Fahrbericht Marcos TSO GT2

Marcos TSO GT2 Marcos TSO GT2

Fahrbericht Marcos TSO GT2

— 24.01.2006

Marcos lebt!

Neue Chance für die englische Sportwagen-Ikone: Der puristische Marcos TSO GT2 kommt Ende 2006 auch zu uns. Mit 420 PS und Einzelzulassung.

Finanzspritze vom Computermillionär

Eigentlich war Tony Stelliga ja an TVR interessiert. TVR ist die Firma, die in Blackpool sitzt, ihre Motoren noch selbst baut, ihre Modelle wechselt wie unsereins die Oberhemden und besonders durch ungewöhnliches Design auffällt. Doch TVR fiel bekanntlich an Rußland: Nikolai Smolensky heißt der neue Eigentümer – ein Mann, von dem niemand weiß, ob er wirklich das Zeug dazu hat, die bislang stark introvertierte Marke aus dem Nischendasein herauszuführen. Da hat sich Stelliga eben Marcos geschnappt – damit fällt die britische Traditionsmarke an Kanada.

Zweimal im Monat kommt der autobegeisterte Computermillionär ins südlich von Birmingham gelegene Kenilworth und schaut nach dem Rechten bei seiner Marcos Engineering. Ab 2007 sollen hier 15 Menschen pro Jahr 80 Autos bauen. Das wäre dann die Erfüllung seines Traums: ein eigenes Auto – kleine Stückzahlen für feine Kunden. Für Marcos ist das eine neue Chance zum Leben. Denn der Autobau war bereits klinisch tot. Von Jem Marsh und Frank Costin unter dem Namen Marcos Cars Ltd. 1962 gegründet (die Anfangsbuchstaben der Nachnamen bilden den Firmennamen), wurde die Marke in England durch Rennerfolge und wuchtige Straßensportwagen bekannt.

Bis 1999 war Marcos mit Umwegen in Familienhand, geführt von Jem Marsh und seinem Sohn Chris. Vor drei Jahren wagte Jem Marsh mit dem viel zu teuren und für Marcos-Autos viel zu schwachbrüstigen TS 250 (V6, 180 PS) einen letzten Versuch – danach gab es nur noch den Namen. Jetzt residiert die Marke nicht mehr in Nissenhütten in Westbury, sondern in Gebäuden auf einem riesigen Testgelände der Entwicklungsfirma Prodrive. Erstes kanadisch gelenktes Produkt war der TSO, ein Roadster mit wahlweise 350 oder 400 PS, vor kurzem auf den Markt gekommen.

420 Chevy-PS machen dem Coupé Beine

Doch so ganz erfüllt der Wagen nicht Stelligas Anspruch an ein Auto, das von Kraft und Handling her an einen Noble heranreicht und dessen Zuverlässigkeit und Qualität wie bei einem Aston Martin anmutet. Flugs schob er den TSO GT2 hinterher. Ein typisch englisches Coupé mit langer Haube, zur Zeit 420 PS starkem Chevy-V8 und feinstem Interieur. Ähnlichkeiten mit TVR-Modellen sind nicht rein zufällig: Einige der TVR-Leute haben sich zwischenzeitlich bei Marcos verdingt. So auch Craig Morley, Chef des Design-Teams, der früher am Tamora und T350 mitarbeitete.

Morley hat nur den typischen Marcos-Schwung am Heck belassen, alles andere dagegen neu entworfen: "Im Gegensatz zu TVR soll bei uns alles einfach sein und schnörkellos aussehen." Bemerkenswert, daß er dazu keine Fremdteile benötigt – von den Audi-TT-Außenspiegeln einmal abgesehen. Auch innen wird alles, was sichtbar ist, nur für Marcos hergestellt. Wie die beleuchteten Bedienknöpfe, die mittigen Instrumente, die Schalensitze. Der Spaceframe wird von einer Fremdfirma gemacht, ebenso die Kunststoffkarosserie. Prodrive hat das Fahrwerk abgestimmt, Marcos baut alle Teile zusammen.

Man hat sogar an einen Kofferraum gedacht: Der Weg dahin führt durch die zu öffnende Heckscheibe. Wer nach Platz in Litern fragt, stößt übrigens bei Englands Kleinherstellern immer wieder auf Unverständnis. Hier heißt die Maßeinheit "Golfbag". Also? "Ein Golfbag. Mit viel Drücken und Schieben." Und wahrscheinlich Fluchen. Kurios der erste Versuch einzusteigen: Die Dachkanten befinden sich über den Seitenscheiben der Türen. Durch Druck auf die Fernbedienung der Zentralverriegelung werden die Fenster elektrisch abgesenkt, damit die Türen geöffnet werden können. Wehe, wer offene Fenster bei offenen Türen schließt (was von innen möglich ist) und dann die Türen zuknallt ...

Technische Daten, Fahrleistungen und Preis

Einmal Platz genommen, fallen zwei Dinge auf: der edle Innenraum mit Leder, Alcantara, Aluminium (nur das gebogene, silbern angemalte Plastikteil auf dem Instrumententräger stört) – und die Enge. Man sitzt weit am Rand, hat wenig Kopffreiheit – doch Marcos werkelt bereits an der Problemlösung: Andere Sitze sollen es richten. Man kann aber auch bald einen GT2 in offener Version ordern. Die Fahrt mit dem GT2-Coupé-Prototyp erinnert wiederum an einen TVR: Die Schaltung sportlich schwergängig, kurze Schaltwege, die Gänge liegen eng beieinander.

Der Sound englisch kernig, der Vortrieb unbändig – keine Chance, auf engen englischen Landstraßen das mögliche Potential auszuschöpfen. Um bloß nicht in Weichei-Verdacht zu geraten: Das Auto besitzt natürlich kein ABS, ESP oder ähnliche kontinentale Erfindungen. Eine direkte Servolenkung, eine servounterstützte (schwer zu dosierende) Bremse – fertig mit Schnickschnack. Wir würden den Wagen gern mal in einem großen Test unter die Lupe nehmen. Die Chancen stehen laut Marcos nicht schlecht: Anfang 2006 soll er in England verkauft werden, ab Ende des Jahres auch bei uns – mit Einzelzulassung. Auf der Insel kostet er knapp 50.000 Pfund – das sind zur Zeit ungefähr exotische 74.000 Euro.

Technische Daten: V8, vorn längs • zwei Ventile je Zylinder • Hubraum 5665 cm³ • Leistung rund 309 kW (420 PS) bei 5400/min • max. Drehmoment zirka 638 Nm bei 4300/min • Hinterradantrieb • manuelles Sechsganggetriebe • vorn Federbeine mit Dreiecklenker, hinten doppelte Dreiecklenker • belüftete und gelochte Scheibenbremsen • Reifen 215/40 ZR 17 vorn, 225/40 ZR 18 hinten • 7,5J x 17 vorn, 8J x 18 hinten • Länge/Breite/ Höhe 4020/1680/1150 mm • Radstand 2280 mm • Leergewicht 1170 kg • Kofferraumvolumen: mit Mühe eine Golftasche • Tankinhalt 65 l • 0–100 km/h in zirka 4,0 s • Höchstgeschwindigkeit rund 300 km/h • Preis: 74.000 Euro (umgerechnet)

Autor: Roland Löwisch

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