Test Isdera Autobahnkurier

Fahrbericht Isdera Autobahnkurier

— 29.06.2007

Das ist (k)ein Traum

Die meisten Konstrukteure wagen von kompromisslosen Kreationen wie diesen kaum zu trumen. Doch wenn Isdera-Chef Eberhard Schulz eine Vision hat, wird sie verwirklicht. Egal wie lange es dauert.

Hildesheim? Die niederschsische Stadt im Schatten von Hannover hatten Autofans bislang nicht auf der Rechnung, wenn es um den Ursprung fantastischer Traumwagen ging. Oder um die Heimstatt kreativer Ingenieure, die, tnzerisch auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn balancierend, gerne mal die Autowelt auf den Kopf stellen. Und doch sehen sich die Hildesheimer jetzt mit einem Gefhrt konfrontiert, das aussieht, als habe hier Steven Spielberg seine Requisiten fr den nchsten Indiana-Jones-Film ausgepackt. Mit vergitterten Scheinwerfern, so mchtig, als wollten sie Licht in die dunkelsten Untiefen deutscher Vergangenheit schneiden; und mit einer Motorhaube, so lang, als habe sich eben noch Greta Garbo auf ihr gerkelt.

Die Wiederbelebung einer gloriosen Auto-Epoche

Isdera-Chef Eberhard Schulz träumt seit über 20 Jahren von diesem Auto.

Aber am Steuer sitzt nicht Leni Riefenstahl. Oder Harrison Ford. Sondern Eberhard Schulz. Er ist 67 Jahre alt, doch seine Augen leuchten wie die eines Jungen, dem wieder ein toller Streich geglckt ist: "Von diesem Auto trume ich seit ber 20 Jahren. Jetzt ist es fertig." Dabei ging es dem gebrtigen Hildesheimer bei seinem Isdera 116i nicht allein um die Wiederbelebung einer gloriosen Auto-Epoche ein Grund, weshalb sein Wagen wie einstige Mercedes auch Autobahnkurier heit. "Den Nimbus, den in den 30er Jahren Marken wie Bugatti, Maybach oder Horch genossen, konnte keine Automarke danach je wieder gewinnen", sagt Schulz. Der ehemalige Porsche-Entwicklungsingenieur will auch den Beweis erbringen, dass zwei unabhngig voneinander arbeitende Antriebe in einem Auto funktionieren knnen. Richtig gelesen. Der wie ein Autosaurier durch den Verkehr pflgende Isdera hat nicht nur einen Motor, ein (Automatik-)Getriebe und eine angetriebene Achse. Sondern von allem zwei. "In keinem anderen Auto htte ich so viel Technik unterbringen knnen", erklrt Schulz.

Klar, dass da auch Denkmler ins Wanken geraten: "Die Motorhaube vom Mercedes 540K ist ein Meter 80, da sollten es bei mir schon zwei Meter sein. "Anders htten die beiden Fnfliter-V8-Motoren von Mercedes auch nicht hineingepasst. Die leisten 300 PS. Pro Stck, versteht sich. Der hintere Achtzylinder treibt konventionell die Hinterachse an. Der vordere ist umgedreht und leitet sein Drehmoment an die Vorderrder. "Mit den beiden V8 komme ich zu einem Oldie mit Allradantrieb. Und auf die Zylinderzahl 16", schwrmt Schulz. Das war damals das magische Synomym fr automobile Opulenz schlechthin. Dass all das nicht nur in fabelhaften Visionen funktioniert, dafr spricht die Erfahrung von Eberhard Schulz als Autobauer. Er ist der Eigner der 1981 in Leonberg gegrndeten und jetzt in Hildesheim ansssigen Isdera GmbH die Abkrzung fr Ingenieurbro fr Styling, Design und Racing. Eine kluge Wortschpfung, denn die Bezeichnung "Schulz" htte auf der fiebrigen Flunder, die er 1983 als erstes kufliches Auto prsentierte, nicht so gut ausgesehen: ein spyder, wie er fr unseren Vergleich zur Verfgung stand.

Radikale Ideen gab es schon beim spyder 036i

Puristisch, knackig, schnell: Der Isdera spyder 036i von 1993.

Ganz anders als der 116i ist der spyder 036i ein fliegengewichtiges Auto-Minimum mit 231 PS, eine spartanische Kreation ohne Dach, die die Hirne der maximal zwei Insassen durchpustet wie sonst nur ein Motorrad. Ein Renner, dessen Motor schnaubt wie ein Stier und dessen Fahrwerk flink um die Ecken wetzt wie ein Eichhrnchen. Wie der 116i materialisiert der spyder kompromisslos eine radikale Idee. Und genau wie der beherbergt er Groserientechnik in einem Gitterrohr-Rahmen mit Kunststoff-Karosserie. Und das in erstaunlich guter Qualitt. Der 116i wirkt schn gemacht manch ein handgefertigter Prototyp der Industrie kann sich davon eine Scheibe abschneiden. Liebevolle Details wie die aus massivem Aluminium gefrsten Alustbe in Khlergrill oder im Lftungsgitter zeigen, dass die groe Idee auch im Kleinen verwirklicht werden sollte. Das gilt auch fr die Tren. Sie sind so dicht, dass sie kaum schlieen wollen. Und man sitzt recht bequem nicht wie in einem Auto von gestern. Eine Klimaanlage gehrt ebenso zur Ausstattung wie elektrische Fensterheber, ABS oder Katalysator.

Knapp: Im Isdera Autobahnkurier ist weniger Platz als im Porsche 911.

Von vertrauter Umgebung kann im Autobahnkurier aber keine Rede sein. In dem Cockpit, das dem 5,65 Meter langen Auto weniger Platzangebot als in einem Porsche 911 beschert, warten zwei riesige Drehzahlmesser auf den entscheidenden Impuls. Den zu initiieren, ist ein kaum weniger feierliches Ritual als die tgliche Verbeugung gen Mekka. Mit der rechten Hand muss man den Zndschlssel rechts neben dem Lenkrad festhalten und gleichzeitig mit der linken die Startknpfe bettigen die beide, einer pro Motor, ber dem Mitteltunnel sitzen. Also eine artistische Verrenkung, die zunchst von dem sagenhaften Blick durch die Windschutzscheibe ablenkt: Die Sicht an der schier endlosen Motorhaube entlang auf den Adler als Khlerfigur am Ende wirkt atemberaubend ungefhr wie die vom Brandenburger Tor hinunter auf die Siegessule.

Vehement und mit verhaltenem Grollen setzt sich der 2,3-Tonner in Bewegung und verleiht sofort eine Ahnung von jener herrischen Geste, mit der ein Traumauto einst die Welt in Arm und Reich teilte. So eine Motorhaube fordert immer Respekt heute wie damals. Beim 600 PS starken Isdera sogar noch bei Tempo 230. Es muss ein erschtterndes Erlebnis sein, bei der Geschwindigkeit diesen Khlergrill im Rckspiegel auftauchen zu sehen. Noch bei 242 km/h, dem Maximaltempo, kann das passieren. Aber nicht oft. Denn der Autobahnkurier soll ein Einzelstck bleiben, ein unverkufliches dazu. "Es sei denn, ein autovernarrter Scheich macht ein unwiderstehliches Angebot", meint Schulz. Wre fast schade, wenn sich so einer nach Hildesheim verirrte.

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