Fahrbericht Castagna Milano Aznom

— 31.01.2008

Ein Italiener hebt ab

Eine kleine Firma in Mailand will es mit den ganz Großen aufnehmen: Der Castagna Milano Aznom wettert mit exklusiver Optik und 372 km/h gegen Ferrari & Co. Als Basis dient eine Corvette Z06.



Gioacchino Acampora, 39, wirkt mit seinen braunen Augen und seinem pausbäckigen Gesicht so, wie wir uns einen netten italienischen Eisverkäufer vorstellen; wie einer, der flehendem Kinderblick nicht widerstehen kann und auf den verschwenderischen Berg an Schokoladeneis gern noch eine Extrakugel obendrauf packt. Doch Acampora verkauft keine Träume für kleine Kinder. Sondern für große. Er ist Designer und Entwickler von Castagna Milano, einer kleinen Firma in Mailand, die bislang in erster Linie kultigen Mini oder Fiat 500 den letzten Schliff gab. Schon dort offenbarte er Kompromisslosigkeit: So wirft er alles aus einem Mini heraus, was nach billigem Plastik aussieht, ersetzt es durch Holz und Leder. Auch prinzipiellen Kleinwagendefiziten rückt er zu Leibe – einen Mini Kombi mit mehr Platz präsentierte er schon vor drei Jahren. All das sind kleine Fische im Vergleich zu Acamporas neuestem Projekt: einem Supersportwagen, der selbst legendäre Megamarken wie Allerweltsware dastehen lassen soll: "Der Castagna Aznom ist ein Auto für jene, die schon Ferrari und Lamborghini in der Garage haben und jetzt noch gern etwas Besonderes dazustellen wollen", sagt Acampora.

Austauschbare Karosserieteile

Als Basis dient eine Corvette Z06. Das Design des Aznom lässt allerdings keinerlei Verwechslungen zu.

Als Basis dient eine Corvette Z06. Das Design des Aznom lässt allerdings keinerlei Verwechslungen zu.

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Mailänder also nicht. Mit seiner Konstruktion sieht er sich denn auch für höchste Ansprüchen gewappnet: Als Basis für seinen Aznom (wie Monza, nur rückwärts geschrieben) wählte er eine Corvette Z06. "Wir hätten auch einen Ferrari Enzo nehmen können. Aber die Corvette ist einfach die optimale Basis." An den dynamischen Qualitäten der Corvette gibt es keine Zweifel, gilt der Sportwagen doch als das beste Auto des gesamten GM-Konzerns, ja vielleicht sogar als das beste Auto aus amerikanischer Produktion überhaupt. Dafür ist die Corvette Z06 ausgesprochen preiswert: 86.150 Euro. Interessant für Unternehmen wie Castagna ist natürlich auch die Konstruktion der Corvette-Karosserie, die aus Glasfaserkunststoffteilen besteht. Die können demontiert und durch andere ersetzt werden. Sehr andere im Falle des Castagna: Das wilde, zerklüftete Design des Aznom kann weder mit dem der Corvette noch mit dem irgendwelcher anderen Sportwagen verwechselt werden. Ebenfalls ein wichtiger Unterschied: Die Teile bestehen nicht aus Glas-, sondern aus Kohlefaserstoffen. Von denen erhält der Aznom-Fahrer gleich mehrere Sätze: Für die Aerodynamik entscheidende Teile lassen sich nämlich leicht austauschen. So kann der Fahrer bei Rekordjagden die Karosserie den jeweiligen Einsatzbedingungen anpassen – je nachdem, wie viel Abtrieb benötigt wird. Für den Testwagen etwa standen Versionen für drei verschiedene Rennstrecken zur Verfügung.

Auf Knopfdruck mehr PS

Castagna lässt einen Siebenliter-V8 mit zwei Kompressoren auf die 1320 Kilo leichte Karosserie los.

Castagna lässt einen Siebenliter-V8 mit zwei Kompressoren auf die 1320 Kilo leichte Karosserie los.

Genauso radikal wie mit der Außenhaut ging Gioacchino Acampora mit dem Innenraum um: Vertraute (und gewichtige) Einrichtungsgegenstände wie Instrumente, Knöpfe und Schalter oder originale Sessel flogen raus. Einzug hielten stattdessen Sparco-Rennsportsitze aus Carbon, die sehr leicht sind und die Passagiere auch bei extremer Querbeschleunigung im Griff haben. Auf den Komfort elektrischer Einstellbarkeit verzichten sie nicht – die Tasten dafür sucht man allerdings vergeblich. Die gesamte Bedienung des Autos, von der Lenkrad- oder Sitzeinstellung bis zur Klimatisierung, funktioniert über einen berührungsempfindlichen Bildschirm an der Mittelkonsole. Am Touchscreen lässt sich auch die Motorleistung manipulieren: Fingerdruck genügt, und statt 740 wüten 820 PS in Richtung Hinterachse.

Eine erschütternde Ansage. Denn Acamporas Rosskur reduziert das ursprüngliche Corvette-Gewicht von 1418 Kilo um gut zwei Zentner. Gleichzeitig sprang die Motorleistung dank zweier ladeluftgekühlter Kompressoren um über 300 PS in die Höhe. Das Drehmoment: fast 1000 Newtonmeter. Ein vergleichbares Dynamikpotenzial ergäbe sich, würde man den aufgeladenen Siebenliter-V8 in einen Fiat Bravo einbauen. Die versprochenen Fahrleistungen überraschen da kaum: 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h und über 372 km/h Höchstgeschwindigkeit. Das Maximaltempo ist allerdings nicht allgemeingültig, sondern hängt vom montierten Karosseriekit ab. Wenn besonders viel Abtrieb gefordert ist, muss man sich mit 334 km/h begnügen.

Exklusives Fahrgefühl, exklusiver Preis

Auf den verstopften Straßen zwischen Mailand und Como kommen wir kaum in Versuchung, die Unterschiede herauszufahren. Erst recht, weil es sich um das erste und bislang einzige Exemplar handelt. Relativ brav reiht sich der Aznom in die Autoschlangen ein, gibt sich recht handlich und zwar hart, aber nicht knüppelhart gefedert. Entspannt blicken wir auf das gut abzulesende Head-up-Display in der Windschutzscheibe und lauschen dem Grizzly-Grollen des V8 – aber auch dem Klappern der insgesamt eher provisorisch verarbeiteten Karosse. Vergessen, wenn ein kleines Stück freier Straße lockt: Ein Tritt aufs Gas, und der Achtzylinder prügelt das kleine Kohlefaserbündel auf eine Weise nach vorn, dass dem Fahrer fast das Bewusstsein schwindet. Das dürfte genau der Moment sein, in dem Acampora bei Probefahrten den Kaufvertrag zückt. Denn in diesem Dynamikdelirium unterschreiben Fans auch eine Rechnung, auf der ein ziemlich abgehobener Betrag steht: 1.000.000 Euro.
Technische Daten *) Castagna Aznom
Motor V8, 2 Kompressoren
Einbaulage vorn längs
Ventile/Nockenwellen 2 pro Zylinder/1
Hubraum 7011 cm3
kW (PS) bei 1/min 603 (820)*) / 6400
Literleistung 117 PS/Liter
Nm bei 1/min 980 / 3200
Antriebsart Hinterrrad
Getriebe 6-Gang manuell
Bremsen vorn 355 mm/innenbel./geschl.
Bremsen hinten 340 mm/innenbel./geschl.
Radgröße vorn / hinten 9,5 x 20 / 12 x 20
Reifen vorn / hinten 285/30R20 / 335/30 R 20
Reifentyp Pirelli P Zero Rosso
Länge/Breite/Höhe 4444/1990/1240 mm
Radstand 2686 mm
Leergewicht/Zuladung 1320 kg/k. A.
Leistungsgewicht 1,6 kg/PS
Tankvolumen 69 l
EU-Normverbrauch Ø auf 100 km k. A.
Beschleunigung von 0–100 km/h 2,8 s **)
Höchstgeschwindigkeit über 372 km/h
Preis mit Extras 1.000.000 Euro
*) Herstellerangaben **) im Sportmodus

Autor: Detlev Hammermeister

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