Fahrbericht Ferrari 612 Scaglietti

Fahrbericht Ferrari 612 Scaglietti Fahrbericht Ferrari 612 Scaglietti

Fahrbericht Ferrari 612 Scaglietti

— 01.03.2004

Für Scheichs und Schumis

540 PS stark, 320 km/h schnell und 218.000 Euro teuer. Der neueste Ferrari. Mit zwölf Zylindern. Und vier Sitzen.

Dezent und elegant statt provozierend

Tradition verpflichtet. Bei Ferrari doppelt. Erstens, weil bereits vor 44 Jahren damit begonnen wurde, zwölfzylindrige Gran-Turismo-Wagen mit vier Sitzplätzen zu fertigen. Zweitens wegen Sergio Scaglietti. Der Name des Karosseriebauers aus den 50er Jahren bringt Ferrari-Kenner in Verzückung und veranlasst sie beim Anblick des 612 zum Griff nach dem Scheckbuch.

Die Sitzprobe könnte die Eintragung der Kaufsumme bewirken, und spätestens die Probefahrt in diesem Luxus-Sportcoupé wird die verbindliche Unterschrift nach sich ziehen. 218.000 Euro. Als Scaglietti-Kunde sollte man flüssig sein, gewissermaßen überflüssig.

Dafür halten ihn sicher auch Umweltapostel, würden ihn wohl am liebsten verbannen. Doch dazu müssten sie ihn erst einmal erkennen. Der 612 ist ein anderer Ferrari, einer, der dezent und elegant vorfährt, nicht so provozierend daherkommt wie ein 360 Modena oder einst der Testarossa.

Herrenfahrer-Look im Innenraum

Mit seiner Form verkörpert der Scaglietti nach dem 456 erneut den klassischen GT: lange Schnauze, starkes Kreuz und dazwischen Platz für vier Personen. Damit parkt der rassige Italiener neben Aston Martin DB9, Bentley Continental GT und – seien wir großzügig – Mercedes-Benz CL 65 AMG.

Der Innenraum versprüht technischen Charme, ist eine gelungene Mischung aus Aluminium und Leder. Herrenfahrer-Look eben. Alles fühlt sich edel und luxuriös an. Nur bei der Suche nach dem Hebel der Macht, jenem berühmten kühlen Stück Metall, greift die rechte Hand ins Leere. Der 612 wird über Tasten hinterm Lenkrad geschaltet (plus Automatikfunktion).

Das mag zwar Assoziationen zu Schumis Formel-1-Renner wecken und klappt auch hervorragend, doch sei Puristen geraten, sich für die polierte, offene Kulisse zu entscheiden, solange es sie noch gibt (spart außerdem 8000 Euro). Was sind schon ein paar Zehntelsekunden während der Beschleunigung gegen dieses Schaltritual und dieses unnachahmliche mechanische Klacken beim Wechseln der Gänge?!

Zwölf Zylinder, 540 PS und fette 588 Nm

Schon die ersten Umdrehungen nach dem Start (warum eigentlich noch immer mit Zündschlüssel und nicht mit Starterknopf?) lassen erahnen, was da vorn unter der Haube steckt. Es sind nicht einfach nur ein Dutzend Zylinder und 540 PS, gepaart mit fetten 588 Newtonmetern Drehmoment. Nein, es ist eine Symphonie aus herrlich metallischem Klang und spielerisch leichter Fortbewegung – die eine Souveränität vermittelt, wie sie weit jenseits unserer normalen Vorstellungskraft liegt.

Der V12 dreht so leicht und agil bis 7250/min hoch, dass es eine Freude ist. Spätestens jetzt müsste dem 612-Besitzer klar sein, zumindest automobilmäßig die richtige Entscheidung im Leben getroffen zu haben.

Ohne Frage, der Scaglietti ist ein Supersportwagen. Tempo 200 ist schneller erreicht, als es der Zigarettenanzünder schafft, vor Weißglut auszurasten. Der Schub lässt auch jenseits dieser Marke nicht nach. 250 km/h? Überhaupt kein Problem. Luxuslimousinen, allesamt elektronisch bevormundet, machen bereitwillig Platz. Und der Ferrari schaltet noch zwei Gänge rauf bis in die VIP-Lounge des Dreihunderter-Clubs. Erst bei 320 km/h halten sich Motorleistung und Fahrwiderstände die Waage.

Der Scaglietti liegt immer wie ein Brett

Erstaunlich: Auch ohne Anabolika-Zubehör wie monströse Heckflügel liegt der Scaglietti selbst bei hohem Tempo und in lang gezogenen Kurven wie das sprichwörtliche Brett. Keine Spur der Unruhe.

Durch die Verlagerung des V12 hinter die Vorderachse und die Montage des Getriebes an der Hinterachse (Transaxle-Prinzip) schafften es die Ferrari-Techniker, 54 Prozent des Gewichts auf die Antriebsräder zu bringen. Der 612 fühlt sich dadurch leicht und handlich an – völlig anders, als es seine Größe vermuten ließe.

Derartige Fahrdynamik verlangt naturgemäß nach entsprechenden Bremsen. Das übernehmen vier innenbelüftete Scheiben von Brembo, zwingen das Gummi der 18- und 19-Zöller zu Höchstleistungen. Die Verzögerung ist brachial und für die Mitfahrer noch eindrucksvoller als die Beschleunigung in 4,2 Sekunden auf 100 km/h.

Fond-Sitze sind nicht langstreckentauglich

Doch so fahren nur spätpubertäre Angeber. Auch von spektakulären Drifts sollte sich der 612-Fahrer gedanklich gedanklich trennen. Die Ingenieure in Maranello gaben ihrem Boliden ein ESP sowie eine Antriebsschlupfregelung mit auf den Weg. Wäre auch schade drum, die in viel Handarbeit gefertigte Aluminium-Karosserie des Scaglietti irgendwo gegen zu setzen. Das ESP (heißt hier CST) lässt sich aber jederzeit mit einem Knopf am Lenkrad abschalten – für die Unverbesserlichen.

Ach ja, interessiert es Sie wirklich, wie man hinten sitzt? Erwachsene müssen sich halt etwas kauern, aber für ein paar Kilometer geht es. Warum sollte dies auch anders sein als vor 44 Jahren?

Technische Daten • V12 • Hubraum 5748 cm3 • Leistung • 397 kW (540 PS) bei 7250/min • maximales Drehmoment 588 Nm bei 5250/min • Heckantrieb • Sechsganggetriebe • Einzelradaufhängung vorn und hinten mit Doppelquerlenkern • innenbelüftete Scheibenbremsen • ABS, ESP und ASR • Reifen 245/45 R 18 vorn, 285/40 R 19 hinten • Gewicht 1840 Kilo • Länge 4902 mm, Breite 1957 mm, Höhe 1344 mm, Radstand 2950 mm • Beschleunigung 0–100 km/h in 4,2 s • Spitze 320 km/h • Preis 218.000 Euro

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