberne Szene, die ich seit gestern im Kopf habe, aber ich werde sie nicht mehr los: Ich blicke auf das Heck des Audi Cross Coupé, plötzlich geht die Kofferraumklappe auf, ein Herr mit Los-Eimer in der Hand springt raus und brüllt: "Kommen Sie rein, kommen Sie ran, hier gibt's Gewinne. Jedes Los ein Treffer!" Das Kirmesbuden-Design des Cross Coupé hat diesen Albtraum bei mir ausgelöst. LED-Leuchtband oben, LED-Leuchtband unten, LED-Tagscheinwerfer vorn, da fehlt nur noch die Discokugel im Innenraum. Klar, vordergründig wird mit Sicherheitsgewinn argumentiert, und Tagfahrleuchten scheinen ja auch wirklich eine sinnvolle Sache zu sein. Wenn ich mir das Cross Coupé und seine Konzernbrüder anschaue, dann bekomme ich aber den Eindruck, dass die neue LED-Manie eine reine Designmasche ist, eine niveaulose noch dazu. Denn was anderes sollen die aggressiven Front-Scheinwerfer aussagen als: "Hey, Platz da, ich bin stärker!" Eine unsympathische Machtdemonstration. Gerade Audi sollte da aufpassen. Ein Kumpel von mir meinte neulich schon: "Für mich haben Audi-Fahrer heute das Image, das BMW-Fahrer vor 20 Jahren hatten." Also das der Linke-Spur-Drängler und Lichthupe-Dauernutzer. Und so ein Eindruck könnte durchaus für neue Albträume sorgen – aber diesmal bei den Marketingstrategen aus Ingolstadt...

Vier Fragen an Julian Hönig, Designer der Q3-Studie

Designer Julian Hönig hat die Q3-Studie entworfen.

AUTO BILD: Das Cross Coupé ist der kleine Bruder des Q7. Welche Stilelemente kennzeichnen die Q-Modelle? Julian Hönig: Die sportliche Dachform, die Zweifarbigkeit, die großen Räder und die Aluminium-Akzente.
Und innen? Warme Farben, fließende Linien, edle Materialien – ganz einfach Wohnlichkeit.
Worauf sind Sie besonders stolz? Auf die gute Harmonie zwischen der sportlich-eleganten Coupé-Welt und der auch optisch durch nichts zu erschütternden SUV-Welt.
Was wird sich auf dem Weg vom Cross Coupé bis zur Serie noch ändern? Nicht jedes Detail hat Zukunft, nicht jede technische Lösung ist bezahlbar, nicht jeder Werkstoff ist alltagstauglich.

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