Fahrbericht Mansory Vincerò — 13.03.2009
Das höchste der Gefühle
Auch heilige Kühe kann man schlachten: Mansory veredelt den Veyron, nennt das Resultat Vincerò und macht sich damit endgültig unsterblich. Wir fuhren das 1111 PS starke Carbonmantelgeschoss.
War ja klar. Dass man betrunken wird, wenn man Alkohol konsumiert. Dass man Fett ansetzt, wenn man zu viel isst. Dass man nass wird, wenn man ins Wasser springt. Und dass der erste getunte
Bugatti Veyron von Mansory kommt. Der Weg des Nobeltuners scheint im Nachhinein vorgezeichnet: Hat die Truppe um Kourosh Mansory 2005 mit einem Komplettumbau auf Basis
Bentley Continental GT doch nicht gerade klein angefangen. Und sich im Anschluss all die Autos vorgenommen, die sonst keiner machte. Weil sie zu teuer waren, zu wenig verbreitet – oder weil die Furcht, von der Kritik verrissen zu werden, siegte. Als Anfang 2008 die ersten Gerüchte besagten, bei
Mansory stehe ein Veyron, konnte das niemanden wirklich überraschen. Was die Spannung, wie es der Veredler denn nun angehen würde, nicht im Geringsten minderte.
Der Vincerò kennt keine Kompromisse
Der Vincerò fühlt sich an wie ein ganz normales Auto. Das Potenzial des Carbonboliden ist aber allzeit zu erahnen.
Ich sitze erstaunlich kommod. Nur die fehlende Möglichkeit, den unbeschäftigten linken Fuß abzustellen, stört. Weder vom Motor noch vom Auspuff bekommt der Pilot allzu viel mit. Lediglich die vier Turbolader sirren und pfeifen lautstark. Das Auto steht breitbeinig auf dem Boden. Beseelt von einer stillen Würde in den Augen derer, die um sein Potenzial wissen. Die Carbonhülle trägt der
Vincerò so selbstverständlich wie der Polizist die Uniform. Haube, Stoßfänger, Kotflügel, Heckschale, Belüftungshutzendeckel: Alle Kohlefaserteile entstanden in einem Autoklav-Druckbehälter – ein Fertigungsstandard, der auch im Flugzeugbau und der
Formel 1 Verwendung findet. Der Puls hämmert. Dabei rollt das Fahrzeug erst. Bewegt sich innerhalb der geschlossenen Ortschaft mit Anmut und Geschmeidigkeit. Gibt dem Piloten das Gefühl, in einem richtigen Auto zu sitzen – und nicht in einem am Limit gebauten Exoten, der beim Druck auf den falschen Knopf explodiert. Die Häuserreihen lichten sich, aus Dorf wird Land. Es wird ernst. Der Fuß neigt sich leicht. Drückt das Gaspedal nicht durch, sondern tippt es nur an, gespannt die Reaktion abwartend. Im Rücken des Fahrers setzt ein Tosen ein. Mit winziger Zeitverzögerung geht damit eine Ahnung von Schub einher. Die sich nicht entfalten darf, weil der Gasfuß längst wieder in der Luft hängt – bereit, sich erneut abzusenken. Bereit, die nächste lange Gerade voll auszukosten. Das Interieur präsentiert sich formvollendet – und qualitativ so makellos wie die Außenhülle. "Auch hier sind wir keinerlei Kompromisse eingegangen. Es gibt keinerlei 'Man hätte doch …' ", erklärt
Mansory. Nur noch eine Handvoll Teile wie Blinkerhebel und Lichtschalter erstrahlen im serienmäßigen Silber. Alles andere ist neu oder anders: Ersetzt durch ein Carbonteil, mit Leder bezogen, mit Klavierlack aufgewertet. Sogar den Kippschalter des elektrischen Fensterhebers schmückt Mansory mit Tierhaut.
Die sichtbaren Veränderungen an der Karosserie fallen – für seine Verhältnisse – moderat aus. Keine wilden Farben, keine gewagten Formen. Nur kleine Retuschen – deren Auswirkungen man jedoch nicht unterschätzen sollte. Die Fronthaube verschmilzt mit dem Stoßfänger nicht mehr zu einer Einheit, die den Grill komplett umschließt, sondern endet auf halber Höhe. Im Gegenzug dürfen die unter den Schweinwerfern liegenden Belüftungsöffnungen deutlich mehr Platz einnehmen. Die vorderen Kotfl ügel sind nicht mehr glattfl ächig, sondern verfügen über eine schmale Einkerbung in Form einer angedeuteten Entlüftungsöffnung. Der Schweller geht ein Stückchen weiter in die Breite, die Kiemen hinter der Tür fallen dadurch mächtiger aus als ab Werk.
Brachiale Beschleunigung
Ich steche durchs Kurvengeschlängel. Der
Vincerò fährt sich handlicher als gedacht. Lässt sich mit seiner direkten Lenkung punktgenau an der Ideallinie bewegen. Die ausgewogene Gewichtsverteilung des Mittelmotormonsters erlaubt hohe Kurventempi. Die Behändigkeit eines waschechten Sportwagens geht dem Vincerò jedoch ab. Zudem stehen die 1310 Newtonmeter stets Gewehr bei Fuß – jederzeit bereit, zuzuchlagen. Die Gelegenheit naht: Nach einer Kuppe tut sich ein schnurgerades Asphaltband auf – mindestens zwei Kilometer lang. Der Fuß fällt damoklesschwertgleich auf das Gaspedal, das Inferno beginnt. Die Beschleunigung spottet jeder Beschreibung, die Augen scheinen sich gen Höhleninnenseite zu drehen. Mein Körper knarzt. Läge er nicht perfekt ausbalanciert in der anschmiegsamen Sitzschale, würde er wohl einfach auseinanderbrechen. Lust kollidiert mit Schmerz, und die bange Frage drängt sich auf: "Kann das gesund sein?" Mein Adrenalinspiegel schnellt ähnlich ekstatisch in die Höhe wie die Tachonadel. Büsche und Bäume fliegen vorbei und verschmelzen zu einer formlosen Masse. Die Kurve naht im Zeitraffer. Das Hirn befiehlt: "Bremsen!" Der Bauch sagt: "Stehen lassen — bis in alle Ewigkeit."
Noch mehr Leistung ist ein heikles Thema
Optimierte Kennfelder bringen dem 16-Zylinder ein PS-Plus von 110 Pferden.
Mehr Leistung für das schnellste Serienauto der Welt ist ein heikles Thema. Die damit einhergehenden zusätzlichen km/h in Anbetracht der regulären Spitze von 407 erst recht. Deshalb verspricht Mansory zwar mehr Power – per elektronischer Modifikation und Demontage des Endschalldämpfers (stattdessen einfach verlängerte Rohrführung), will die serienmäßige Endgeschwindigkeit jedoch nicht überbieten – vorläufig jedenfalls: "Jeder km/h mehr gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil." Mit jedem Meter wird das Fahrzeug vertrauter. Der Vincerò und ich verstehen uns immer besser. Die ehrfurchtgebietende
Bugatti-Aura verflüchtigt sich langsam. Übrig bleibt ein Supersportler mit einem sensationellen Motor, ungeahnten Alltagsqualitäten, grandioser Optik, appetitlichem Interieur, überraschend viel Komfort. Natürlich musste dieses Auto von diesem Tuner kommen. Und natürlich musste es gut werden.