Fahrbericht Invicta S1

Fahrbericht Invicta S1

— 17.11.2004

Breiter Brite

Englische Sportwagen gibt es viele, so breit aber macht sich kein anderer: Der Invicta S1 mit inklusive Auenspiegeln rund Zwei-Meter-Dreizehn.

Ein Sportwagen im Rekord-Format

Das Gesicht spiegelt Erschrecken wider. Keine Frage, der Mann ist eingeschchtert. Gerade hat er Castle Combe besichtigt, zweifellos Englands schnstes Dorf. Er hat die mittelalterlichen Fassaden bewundert, die Ruhe genossen und trumt jetzt bei der Fahrt ber die schmale Strae aus dem Ort heraus von Rittern und Burgfrulein und dann das: Ein aggressives, breites Vehikel taucht auf wie aus dem Nichts und versperrt die schmale Strae. Erschrocken drngt sich der Mann mit seinem Ford Fiesta an den uersten Fahrbahnrand, mit weit offenem Mund.

Was ihn da fast von der Strae schubst, ist ein neuer Sportwagen. Das ist in England im Grunde nichts Besonderes, hier entstehen dauernd neue Sportwagen. Absolut neu und noch nie dagewesen ist das Format. Invicta S1 heit das Gert, das sehr eindrucksvoll versucht, als luxurise GT-Alternative zu Aston Martin, Bentley oder auch Maserati aufzutreten und zwar mit einer Breite von 2134 Millimetern einschlielich Spiegeln.

Gbe es keine britischen Regeln, die die Breite der Karosserie eines Rennwagens auf maximal zwei Meter festschreiben, wre das Auto wohl noch ausladender. "Je breiter die Spur, desto besser die Straenlage", ist Invicta-Chef Michael Bristow (56) fest berzeugt. Der Ingenieur erfllt sich mit der Wiedergeburt der altehrwrdigen Marke einen langgehegten Traum. Und ganz nach dem Selbstverstndnis britischer Baukunst wird der Wagen per Hand hergestellt, zur Zeit etwa ein Auto pro Monat.

Die Karosserie wiegt nur 26 Kilogramm

Die einteilige, nur 26 Kilo leichte Karosserie aus Carbon backen Bristows Mannen in kleinen Fabrikationshallen in Chippenham, Wiltshire ein Exemplar in zwlf Stunden. Das Design stammt von Leigh Adams, der auch fr Lotus und Marcos bereits Autos entwarf. Projektleiter war zu Beginn Chris Marsh, der Sohn von Marcos-Grnder Jem Marsh die (englische Sportwagen-)Welt ist klein. Das Spaceframe-Chassis sandgestrahlter, pulverbeschichteter, zwei Millimeter dicker Stahl aus der Eisenbahnindustrie stellt Bristow mit seinen acht Mann selber her.

Auf die 160 Kilo wiegende Konstruktion ist er besonders stolz: "Wir verwenden keine Elektronik, keinen Computer. Und trotzdem ist das Chassis mit integriertem Kfig das steifste, was man zur Zeit im Knigreich kaufen kann. Sogar steifer als das Le-Mans-Auto von Panoz!" Den ersten Beweis lieferte im April ein unerfahrener Pilot, der den Invicta-Prototypen auf der Rennstrecke in Silverstone zerlegte: Nachdem er in einer Rechtskurve alles falsch machte, was man falsch machen kann, schlug er mit dem teuren Einzelstck erst vorn und dann hinten mit 110 km/h in die Streckenbegrenzung ein.

Ergebnis: "Fahrer Schlsselbeinbruch, Beifahrer unverletzt. Keiner von beiden war angeschnallt", so Bristow knapp. Und Airbags halten britische Kleinserienhersteller ja grundstzlich fr Beruhigungs-Placebos zwangsneurotischer Festlandeuroper. Bristow: "Die Scheibe blieb drin. Nichts ri. Das Auto ist sicher." Hoffentlich. Denn unter der riesigen Haube sitzt ordentlich Wumms: der von je zwei US-Technikern handgefertigte 4,6-Liter-V8 aus dem 2004 Ford Mustang Cobra des Special Vehicle Teams (SVT). Das bedeutet 320 PS und ein sattes Drehmoment von 405 Newtonmeter fr 1380 Kilo.

Die Rcklichter stammen vom Passat

Bristow verspricht den Sprint von null auf 100 km/h in nur 5,1 Sekunden und eine Hchstgeschwindigkeit von etwa 270 km/h auch dank vllig verkleidetem, glatten Carbon-Unterboden. Da kann man schon mal ins Schwitzen kommen. Vertrauen mu man auch der Radaufhngung natrlich rundum doppelte Dreieckslenker, alle Teile mit einer Toleranz von nur 0,01 Millimeter selbst gefertigt.

Selbstverstndlich ist mehr als nur der Motor von Ford bernommen, doch das sieht man nicht. Kleine, aber teure Details wie Knpfe und Schalter sind hausgemacht, das Lederinterieur fertigt eine Spezialfirma in Coventry, die auch fr die arrivierte Konkurrenz wie Aston Martin und Jaguar schneidert. Wer den S1 allerdings ganz genau (und zwar von hinten) betrachtet, findet auch einen deutschen Beitrag zum Gesamtkunstwerk: Die Rcklichter stammen aus dem Volkswagen-Programm Passat-Limousine, seitenvertauscht und um 90 Grad gedreht.

Nach dem (wegen der niedrigen Dachhhe problematischen) Einstieg in das Gefhrt berraschen zunchst die beengten Platzverhltnisse: Die enorme Breite des umgerechnet 115.500 Euro teuren Autos (inklusive britische Steuern von 17 Prozent) kommt nicht den Insassen zugute, sondern einem mchtigen, 30 Zentimeter breiten Getriebetunnel, in dem ein Fnfganggetriebe arbeitet. Fr 5000 Euro Aufpreis ist ein Sechsgang-Borg-Warner-Getriebe erhltlich, fr 11.400 Euro eine Vierstufenautomatik.

Schaltwege so kurz wie im TVR

Das Interieur wird nach Kundenwunsch gestaltet, der Dachhimmel ist dabei stets ein einteiliges Lederstck. Sechs schne Rundinstrumente und hngende, gelochte Pedale laden zum Gasgeben ein. Klimaautomatik und Navigationssystem sind ebenso serienmig wie beheizbare Scheiben vorn und hinten. Auf Wunsch versieht Bristow den S1 mit ABS, zudem ist eine Kompressor-Variante in Arbeit. Mit einem schnen, tiefen V8-Brabbeln startet das Gescho auf Knopfdruck und gibt seine Leistung auf die hinteren 275er-Walzen ab.

Die Lenkung ist angenehm leichtgngig, die Schaltwege sind kurz und mit denen eines TVR vergleichbar. Durch den groen Getriebetunnel ist der Schaltknauf jedoch ungewohnt weit weg vom Fahrer. Der Beifahrer freut sich hingegen ber eine enorme Beinfreiheit: Er kann sich regelrecht hinlmmeln. Die Sitze sind gut gepolstert und geben ausreichend Seitenhalt. Doch trotz aller Sportwagendetails merkt man in jeder Kurve, da 1380 Kilo eben doch eine Menge Gewicht sind erst recht fr ein Carbon-Auto. Und die Fahrzeugbreite von mehr als zwei Metern strt auf der Rennstrecke nicht sehr, ist aber im tglichen Leben weder der Rundumsicht aus dem Auto dienlich noch der Zuversicht, was englische Kurven, Gegenverkehr und Straen allgemein angeht.

Immerhin: Furcht vorm Umkippen mu niemand haben. Der Schwerpunkt des Autos befindet sich laut Bristow unter der Hhe der Sitzflche, dank Front-Mittelmotor-Anordnung lautet die Gewichtsverteilung vorn/hinten 50:50. Ein 100-Liter-Tank soll eine ausreichende Reichweite garantieren.

Technische Daten und Preis

Der Invicta kann problemlos auf Rechtsverkehr umgerstet werden. Rar wird der S1 trotzdem bleiben Bristow will keine groe Produktion: "Die Firma kann schon bei weniger als 20 verkauften Autos pro Jahr gut leben." Die Chancen dafr stehen gut. Denn auch wenn der Export des Autos bislang nur schleppend anluft in England erfahren solche Exoten blicherweise eine breite Zustimmung.

Technische Daten V8-Front-Mittelmotor, lngs eingebaut 4 Ventile je Zylinder Hubraum 4606 cm Leistung 236 kW (320 PS) bei 5900/min max. Drehmoment 405 Nm bei 4800/min Hinterradantrieb Fnfganggetriebe rundum Einzelradaufhngung an Dreieckslenkern rundum belftete Scheibenbremsen Reifen 255/35 ZR 19 vorn, 275/35 ZR 19 hinten Rder 8,5 x 19 vorn, 9,5 x 19 hinten Lnge/Breite/Hhe 4400/2134/1225 mm Radstand 2500 mm Leergewicht 1380 kg Tankinhalt 100 l Beschleunigung 0100 km/h in 5,1 Sekunden Hchstgeschwindigkeit 270 km/h Preis 115.500 Euro

Das abwechslungsreiche Leben von Invicta

Die Firma Invicta Cars in Chobham wurde 1924 von dem Rennfahrer und Motorenthusiasten Captain Albert Noel Campbell Macklin sowie seinen Nachbarn Oliver und Philip Lyle gegrndet. Ihr Ziel: Das Auto sollte besonders robust und stark sowie besonders schaltfaul zu fahren sein. Schon bald warf er aus dem Prototypen des Jahres 1925 den Coventry-Climax-Motor raus und ersetzte ihn durch einen 2,5-Liter-Sechszylinder-Meadows (spter kamen Dreiliter und 4,5-Liter-Motoren hinzu). Die meisten Kufer nutzten von der Viergang-Schaltung nur den ersten und den vierten Gang. Das Drehmoment des groen Motors reichte, um im hchsten Gang von knapp zehn km/h auf 140 km/h durchgngig zu beschleunigen. Der Wagen kostete 595 Pfund.

Als wrdige Konkurrenten erkor Macklin Rolls-Royce und Bentley. Violet Cordery, Macklins Schwgerin, fuhr mit verschiedenen Autos diverse Langstreckenrekorde. Kein geringerer als Donald Healey startete 1931 aus Norwegen zur Rallye Monte Carlo in einem Invicta und siegte zum erstenmal gewann damit ein englisches Auto den Wettbewerb. Trotz des Erfolges verkaufte sich das Auto mehr schlecht als recht: Am 13. Oktober 1933 erhielt der letzte Kunde einen komplett von Invicta gebauten Wagen. Mitte der 30er-Jahre mute Invicta schlieen nach nur rund 1000 gebauten Exemplaren. Bis zum endgltigen Aus 1938 wurden noch ein paar briggebliebene Chassis mit Fremdteilen vervollstndigt.

Ab 1946 versuchte die Invicta Car Development Co. Ltd. in Surrey, den Namen neu aufleben zu lassen. Die Firma fertigte luxurise, eigenwillige Personenwagen, die nichts mit dem berhmten Vorgnger gemein hatten. Nur wenige Stck des Modells Black Prince wurden gebaut. Die Firmenreste erwarb 1950 A.F.N. Ltd., Hersteller des Frazer- Nash. 1980 kaufte Invicta-Fan und -Fahrer Michael Bristow den Markennamen Invicta. Ohne jegliche Vorwarnung berraschte er das erstaunte Publikum der London Motor Show 2002 mit dem Prototypen des Invicta S1.

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