Fahrbericht Lancia Nea

Studie Lancia Nea Studie Lancia Nea

Fahrbericht Lancia Nea

— 08.03.2002

Die Zukunft kommt nea

Wie fahren wir in zehn Jahren? Nehmen uns Computer und Elektronik das Lenkrad aus der Hand? Michael Specht reiste mit dem Lancia Nea in die Zukunft.

Ufo auf Rädern

28. Mai 2011, neun Uhr. Welchen Weg zur Arbeit empfiehlt mir mein Laptop heute? Der von gestern war voll daneben. Zwei Stunden für 35 Kilometer. Kein Wunder bei mittlerweile 85 Millionen Fahrzeugen auf unseren Straßen. Zum Glück hat die Autoindustrie früh auf diesen alltäglichen Wahnsinn reagiert. Nicht mit immer dickeren Motoren, sondern mit modernster Kommunikationstechnik und Elektronik. Motto: Wohlfühlen an Bord, bloß keinen Staustress. Das Fahren so angenehm wie möglich gestalten. Und so spielt der eigentliche Antrieb, egal ob Common-Rail-Diesel oder Benzin-Direkteinspritzer, nur noch eine Nebenrolle. Alle sind tipptopp sauber, erfüllen die Euro-6-Abgasnorm und sind supersparsam. PS-Protzerei hat sich seit Anfang des Jahrtausends selbst ad absurdum geführt. Viele fahren sogar schon mit Brennstoffzellen.

Per Chipcard nähere ich mich meinem Lancia Nea, der erstmals im Jahr 2000 auf dem Pariser Salon als Konzeptstudie auftauchte. Damals dachten wir noch alle: Vollkommen utopisch dieses Ufo auf Rädern, so was hat null Zukunft. Heute berühre ich nur leicht seine Dachkante - und automatisch schwenkt die Tür auf, die im Parkzustand völlig dunklen Elektrochrom-Scheiben werden klar, der Integralsitz dreht sich zu mir. Der Innenraum ist bereits wohltemperiert, dazu spielt ein Oldie von Madonna, einer von 100 Titeln, die im MP3-Format auf Festplatte gespeichert sind. In wenigen Sekunden stellen sich Lenkrad- und Sitzposition auf meine Maße ein.

"Hamburg, Axel-Springer-Platz", sage ich dem Computer. Auf in die Redaktion. Mechanische Schalter und Knöpfe sind Relikte aus dem vorigen Jahrtausend. Wenn etwas zu drücken ist, wie zum Beispiel das Anlassen des Motors, geschieht dies auf dem großen Touchscreen in der Mittelkonsole. Sonst läuft im Nea so gut wie alles per Voice-Control - per Spracheingabe.

Kinofilm im Stau

Sofort erscheint die Fahrtroute auf dem Display. Nicht mehr von einer CD gespeist, diese Scheiben sind längst kein Hit mehr, sondern aktuell aus dem Internet geladen - mit den neuesten Staus und Umleitungsempfehlungen. Ein kleiner Tipp am Lenkstockhebel, der Nea fährt los, überlässt mir, ob sequenziell per Hand geschaltet oder ganz entspannt im Automatikmodus. Blicke in die Spiegel entfallen. Man fand heraus: zu unsicher, zu fehlerbehaftet. Im Nea sorgt eine Vielzahl von künstlichen Kameraaugen für sicheren Rundumblick. Ob Radfahrer, Auto oder Fußgänger, bei nur irgendeiner Gefahr könnte ich nicht aus der Parklücke ausscheren, selbst wenn ich wollte. Der Computer gibt das Bremspedal erst frei, wenn wirklich alles frei ist.

Auf der Ausfallstraße klinkt sich der Nea in die Kolonne, bremst und beschleunigt ohne mein Zutun. Den korrekten Abstand hält ein Radar, Kameras überwachen das Verkehrsgeschehen um mich herum. Selbst wenn plötzlich ein Fußgänger über die Straße laufen sollte - das System würde die Gefahr früher als ich erkennen und entsprechend reagieren, notfalls eine Vollbremsung einleiten, bevor ich überhaupt den Fuß zum Pedal bekomme. Es könnte sogar automatisch ein Ausweichmanöver fahren. So bleibt mir Zeit, im zähen Morgenverkehr E-Mails zu versenden, mit dem Büro zu telefonieren oder mir die aktuellen Börsenkurse anzeigen zu lassen. Ebenfalls alles per Spracheingabe.

Auch Kino ist möglich. Ein DVD-Player ist an Bord. Also: Film ab! Wenn ich bedenke, dass es vor zehn Jahren noch 60 Mark kostete, wenn ich während der Fahrt ein Handy am Ohr hatte... Heute muss ich nicht einmal mehr die Hand am Lenkrad haben. Die weiße Randmarkierung auf der Straße genügt dem Nea, per Kamera automatisch und selbstständig die Spur zu halten. Erstaunlich, welche enormen Fortschritte Computertechnik und Elektronik in den vergangenen Jahren gemacht haben. Dabei fragten wir uns schon um 2000: "Was soll jetzt noch groß kommen?" Doch das war damals erst der Anfang.

Computer-Module

Intelligente Chips können mittlerweile unsere Sprache perfekt verstehen. Man unterhält sich mit ihnen wie mit einem Freund. So reicht der Satz "Ich möchte heute Vormittag Herrn Schmidt in Hamburg am Ballindamm besuchen, will ihn aber vorher noch anrufen." Schon wählt der Computer im Nea seine Nummer, lädt die aktuelle Route aus dem Internet und zeigt mir die errechnete Fahrtzeit und den bestmöglichen Weg auf dem Display an. Angst vor veralteter Technik brauche ich dabei nicht zu haben. Das gesamte System ist in Module aufgeteilt, so können einzelne Computerelemente ruck, zuck ausgetauscht werden. Dies garantiert immer die neueste Informationstechnologie an Bord.

Anfängliche Bedenken, die Übermacht der kleinen Rechner nähme mir neben dem Lenkrad auch die Verantwortung und - viel schlimmer - den Fahrspaß aus der Hand, haben sich schnell gelegt. Der Nea ist so konzipiert, dass ich immer noch so fahren kann wie einst: lenken, schalten, Gas geben, bremsen, beschleunigen, ganz nach Lust und Laune. Selbst heute käme mir niemals in den Sinn, einsame kurvige Landstraßen dem Computer zu überlassen.

Aber leider sieht der Autoalltag anders aus. Immer mehr Kolonnenverkehr, Stop and go und Staus, fast überall Überholverbot und Tempolimits. Hierfür haben sich die elektronischen Systeme als nützliche wie angenehme Helfer erwiesen, nehmen mir lästiges Schalten, Gasgeben, Bremsen und damit Konzentration und Stress ab. Einfahrt Redaktionsparkplatz. Das Navi-System meldet sich ab. Nach dem Aussteigen verriegeln die Türen automatisch, die Scheiben verdunkeln sich wieder. Der Nea hat die Strecke in nur 50 Minuten geschafft. Schade, denn eigentlich wollte ich den Film noch zu Ende sehen.

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