Fahrbericht Lamborghini Reventón

Lamborghini Reventón Lamborghini Reventón

Fahrbericht Lamborghini Reventón

— 28.11.2007

Vive la décadence!

Lamborghini baut den Superlativ der Unvernunft: eine 20-Stück-Sonderserie des bei Böse & Grimmig neu eingekleideten Murciélago. AUTO BILD SPORTSCARS hat den Dienstwagen des Teufels schon mal Probe gefahren.

Kastration ist eine schlimme Sache: Champagner ohne Prickeln, Fußball ohne Luft, Kajak ohne Paddel, Lambo ohne Leistung. So wie der Vorführ-Reventón mit der Chassisnummer 0/20, den sie im Werk aus Sicherheitsgründen auf 135 km/h Spitze eingebremst haben – ein Jet mit gestutzten Flügeln, der im Hubschraubertempo mit den Segelfliegern um die Wette gleiten darf. Jetzt nur nicht zu forsch überholen, denn sonst geht dir auf gleicher Höhe mit dem Fiat Cinquecento plötzlich die Luft aus ... Reventón hieß seinerzeit ein berühmter Kampfstier aus der Zucht von Don Rodriguez. Auch dieser Bulle landete im Suppentopf, doch zuvor tötete er 1943 den Star-Torero Felix Guzman. Die Gene dieses ganz besonderen Rindviehs haben die Designer im Centro Stile einem ganz besonderen Murciélago übertragen, der nicht nur Goths und Gruftis das schwarze Blut in den Adern gefrieren lassen dürfte. Aus dem LP640 ein noch böseres und aggressiveres Auto zu machen – vor dieser Leistung ziehen auch wir voller Ehrfurcht die Kappe.

Der Reventón ist in jeder Hinsicht extrem

In jeder Hinsicht extrem: Der Reventón wäre ein idealer Dienstwagen für Darth Vader.

Wenn Darth Vader in der zehnten Folge von Star Wars sein Comeback feiert, dann sollte er in diesem mattgrauen Kraftkeil vorfahren. Der mit dem Lineal gestylte Reventón sieht nämlich aus wie ein ungebetener Besucher vom Kampfstern Galactica: noch flacher, noch breiter, noch extremer als die serienmäßigen Straßenfeger aus Sant’Agata. Mit erstaunlicher Stilsicherheit schafft der monochrome Macho den Spagat zwischen Mattel Hot Wheels und Hollywood. Jede Kante sitzt, jeder Winkel passt, jede Ecke wirkt stimmig. Die Details hätten Bvlgari oder Cartier auch nicht besser hinbekommen. Bemerkenswert abgehoben sind die neuen LED-Scheinwerfer, die grellen Knopfaugen-Blinker, die Raumschiff-Rückleuchten, die mit dem Skalpell geformten Lufteinlässe, der aus dem Vollen gefräste Tankeinfüllstutzen und natürlich die mit Carbon-Klingen verzierten Räder. Apropos Räder: Wo heute 20- oder 21-Zöller abrollen, zollt der Lambo mit seinen 18-Zöllern Tribut an den ziemlich verästelten Stammbaum, der mindestens bis zum Diablo zurückreicht.

Kraftzuwachs im Bereich der Fertigungstoleranzen

Kraftpaket: Der V12 des Murciélago legt um zehn PS auf 650 Pferdchen zu.

Auch innen haben die Ragazzi den Reventón nach allen Regeln der Kunst aufgebrezelt. Die Sitze verdienen die große Folterkammergeißel in Gold: Sie sind noch enger, noch härter und noch weniger einstellbar als die Serien-Hüftzwicker. Der Grad der Belederung dürfte militante Kühe auf die Barrikaden treiben, denn in diesem Auto sind sogar die Teppiche mit Tierhaut verziert. Die Instrumentierung macht einen Sprung zurück in die Zeit der frühen Casio-Rechner. Statt bewegter Zeiger informieren bunte TFT-Bildschirme über das Wohl und Wehe der Mechanik. Zwei Displays stehen zur Wahl: ein digitales für die Starfighter-Fraktion und ein analoges für eher konservative Millionäre. Aus Marketinggründen wurde die Leistung des Reventón V12 von 640 auf 650 PS angehoben, doch das ändert nichts an den Fahrleistungen, denn dieser Kraftzuwachs liegt ohnehin im Bereich der Fertigungstoleranzen. Ohne Knebel und Fußfessel schnaubt der Kohlefaser-Kampfstier in 3,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h und macht sich jenseits der Arena mit bis zu 340 km/h Sachen aus dem Staub. Über den Verbrauch breitet der Torero gnädig die muleta – das rote Tuch – des Schweigens. Der Murciélago ist einer der faszinierendsten Sportwagen aller Zeiten. Das liegt einerseits an seiner unglaublichen Präsenz und andererseits an der süchtig machenden Mischung aus Leistung und fahrdynamischer Herausforderung.

Für den Reventón gilt ein ähnlich enthusiastisches Urteil. Die hier serienmäßigen Carbon-Keramik-Bremsen sind vor allem auf der Rennstrecke jederzeit gewiss für ein Extra-Achterl Adrenalin gut. Doch das gottlob aufpreispflichtige E-Gear-Getriebe sollte Lamborghini entweder auf Nimmerwiedersehen ins Weltall schießen – oder endlich in den Griff bekommen. Auch dieser Testwagen litt wieder unter den bekannten Symptomen: Anfahrruckeln, Teillastbocken, Verspannungen in engen Kurven, unwillige Gasannahme. Ganz zu schweigen von diversen Sprotz-und-Hoppel-Kapriolen an Steigungen. Selbst schalten und selbst kuppeln ist im Murciélago eindeutig die bessere Wahl.

Ein finanziell sehr lukratives Experiment

Ein lukratives Geschäft: In weniger als zwei Wochen waren alle 20 Reventón verkauft.

In nicht einmal zwei Wochen war die komplette Reventón-Kollektion ausverkauft. Elf Autos gehen nach Amerika, sieben bleiben in Europa, je eines wird nach Dubai und nach Japan verschifft. Finanziell dürfte sich das Experiment für Lamborghini gelohnt haben, denn schließlich kostet ein Reventón so viel wie drei LP640. Auch imagemäßig bringt der graue Star dem Hersteller jede Menge Publicity ein. Nur der Journalist ist gefrustet, weil sich die virtuelle Realität selbst bei abgeschalteter Traktionskontrolle (ESP fehlt) nicht wirklich glaubhaft spüren lässt. So sind wir auf Cheftester Valentino Balboni angewiesen, der von verbesserter Stabilität ab 180 km/h und einer ab 250 km/h ausgefeilteren Aerodynamik berichtet. Tu felix Valentino! Erzähl uns mehr, aber langsam genug zum Mitschreiben. Herr Ober, ein Glas vino frizzante bitte.
Technische Daten* Lamborghini Reventón
Motor V12
Einbaulage Mitte längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4
Hubraum 6496 cm³
kW (PS) bei 1/min 478 (650)/8000
Literleistung 100 PS/Liter
Nm bei 1/min 660/6000
Antriebsart Allrad
Getriebe 6-Gang sequenziell
Bremsen vorn 380 mm/innenbel./gelocht
Bremsen hinten 355 mm/innenbel./gelocht
Radgröße vorn / hinten 8,5x18 / 13x18
Reifen vorn / hinten 245/35R18 / 335/30R18
Reifentyp Pirelli P Zero Corsa
Länge/Breite/Höhe 4610/2058/1135 mm
Radstand 2665 mm
Leergewicht 1665 kg
Leistungsgewicht 2,6 kg/PS
Tankvolumen 100 l
EU-Normverbrauch Ø auf 100 km 21,3 l Super Plus
Beschleunigung von 0–100 km/h 3,4 s
Höchstgeschwindigkeit 340 km/h
Serienfahrzeug ohne Extras 1.190.000 Euro
*Herstellerangaben

Autor: Georg Kacher

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