Fahrbericht Brabus G V12

Brabus G V12 Brabus G V12

Fahrbericht Brabus G V12

— 14.07.2005

Die fliegende Kiste

Einst kutschierte der Oldtimer Soldaten mit geschultertem Gewehr durchs Gelände. Heute fegt der Brabus G V12 mit 610 PS die linke Spur leer.

Hauptsache, es macht Spaß

Als Mercedes im vergangenen Jahr den G 55 AMG Kompressor mit 476 PS vorstellte, waren die einen beeindruckt, andere schüttelten nur den Kopf. So viel Leistung in einem Auto, das seine Karriere vor 25 Jahren als Militärfahrzeug mit 72 Diesel-PS begann, macht das wirklich Sinn? Zum Glück muß sich eine Tuning-Firma diese Frage nicht stellen. Getunte Autos müssen keinen Sinn, sondern Spaß machen.

Von dieser Erkenntnis lebt die Firma Brabus in Bottrop seit mehr als 20 Jahren prächtig. Die auf Mercedes spezialisierte Manufaktur ist immer wieder für eine Überraschung gut. Firmenchef Bodo Buschmann macht sich gerne einen Spaß daraus, den Produkten des werkseigenen Mercedes-Tuners AMG die Schau zu stehlen: Die Brabus-Versionen der jeweiligen Mercedes-Modelle sind meist noch stärker, noch luxuriöser und noch schneller als die entsprechenden AMG-Ausführungen.

Beim G-Modell war es für die Bottroper Ehrensache, der schwäbischen Konkurrenz den Vortritt auf keinen Fall zu überlassen. Denn für den Geländewagen-Klassiker gilt Brabus schon seit den 80er Jahren als erste Adresse, während man bei AMG noch bis weit in die 90er Jahre die Nase rümpfte über den rauhen Klotz mit seinen unsportlichen Manieren.

In 4,7 Sekunden auf Tempo 100

Mit dem G V12 hat Brabus jetzt das stärkste und schnellste G-Modell aller Zeiten auf die Räder gestellt. Der auf 6,2 Liter Hubraum vergrößerte und kräftig überarbeitete Mercedes-Zwölfzylinder-Biturbo mit jetzt 610 PS und 1006 Newtonmeter katapultiert das von Haus aus eher behäbige G-Modell wie eine Kanonenkugel durch den Wind. Und fährt, ganz nebenbei, einem G 55 AMG davon.

Im Sprint von 0 auf 100 km/h gehört der Brabus G V12 mit 4,7 Sekunden zu den schnellsten Autos überhaupt. Um derart brachial von der Stelle stürmen zu können, muß man vorher das Zentraldifferential sperren. Das schaltet gleichzeitig das ESP aus, und nur dann hat der dicke Motor die Chance, seine Kraft auf die Straße zu bringen. Andernfalls würden die meisten Pferdestärken an den durchdrehenden Vorderrädern verpuffen oder vom ESP-Eingriff in der Motorsteuerung zurückgehalten werden. Trotzdem sollte man im Straßenbetrieb auf diesen Trick lieber verzichten. Mit gesperrtem Differential und ohne ESP wird jede Kurve zum gefährlichen Unterfangen, der Bremsweg verlängert sich drastisch.

Gerne um die Kurve fährt das G-Modell auch sonst nicht. Mit seiner schwergängigen, extrem stramm gedämpften Lenkung scheint es seinem Fahrer sagen zu wollen: Führ mich lieber auf die Autobahn und zeig den anderen, was ich draufhabe. Schub im Überfluß steht auf Abruf bereit – jederzeit, überall.

Rasender Kasten auf Schlingerkurs

Die Geräuschkulisse beim Tritt aufs Gaspedal erinnert dabei an ein startendes Düsenflugzeug, während im Rückspiegel auch schnelle Pkw in unglaublich kurzer Zeit immer kleiner werden. Erst bei 240 km/h ist Schluß, da wird der G V12 elektronisch eingebremst. Ließe man ihm freien Lauf, würde er mit seiner grottenschlechten Aerodynamik irgendwann einfach abheben.

Glücklicherweise kommt der rasende Kastenwagen auch schnell wieder zum Stehen. Eine Vierkolben-Bremsanlage verhilft ihm zu einem akzeptablen Bremsweg von 39,8 Meter aus 100 km/h – das ist sehr beruhigend. Weniger Vertrauen als die Bremsen vermittelt der unruhige Geradeauslauf. Diese Disziplin hat ein übermotorisierter und breit bereifter Mercedes-Benz G noch nie beherrscht. Wie soll er denn auch, mit zwei Starrachsen, schmaler Spur und einem fast zwei Meter hohen Aufbau.

Ach so, ehe wir’s vergessen: Besonders sparsam ist er auch nicht. Bei Vollgas laufen schon mal 50 Liter auf 100 Kilometer durch. Wer immer nur für 20 Euro tankt, kommt hier nicht weit. Die Anschaffungskosten von rund 350.000 Euro sind ebenfalls kein wirklicher Schnäppchenpreis. Dafür gibt’s aber neben dem Zwölfzylinder und der für ihn notwendigen Technik in Form von Bremsanlage, Sportauspuff und Sportfahrwerk auch so nette Kleinigkeiten wie Türverriegelungsknöpfe aus Alu, einen Tacho bis 280 km/h, beleuchtete Trittbretter und einen Automatik-Wählhebel aus Vogelaugenahornholz.

Technische Daten und Preis

Dem Umbau vorausgegangen war eine lange Zeit der Erprobung, um den V12-Motor im G-Modell wirklich standfest und alltagstauglich unterzubringen. Zum einen wird’s verdammt eng unter der Haube mit dem riesigen Triebwerk – der Mercedes G war von seinen Erfindern ursprünglich nicht einmal für einen V8-Motor konstruiert worden. Mehr als ein Sechszylinder war 1979 nicht geplant.

Noch größere Probleme aber bereitet die Hitze, die der Zwölfzylinder in dem bis auf den letzten Millimeter ausgefülltem Motorraum produziert. An mangelnder Kühlung sind schon etliche Versuche anderer Tuner gescheitert, die ebenfalls einen Zwölfzylinder in das G-Modell verpflanzen wollten. Wer genau hinsieht, entdeckt an der Front des Brabus G V12 zusätzliche Lufteinlässe anstelle der Nebelscheinwerfer. Und hinter der Frontmaske bemüht sich gleich eine ganze Batterie von Kühlern um den ausgeglichenen Wärmehaushalt des Zwölfzylinders und seiner Aggregate. Mit Erfolg: Während unserer Testfahrten wurde der schwarze Klotz aus Bottrop nie zu heiß. Höchstens zu schnell.

Technische Daten V12-Benzinmotor, vorne längs • zwei Turbolader mit Ladeluftkühler • Hubraum 6233 cm³ • Leistung 449 kW (610 PS) bei 5300/min • max. Drehmoment 1006 Nm bei 1750/min • permanenter Allradantrieb über manuell sperrbares Zentraldifferential, 100%-Achsdifferentialsperren v./h. • Fünfgang-Automatik mit Geländereduktion • Starrachse, Schraubenfedern v./h. • bel. Scheibenbremsen v./h. • Reifen 295/45 R 20 • Felgen 9,5x20 • Länge/Breite/Höhe 4670/1760/1907 mm • Radstand 2850 mm • Leergewicht 2750 kg • Tankinhalt 96l • Beschleunigung 0–100 km/h in 4,7 s; 0–160 km/h in 12,3 s • Höchstgeschwindigkeit 240 km/h • Testverbrauch min./max./ Durchschnitt 17,1/52,1/27,6l/100 km • Preis 345.680 Euro

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