Fahrbericht Bugatti Veyron 16.4

Fahrbericht Bugatti Veyron

— 30.08.2006

Willkommen im Alltag

1001 PS auf der Rennstrecke sind kein Kunststck. Die wahre Herausforderung fr ein PS-Monster liegt auf der Strae AUTO BILD hat sie angenommen.

Man hrt das Tier schon von weitem brllen, doch Ton und Bild laufen zunchst asynchron. Erst auf der Uferstrae schlgt das Echo unverwechselbare Akustikbrcken quer ber die Bucht Vorhang auf fr die Veyron-Drhnland-Symphonie mit 16 Zylindern, vier Turbos und 64 Ventilen. Ein Hund bellt, ein Kind weint, ein Nachbar beschwert sich. Der Veyron ist der geborene Kommunikator. Wer ihm begegnet, stellt automatisch Fragen. Als Journalist und Hter auf Zeit sollte man die wichtigsten Fakten im Schlaf herunterbeten knnen. Zum Beispiel diese: Das Teil kostet so viel wie 47 Golf GTI, bei Dauervollgas ist der 100-Liter-Tank nach 21 Minuten staubtrocken, der vordere Nummernschildhalter kostet als Ersatzteil 610 Euro. Ach ja, und Bugatti hat den Preis gerade um 100.000 Euro auf 1,1 Millionen Euro erhht. Das macht mit Steuer dann 1,276 Millionen Euro. Whrend unserer Dreitagestour war Mitfahren grundstzlich umsonst. Danach hatte jeder Passagier leuchtende Augen. Nur meine Frau heulte wie ein Schlosshund: "Ich will raus hier!" und das bei 6000 Touren im dritten Gang. "Sofort raus. Oder ich habe gestern dein letztes Hemd gebgelt." Ein mutigerer Ehemann htte geantwortet: "Nicht die Geschwindigkeit an sich ist gefhrlich, sondern der verantwortungslose Umgang mit ihr." Doch ich bin einfach nur vom Gas gegangen und habe den Mund gehalten.

Auf der Teststrecke splt der Veyron 91 Liter durch

Bugatti Veyron: Der Extremsportler ist so teuer wie 47 Golf GTI.

Schon nach der zweiten Tour von meinem Wohnort Herrsching nach Mnchen (30 Kilometer; der Tank war aber vorher schon halb leer) leuchtet das Reserve-Lmpchen auf. Wir steuern die Tanke an, die wenig spter wegen berfllung geschlossen werden muss. 28 Liter pro 100 km sind ein akzeptabler Einstand fr den ersten Tanz selbst wenn das ein Langsamer Walzer war und noch kein Cha-Cha-Cha. Zwei Tage spter auf der Autobahn, frh morgens zwischen 250 und 350 km/h, sind hochgerechnet knapp 50 Liter angesagt. In Ehra auf der Volkswagen-Teststrecke genehmigt sich das 1001 PS starke Acht-Liter-Aggregat bei Vollgas stramme 91 Liter. Bei McDonald's verhindert nur der Drive-thru einen weiteren Menschenauflauf. Der wird dafr vor dem Christoph-Probst-Gymnasium nachgeholt, wo der Veyron sogar so manchen Lehrer aus der Defensive lockt. Die Knaben ben erste Macho-Posen, die Mdels stehen vor dem Beifahrersitz Schlange.

Der EB 16.4 liebt Rennstrecken mit Kurven und Geraden, aber er hasst den Alltag mit Spurrillen und Randsteinen. Da wird man ganz vorsichtig, schlielich verlangt der Hersteller fr einen Radsatz (22-Zoll-Rad plus 400-km/h-Reifen) 55.000 Euro. Ebenfalls nur mit grter Vorsicht zu befahren sind ffentliche Parkhuser. Das liegt an der schlechten Sicht, an den gewaltigen Abmessungen, am Zwlf-Meter-Wendekreis und an den steilen Auffahrten. Weil sich im Gegensatz zu Lamborghini Gallardo und Murcilago die Veyron-Schnauze nicht hydraulisch anheben lsst, schrammt bei jedem Bodenkontakt sndhaft teures Carbon ber den Asphalt, dass es in der Seele wehtut.

Der rgste Feind des Bugatti jedoch ist die Radarfalle. Wer nur 2,5 Sekunden bentigt, um sich von null auf 100 km/h zu beamen, reagiert halt besonders empfindlich auf Lichtschranke und Infrarotblitz. Doch bei unserem Fototermin mit der Mnchener Verkehrspolizei geben sich die Damen und Herren in Grn ganz entspannt. Probe sitzen ist angesagt und dann auch noch die eine oder andere Mitfahrt. So schafft man sich Freunde. Der jngste Veyron-Fan heit Vanessa und trgt eine Zahnspange, der lteste Passagier ist eine rstige Oma, die "davor noch nie in einem Ferrari gesessen ist". Regelrecht zu Trnen gerhrt ist Bob aus Arkansas, der trotz lngst leeren Foto-Handy-Akkus mit sanfter Gewalt aus dem klimatisierten Cockpit herauskomplimentiert werden muss. Der Veyron und ich, wir htten gemeinsam alte Bekannte besuchen, im Tennisverein fr Aufsehen sorgen oder in einem voll besetzten Straencaf die Kpfe verdrehen knnen. Statt dessen sind wir einfach nur gefahren, mal Zeitlupe und dann wieder volle Kanne, mal Landstrae, dann wieder Autobahn, zwei- oder dreimal sogar mit ausgeschaltetem ESP und mit mehr Feuer im Heck, als es dem Blutdruck guttut. Trotz Allradantriebs ist der Bugatti kein kastrierter Stromer, sondern auf Wunsch ein feuriger Quertreiber, der viel Platz braucht, schnelle Reaktionen und vor allem ein groes Herz.

Aus dem Stand ist man nach 17 Sekunden auf Tempo 300

Jeder Boxenstopp bringt ein neues Frage-und-Antwort-Spiel. Die Hchstgeschwindigkeit von 406 km/h ist fast immer ein Thema, und auch die Kosten werden hei diskutiert. Einmal volltanken 150 Euro, okay, geht durch. Aber dass ein neues Getriebe 105.000 Euro kostet und ein neuer Motor sogar 250.000 Euro, das macht schon nachdenklich. Wer sich das leisten kann? Unter anderem Herr und Frau Gates, Ursula Pich und Ralph Lauren. Obwohl bereits 110 feste Bestellungen vorliegen, wurden bislang nur 16 Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert. Die Produktion ist auf 300 Einheiten limitiert, da mssen sich schon noch ein paar ultrareiche VIPs melden. Whrend die meisten Supersportwagen zwischen 200 und 300 km/h ihre Sternstunde haben, ffnet der Bugatti ein vllig neues Tempo-Fenster. Nach 17 Sekunden passiert er aus dem Stand die 300-km/h-Marke, weitere 20 Sekunden spter ist bei 370 km/h zunchst einmal Schluss. Wer unbedingt 406 fahren will, muss per separatem Schlssel im linken Trschweller das aerodynamische Set-up anpassen und sich mental entsprechend vorbereiten.

Weltklasse: die schnelle und trotzdem przise Lenkung des Veyron.

Schlicht genial sind die Bremsen. Der Plural ist gerechtfertigt: Die Fahrzeugbremse schafft eine maximale Verzgerung von 1,4 g, die automatisch ausfahrende Luftbremse bringt es auf 0,6 g. Addiert entspricht das einer Verzgerung, die Augpfel aus ihren Hhlen lockt, die Frisur nach vorn kmmt und den Anstellwinkel der Ohren auf eine echte Probe stellt. Das Prdikat Weltklasse verdient auch die schnelle und trotzdem gefhlvolle Lenkung, die von Anschlag zu Anschlag nur 2,5 Umdrehungen bentigt. Das dick mit Leder ummantelte Steuer vermittelt selbst bei Hchsttempo noch ein beruhigendes Gefhl totaler Stabilitt. Weil die Lenkung sogar in Extremsituationen weder die Kennung ndert noch verhrtet, hat man den Wagen in allen Lebenslagen optimal in der Hand.

Auch das Fahrwerk kann viel: Traktion, Grip, Straenlage und Beherrschbarkeit sind exzellent. Doch der Komfort leidet unter den harten Dmpfern, den straffen Federn und den steifen Flanken der Michelin-PAX-Reifen. Obwohl die Karosserie einen Anpressdruck von bis zu 350 Kilogramm erzeugt, sind Querfugen und Kuppen bei hohem Tempo nicht ganz unkritisch. Was bleibt nach drei Tagen Veyron? Es ist vllig unmglich, sich dem Bann des 1001-PS-Monsters zu entziehen. Der Dampfhammer hinterlsst unauslschliche Spuren auf der Festplatte der Erinnerung. Von diesem Erlebnis darf das Ego ewig zehren, die Kinder werden ihre Eindrcke noch an ihre Enkel weitergeben. Die eigenen Auto-Trume sind ohnehin lngst auen blau-schwarz und innen tabakbraun.

Technische Daten: W16-Mittelmotor vier Ventile pro Zylinder vier oben liegende Nockenwellen vier Turbolader Hubraum 7993 cm 736 kW (1001 PS) bei 6000/min 1250 Nm bei 2500/min Allradantrieb Siebengang-DSG-Getriebe Einzelradaufhngung vorn und hinten Tankinhalt 100 Liter Lnge/Breite/Hhe 4465/2000/1205 mm Radstand 2710 mm Leergewicht 1890 kg Spitze 406 km/h 0100 km/h in 2,5 Sekunden Preis 1.276.000 Euro (bei 16 Prozent Mehrwertsteuer)

Autor: Georg Kacher

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