Fahrbericht Ferrari Superamerica

Ferrari Superamerica Ferrari Superamerica

Fahrbericht Ferrari Superamerica

— 20.05.2005

Variabler Lichtschutzfaktor inklusive

Ferrari baut das erste Cabrio mit Sonnen-Dimmer: Der Superamerica besitzt ein Glasdach mit variabler Tönung, das sich in zehn Sekunden auch ganz öffnen lässt.

Monte Carlo, Mitte Mai: Der Grand Prix steht vor der Tür, die Straßencafés haben Hochsaison, und im Parc fermé vor dem Casino gewinnt rouge ganz klar gegen noir. Rosso Corsa heißt auch in diesem Jahr wieder der bevorzugte Farbton der Reichen und Schönen. Ferrari gehören im Fürstentum einfach zum Straßenbild wie anderswo Taxen und Kleinbusse. Und die Besitzer stören sich überhaupt nicht daran, daß sie zwischen dem Loews Hotel und dem Hafen nur im Stop-and-go-Tempo vorankommen. Im Gegenteil: Gesehen und gehört werden ist viel wichtiger als Pferdestärken, Newtonmeter und km/h. Der Konvoi staut sich bergauf Richtung Croisette, Autoroute und Hinterland. Und wir stehen mittendrin, statt nur dabei. Im neuen Ferrari Superamerica, der offenen Variante des 575M Maranello. Das Revocromico-Dach reduziert die Morgensonne über unseren Köpfen auf ein wohlig-warmes Gelb.

Obwohl der Sonnendach-Ferrari stattliche 1750 Kilo wiegt, ist er ein echter Sportwagen.

Zu hell? Ein Handgriff, und der Himmel verdüstert sich. Zu dunkel? Bühne frei für die geballte Strahlkraft der Côte d’Azur. Möglich macht dieses Vexierspiel die elektrochromatische Beschichtung des gläsernen Baldachins, der seinen Schleier in fünf Stufen lüftet – der Übergang von dämmrig zu transparent dauert weniger als eine Minute. Doch genug der Spielerei. Die kurze Rotlichtphase vor dem Bahnhof genügt, um das Dach mit einer eleganten Drehung nach hinten zu klappen. Voilà! Unser Coupé ist jetzt ein Spider. Leonardo Fioravanti heißt der Mann hinter dem Revocromico. Der frühere Pininfarina-Designer hat sich zwar 1991 selbständig gemacht, blieb jedoch Ferrari stets treu verbunden. Aus seiner Feder stammen die Show Cars F100 (1998, zum 100. Jahrestag des Commendatore), F100r (2000, die offene Version) und LF (2001, das erste Modell mit drehbarem Dacheinsatz).

Das schnellste elektrisch angetriebene Verdeck der Welt

Der Geniestreich des kleinen Italieners kann gleich mit mehreren Superlativen aufwarten. Das Revocromico ist mit einer Betätigungsdauer von zehn Sekunden das schnellste elektrisch angetriebene Verdeck der Welt, es funktioniert in geöffnetem Zustand als durchsichtiges Windschott, es nimmt keinen Einfluß auf das Fassungsvermögen des Kofferraums, und es besteht im Kern aus einer ebenso leichten wie stabilen Kohlefaserkonstruktion. Dreh- und Angelpunkt des Revocromico ist eine gedachte Achse hinter den Kopfstützen. Der Mechanismus wird durch die nach oben gezogenen rückwärtigen Seitenteile, die wie Finnen in den Kotflügeln auslaufen, perfekt kaschiert.

Im geöffneten Zustand kommt das Dach auf dem Sonnendeck zwischen Fahrgastzelle und Kofferraumdeckel zu liegen. Diese Lösung ist optisch gewöhnungsbedürftig, aber auch auf schlechten Straßen total geräuschfrei. Allerdings mit dem Nachteil behaftet, daß Staub und Reifenabrieb beim Schließen ins Wageninnere gelangen können. Das Gepäckabteil faßt wie beim 575M 185 Liter und ist auch bei offenem Dach zugänglich. Unter der Haube des Luftikus schnaubt und röhrt nicht der 515 PS starke 5,75-Liter-V12 aus dem 575M, sondern die auf 540 PS leistungsgesteigerte Variante aus dem Scaglietti. Trotzdem geht der Spider nicht besser als das Coupé – beide beschleunigen in 4,2 Sekunden von null auf 100 km/h. Reicht ja auch. Durch den etwas schlechteren cW-Wert und das etwas höhere Gewicht gewinnt die Festdach-Variante das Höchstgeschwindigkeits-Duell mit 325 zu 320 km/h.

Superamerica: Das Gesamtkunstwerk belebt die Sinne

Damit der brachiale Sechsliter genügend Luft bekommt, hat er eine Nase auf der Haube.

Das emotionalere Auto ist allerdings der Superamerica. Er überzieht im Open-air-Modus schon bei Halbgas die Unterarme mit Gänsehaut, er vermittelt ein noch intensiveres Kraft-Erlebnis, er belebt nicht nur als Fahrmaschine, sondern auch als Gesamtkunstwerk die Sinne. Damit ist er nach dem 166 MM, dem 250 GT California und dem 365 GTS 4 Daytona der vierte unvergessliche Open-air-Klassiker aus Maranello. Sie vermissen in dieser Aufstellung den knapp 220.000 Euro teuren 550 Barchetta, von dem zwischen 2001 und 2003 nur 448 Stück gefertigt wurden? Der Vorgänger des Superamerica steht heute wie Blei bei den Händlern und wird als Fast-Neuwagen im Internet schon ab 165.000 Euro offeriert. Er ist ein Beweis dafür, daß selbst in Brilli-und-Bulgari-Kreisen ein gewisses Preis-Leistungs-Verhältnis gegeben sein muß.

Der Superamerica steht mit 234.100 Euro in der Liste, aber mit dem Formel-1-Getriebe und dem empfehlenswerten GTC-Paket (modifiziertes Fahrwerk, Sportauspuff, Carbon-Keramik-Bremse) werden mindestens 263.920 Euro vom Konto abgebucht. Trotz dieses stolzen Preises ist die auf 559 Stück limitierte Sonderserie (50 Autos kommen nach Deutschland) längst ausverkauft. Diesmal dürfte die Kalkulation der Ferraristi aufgehen, denn das Revocromico-Dach funktioniert nicht nur im sonnenverwöhnten Monte Carlo, sondern auch bei Schmuddelwetter in Wanne-Eickel.

Technische Daten V12-Motor • vier obenliegende Nockenwellen • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 5748 cm³ • Leistung 540 PS bei 7250/min • maximales Drehmoment 589 Nm bei 5250/min • Sechsgang-Transaxlegetriebe (wahlweise elektrohydraulische Formel-1-Schaltung) • vier Scheibenbremsen (wahlweise Carbon-Keramik) • Zahnstangen-Servolenkung • L/B/H 4550/1935/1277mm • Radstand 2500 mm • Spur vorn/hinten 1632/1586 mm • Gewicht 1750 Kilo • Kofferraum 185 Liter • Tank 105 Liter • Beschleunigung 0–100 km/h in 4,2 Sekunden • Höchstgeschwindigkeit 320 km/h • Preis 234.100 Euro

Autor: Georg Kacher

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