Bugatti Veyron 16.4

Bugatti Veyron 16.4 Bugatti Veyron 16.4

Fahrbericht Bugatti Veyron 16.4

— 13.10.2005

Salz auf seiner Haut

Fahrdynamik-Programme oberhalb von 300 km/h zu testen, braucht Platz. Viel Platz. Der Bugatti Veyron 16.4 bekam den ESP-Feinschliff bei 370 km/h in der Black-Rock-Salzwüste in Nevada.

"Wirklich 250 Meilen? Lieber Gott!"

"Was? Nur 250 Meilen? Ist das alles?" Bruno lacht. Er hat gehört, daß unser Bugatti 407, 5 km/h (253 mph) schnell fährt und deutet auf die Fotos hinter sich: "Das Ding da hat mehr als 700 Meilen gemacht ..." Das "Ding" ist die Thrust SSC des britischen Tornado-Piloten Andy Green. Zwei Rolls-Royce-Flugzeugturbinen auf Rädern mit zusammen 106.000 PS. Green fuhr mit dem Thrust SSC am 15. Oktober 1997 exakt 763,035 mph schnell. Diese umgerechnet 1227,985 km/h entsprechen Mach 1,016 – zum ersten Mal Überschall in der Automobilgeschichte. Auf dem Salzsee hinterm Dorf, der auch uns hierher gelockt hat.

"Schneller als der Schall", betont Bruno noch einmal, dreht sich um und verläßt den Raum. Bruno ist 83 Jahre alt, wohnt in Gerlach/Nevada und scheint lieber Salz als Wasser auf der Haut zu spüren. Ihm gehören die Kneipe, die Tankstelle und das einzige Motel am Ort. Alle müssen zu ihm, wenn sie nicht im Freien übernachten wollen. Gerlach ist ein lausiges Nest in der Black-RockWüste. Aber hier werden die Rekorde gefahren. Am nächsten Morgen parkt vor Bruno's Motel das wohl ehrgeizigste Projekt der neueren Automobilgeschichte, der Bugatti Veyron 16.4. Per Funkfernbedienung schließen wir auf, öffnen die konventionell aufschwingende Seitentür und finden das Zündschloß dort, wo es jeder Großserien-Pkw auch hat, rechts vom Lenkrad.

Dann drücken wir den Starterknopf in der Mittelkonsole des Zweisitzers. Die 16 Zylinder des Achtliter-Leichtmetallmotors fallen in einen gleichmäßigen, stabilen Leerlauf. Und in der Tür steht Bruno. Das sei ja ein wahrhaftiges Auto, kommentiert er anerkennend und hakt nach: "Wirklich 250 Meilen? Lieber Gott!" Der W16 ist aus vier Vierzylindermotoren zusammengefügt, wird durch vier Turbolader beatmet. Der 400 Kilo schwere Motor findet im 446,5 Zentimeter langen, 200 Zentimeter breiten und 120,5 Zentimeter flachen Bugatti Veyron 16.4 längs hinter zwei Carbon-Sitzschalen seinen Platz.

Motorsound wie rollender Donner

Wie ein Projektil auf Rädern steht der rundliche Supersportwagen da. Er ist der schnellste, mächtigste und technisch anspruchsvollste Sportwagen aller Zeiten. Und doch wirkt das Kennenlernen zunächst unspektakulär: Der Blinker dort, wo er auch im Golf zu finden ist, Scheibenwischerhebel und Lichtschalter ebenso. "Konzernübliche Funktionalität", kommentiert Bugatti-Entwicklungschef Dr. Wolfgang Schreiber trocken. Gleichmäßig schnurrt der gut sichtbare Mittelmotor hinterm Heckfenster. Er atmet durch Schnorchel auf dem Dach. So unschuldig wie ein Elektromotor klingt er – nur viel sonorer, tiefer, mächtiger, so, als warnte er davor, ihm zu nahezutreten.

Knapp überm Bodenblech richtet sich der Pilot ein, rastet die Dreipunktgurte ein und streicht ergriffen über gebürstetes Aluminium, reichlich verlegte Lederhäute und die exklusiv gefertigten Schalter sowie Armaturen. Wir sitzen im ersten Serien-Auto der neuen Bugatti-Ära, die mit dem Einzug der Marke ins Mehrfamilienhaus der Volkswagen-Gruppe im Jahre 1998 begann. Ein Auto der Superlative, das 300 Menschen glücklich und den Rest der Menschheit sprachlos machen wird. 1001 PS. Das sind locker 100 PS mehr als in einem Formel-1-Boliden.

Eine erste Kostprobe davon gibt es nach dem Antippen des Schalthebels, worauf die Siebengangschaltung in den D-Modus der Automatikfunktion wechselt. Am Schaltpaddel rechts hinterm Lenkrad gezogen, ist die manuelle Funktion aktiviert. Die Nackenmuskulatur fest gespannt, die Finger ums Lenkrad gekrallt – und dann der beherzte Tritt aufs Gaspedal. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wie ein rollender Donner dreht der Veyron-Motor hoch. Tief brüllend, nicht heiser sägend wie ein Porsche Carrera GT, nicht hell singend wie ein Ferrari Enzo und nicht lauthals kreischend wie ein Formel-1-Monoposto.

Per "Launch Control" auf Tempo 407,5

Die Bässe begleiten den Kraftfluß an vier Räder im Riesen-Format, die sich in den Asphalt beißen und dort ihr Zeichen setzen. Es sind Autogramme, geschrieben von 1250 Newtonmeter Drehmoment, die gegen die Massenträgheit des 1900-Kilo-Brockens, den Roll- und den Luftwiderstand kämpfen. Ein leichter Fingertipp hinterm Lenkkranz, und der Gangwechsel ist initiiert, im ersten Siebengang-Direktschaltgetriebe der Welt. Es arbeitet ohne Zugkraftunterbrechung mit zwei Kupplungen. Wie von einem Gummiband gezogen, fliegen wir Richtung Horizont davon. Was dabei mit dem Piloten geschieht, ist gleichermaßen Achterbahn wie Folterkammer.

Der Nacken wird gegen die Kopfstütze gepreßt, der Magen gegen die Wirbelsäule. Man ist bemüht, den Kontakt zu Lenkrad, Pedalerie und Vernunft zu halten. Drei Augenblicke vergehen, und die Tachonadel springt über 100 km/h. 2,5 Sekunden. Selbst ein Motorrad der Superbike-Klasse bleibt da zurück. Noch dreimal mit der Wimper gezuckt, und schon sind 200 km/h überschritten. 7,3 Sekunden. Wer jetzt nicht den Mut verliert, fliegt nach 16,8 Sekunden mit 300 km/h dahin. Doch selbst diese irrwitzige Beschleunigung des Bugatti Veyron 16.4 kennt noch eine Steigerung: den Abschuß per Launch Control bis zur Höchstgeschwindigkeit von 407,5 km/h. Diese muß allerdings mit einem zweiten Schlüssel links vom Pilotensitz freigeschaltet werden.

Vorbereitend senkt die zentrale Hydraulik die Bugatti-Karosserie bis auf bodennahe 65 Millimeter ab, schließt die Diffusorklappen vorn und legt den Doppelflügel am Heck flach, um wenig Luftwiderstand zu bieten. Dann Vollgas geben, Fußbremse lösen und der Elektronik vertrauen, die die gewaltige Antriebskraft über eine am Vorderachsgetriebe angeflanschte Haldex-Kupplung bedarfsgerecht verteilt. Entlang der Schlupfgrenze aller vier angetriebenen Räder schießt der Bugatti voran. Wer vom Gas geht oder gar bremst, bevor die Höchstgeschwindigkeit erreicht ist, muß die Orgie erneut freischalten.

Vmax-Freigabe mit Topspeed-Schlüssel

Wir lassen es vorsichtig angehen und lernen den Bugatti Veyron 16.4 als problemlos zu fahrenden Sportwagen kennen. Statt frei wählbarer Fahrwerkabstimmungen hat das Entwicklungsteam drei geschwindigkeitsabhängige Karosserie-Niveaus festgelegt. Sie werden automatisch eingenommen. Im "Standard"-Modus mit 125 mm Bodenfreiheit ist man bis 220 km/h unterwegs. Wer mehr Gas gibt, gelangt mit 80 mm Bodenfreiheit vorn und 95 mm hinten sowie mit ausgefahrenem Heckspoiler und geöffneten Diffusorklappen vorn ins "Handling"-Niveau, das bis 375 km/h reicht.

Die Vmax-Freigabe über den Topspeed-Schlüssel ist mit einer Absenkung auf 65 mm vorn und 70 mm hinten, dem Schließen der Diffusorklappen und minimiertem Anstellwinkel des Heckspoilers verbunden. In allen Set-ups hält der Fahrer den Veyron mit Hilfe der sehr präzisen Lenkung sicher unter Kontrolle. Zwar sind die Abrollgeräusche der Michelin-Spezialreifen durch die harte Gummimischung sehr laut. Andererseits könnte die Rückmeldung über die Straßenbeschaffenheit nicht besser sein. Ob gemächlich im Ortsverkehr oder zügig über Land, der Bugatti ist mit einer Ausnahme absolut alltagstauglich: Das Einparken wird wegen eingeschränkter Sichtverhältnisse zum Glücksspiel – ein vernachlässigbares Problem.

Nachdem wir die Abfahrt zum "Naval Gunnert Range", einem ausgetrockneten See mit ultrafeinem Staub aus Quarzsand und Salz genommen haben, erfahren wir, warum unser Ziel Gerlach/Nevada heißt. "Nur auf dem Salzsee können wir die Funktionssicherheit des ESP oberhalb von 300 km/h einigermaßen gefahrlos überprüfen", begründet Bugatti-Entwicklungschef Dr. Wolfgang Schreiber den Abstecher in die Einöde.

Maximalverbrauch: ein Liter pro Kilometer

Also los. Überm Salzsee liegt absolute Ruhe. Keine einzige Pflanze lockt Vögel oder Insekten hierher. Nur langsam wärmt die Sonne die unwirtliche Atmosphäre. Etwa dreißig Kilometer Salzfläche liegen vor uns, der Bugatti schneidet eine Doppelfurche hinein, nimmt rasch Geschwindigkeit auf und läßt einen imposanten Schweif aus aufgewirbeltem Salz und Sand hinter sich. Die Abrollgeräusche treten zurück, die Lenkung wird leicht, die Seitenführung der Reifen nimmt ab – die Fahrt bekommt etwas Gespenstisches. Links im Cockpit verharrt die Nadel der Leistungsanzeige stur auf 900 PS, während die Tachonadel zügig über 250 km/h hinauseilt, dann merklich langsamer über 300 km/h. 340, 350 km/h, dann ist Schluß.

"Mehr als 900 PS sind hier in 1000 Meter über Meereshöhe nicht möglich", weiß Wolfgang Schreiber, "außerdem ist der Rollwiderstand bei einer Einsinktiefe der Reifen von bis zu drei Zentimeter enorm." Und was passiert, wenn der Bugatti durch einen Fahrfehler bei dieser Geschwindigkeit instabil wird? Eine kurze, aber heftige Lenkbewegung reicht aus, den Supersportwagen aus der Spur zu hebeln. Aber einen ebenso kurzen und heftigen Adrenalinstoß später hat das ESP schon eingegriffen.

Zweimal rattert's kurz irgendwo im Gebälk, für einen Augenblick fällt die Geschwindigkeit ab – und schon liegt der schnelle Wagen wieder fahrstabil, nimmt wieder Gas an. Maximal 407,5 km/h dürfen Bugatti-Kunden fahren. An dieser Grenze wird elektronisch abgeregelt, wenngleich die Michelin-Reifen bis 430 km/h zertifiziert sind. Der schnellste Sportwagen mit Straßenzulassung verbraucht dann einen Liter Benzin pro Kilometer, die aktuelle Formel 1 liegt mit rund 65 Litern pro 100 Kilometer wirtschaftlich weit vorn.

Technische Daten, Fahrleistungen, Preis

Nicht aber beim Preis. Für 1.160.000 Euro bekommt man keinen aktuellen F1-Monoposto, nicht einmal einen Minardi, wohl aber den Bugatti-Zweisitzer mit Achtkanal-Doppelstereoanlage zur individuellen Abstimmung auf jeden Insassen. "Dieser ..., wie heißt er doch gleich? Okay, Bugatti. Er ist das erste Auto mit 1001 PS, das vor meiner Hütte parkt", stellt Bruno am Abend stolz fest und schmeißt eine Lokalrunde. Mit Recht, denn: Es wird wohl auch das letzte sein ...

Technische Daten: W16, Mittelmotor längs • vier Abgasturbolader, zwei Ladeluftkühler • vier Ventile je Zylinder • Hubraum 7993 cm³ • Leistung 736 kW (1001 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 1250 Nm bei 2200/min • Allradantrieb • sequentielles Doppelkupplungsgetriebe, sieben Gänge • rundum doppelte Dreieckquerlenker • elektronische dreistufige Niveauregelung • Keramik/Carbonbremse • Reifen Michelin 265-680 ZR 500 A auf Rad 255x500 vorn, 365-710 ZR 540 A auf Rad 355x540 A hinten • Länge/Breite/Höhe 4465/2000/1205 mm • Radstand 2710 mm • Tankinhalt 100 l • Leergewicht 1890 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 2,5 s • 0–200 km/h in 7,3 s • 0–300 km/h in 16,8 s • Spitze 407 km/h • Preis: 1.160.000 Euro

Autor: Jürgen Zöllter

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