Fahrbericht Maybach 57 Spezial

Maybach 57 Spezial Maybach 57 Spezial

Fahrbericht Maybach 57 Spezial

— 02.12.2005

Chauffeur hat Pause

Maybach schickt den 57 S ins Rennen. Das "S" steht für "Spezial" – und macht die Luxuslimousine bei Bedarf fast zum Porschekiller. Da fährt der Chef lieber selbst.

Sportlicher Luxus oder luxuriöser Sport?

Mit Kompromissen ist das immer so eine Sache. Nehmen wir zum Beispiel die neue Bundesregierung: Kanzlerin Angela Merkel nennt sie zwar die "Koalition der neuen Möglichkeiten", für viele ist es aber nur eine Koalition der großen Kompromisse. Schwenk von der hohen Politik zur hohen Kunst des Automobilbaus: Die DaimlerChrysler-Tochter Maybach ist auch einen Kompromiß eingegangen, spricht aber lieber von einer "Symbiose" und nennt das Ergebnis den "luxuriöstesten Sportwagen der Welt", andersherum auch mal die "sportlichste Luxuslimousine der Welt". Es geht um den neuen 57 S. "S" wie "Spezial".

Mal ehrlich, was an einem Maybach ist eigentlich nicht speziell? Selbst der Preis hat dieses Attribut verdient, schon die "Einstiegsversion" namens 57 kostet stolze 370.852 Euro. Die Modellpalette ist überschaubar, darüber rangierte bislang nur der Maybach 62, identisch motorisiert (550 PS aus zwölf Zylindern), aber fast einen halben Meter länger. Käufer und Fahrer sind meist nicht dieselben, soll heißen: Wer sich einen Maybach kauft, leistet sich für gewöhnlich auch einen Chauffeur dazu. Bislang jedenfalls.

Das soll sich mit dem 57 S ändern, in Stuttgart spricht man vom neuen "Selbstfahrer". Unter der Haube brabbelt zwar der gleiche Zwölfzylinder, doch Triebwerkspezialist Mercedes-AMG hat noch einmal kräftig Hand angelegt: Der Hubraum wurde von 5,5 auf sechs Liter vergrößert, die Leistung stieg von 550 auf 612 PS. Das Drehmoment gibt Maybach mit exakt 1000 Newtonmetern an – es könnten locker mehr sein, doch zum Schutz von Mensch und Maschine muß das Hochleistungskraftwerk gezügelt werden, verraten die Entwickler. Kurz: Noch mehr Leistung wäre einfach zuviel des Guten.

Ich freue mich auf die erste Testfahrt, schließlich besitze ich privat ein Auto, das genau zwischen 57 und 57 S paßt. Die Differenz von 62 PS und 100 Newtonmetern füllt mein Seat Arosa gerade so aus und schafft damit bergab Tempo 160. Was bewirkt der AMG-Zaubertrank also bei der 2,7 Tonnen schweren Luxuslimousine? Antwort: glatte fünf Sekunden für den Sprint bis Tempo 100 und elektronisch abgeregelte 275 Sachen Spitze. Zum Vergleich: Der "normale" 57er genehmigt sich 5,2 Sekunden und schaltet schon bei 250 km/h auf stur.

Ausflug in die Welt der Super-Reichen

Zwei Zehntelsekunden und 25 km/h, ist es das, wonach die sportlich ambitionierte Luxus-Kundschaft giert? Während der Fahrvorstellung in der südspanischen Jetset-Metropole Marbella versucht Maybach, selbst den hartgesottensten Kleinstwagenfahrer für 24 Stunden in die Welt der Reichen und Schönen zu entführen und ihn auf diese Weise mit der Philosophie der Marke zu impfen. Dieses Automobil sei nicht mit normalen Maßstäben zu begreifen, erfahre ich, bewährte Testkategorien wie Alltagstauglichkeit und Rentabilität seien hier fehl am Platze. Lieber Autojournalist, entspannen sie sich, und werden sie für einen Tag Maybach-Fahrer. Nicht autogenes, sondern automobiles Training mit 612 PS – tatsächlich, mein rechter Fuß wird schon gaaanz schwer.

Die erste Lektion beginnt mit der Fahrt vom Flughafen Malaga zum noblen Marbella Club Hotel, wo schon Aristoteles Onassis und Marlon Brando nächtigten. Der Schmerz in meinen Knien, stundenlang geschürt durch die nicht vorhandene Beinfreiheit in einer Boeing 737, ist schon beim Anblick meiner neuen Sitzgelegenheit wie weggeblasen. Der Chauffeur geleitet mich in den Fond eines Maybach 62, ich versinke im Ledersessel, der sich elektrisch in alle Richtungen biegen läßt wie eine Zahnarztmöblage für Privatpatienten, und schon kommt die süße Helferin mit der Betäubungsspritze. Leise Jazzmusik säuselt durch mein Gehör, während mein Arosa zu dem wird, was er eigentlich schon immer war – ein schnuckeliger Ferienort in den Schweizer Alpen.

Offenbar habe ich die erste Lektion verstanden. Für Maybach befinde ich mich jetzt in der richtigen Phase, die wirkliche Bedeutung des Wortes "Spezial" kennenzulernen. 0,2 Sekunden, 25 km/h, das sind Nebensächlichkeiten. Entwicklungs-Chef Rainer Leucht spricht mit den Worten Albert Schweitzers: "Kraft macht keinen Lärm, sie ist da und wirkt." Punkt. Understatement in seiner elegantesten Form. "Wir kokettieren nicht mit den Leistungsangaben, dafür verzichten wir auf eine Power-Reserveanzeige", fügt Leucht verschmitzt hinzu und spielt klar auf die Muskelschau des Bugatti Veyron an. Jetzt aber Schluß mit der Theoriestunde: Gentlemen, die Schlüssel.

Kurvenfressen kann ein Mini besser

Die Türen eines Maybach sind so schwer, daß beim ersten Versuch unter Garantie der richtige Schwung zum Schließen fehlt. Macht nichts – alles, was sich öffnen läßt, hat hier eine elektrische Zuziehhilfe. Die anfängliche Angst, mit dem Vertrautmachen des Interieurs soviel Zeit zu vergeuden, daß ich den Verkehr hinter mir aufhalte, war unbegründet. Mutter Daimler bedient sich in Sachen Technik und Ergonomie aus dem Erfahrungsschatz der Mercedes-Benz S-Klasse, weshalb weder Chauffeur noch Selbstfahrer eine lange Einweisung brauchen.

Ein Kollege beschreibt seine erste Erfahrung tatsächlich so: "Fährt sich wie eine S-Klasse!" Ist das jetzt ein Kompliment oder eine Abwertung? Ich persönlich bin mir nicht ganz sicher, schalte auf den kurvigen Bergstraßen nach Ascari ständig zwischen den drei Dämpfereinstellungen der Luftfederung umher und vom Comfort- auf den Sport-Modus der Fünfgangautomatik. Warum nicht gleich die 7G-Tronic aus dem Mercedes-Regal? "Unnötig, bei konstanten 1000 Nm Drehmoment zwischen 2000 und 4000 Umdrehungen", lautet die Antwort. Stimmt, die Frage war wirklich unnötig. Steht das unscheinbare S im Display neben dem Tacho, dann wird der Kickdown zur Achterbahn, 2,7 Tonnen sind in diesem Moment scheinbar von jeder Trägheit befreit.

Trotzdem, ob Dämpfer oder Schaltcharakteristik – um überhaupt sportlich fahren zu WOLLEN, müßte das Auto kleiner und leichter sein, beschließe ich nach 100 Kilometern zügiger Paßfahrt und bin ein bißchen neidisch auf den Fahrer des kleinen Mini, der mir grinsend und kurvenfressend entgegenkommt. Bevor die Luxus-Betäubung aber komplett nachläßt, erreiche ich das "Race Resort Ascari" in den Bergen hinter Marbella. Ein wahrer Highspeed-Spielplatz, auf dem Maybach noch eine Überraschung geplant hat.

26 Kurven zählt der Berg- und Talkurs, doppelt so viele wie der durchschnittliche Formel-1-Ring. Bei meinem "Taxi-Drive" nehme ich neben einem erfahrenen Entwicklungsingenieur Platz, der die Strecke aus dem Effeff kennt. Hinten zu sitzen, davon wurde mir abgeraten – Auge und Ohr müssen die Geschwindigkeitsinformation gleichzeitig verarbeiten, sonst meldet sich zusätzlich der Magen zu Wort. Sämtliche Fahrhilfen bleiben eingeschaltet, die ESP-Leuchte flackert wie wild, während der Fahrer routiniert durch S- und Haarnadelkurven jongliert. Nach drei Runden wird mir schlecht, aber ich weiß endlich: Mit diesem Auto geht noch mehr, wenn man nur will. Danach bin ich froh, wieder an der frischen Luft zu sein.

Individualisierung – jedem das Seine

Jetzt ist Zeit, sich dem Äußeren zu widmen. Lektion drei und letztes Kapitel der Luxus-Philosophie. Designer Stefan Boehler macht mit mir einen Rundgang um den 57 S, erklärt die speziellen Veränderungen. Zugegeben, auf den ersten Blick wäre mir nicht allzuviel aufgefallen. Das dürfte Boehler allerdings als Kompliment interpretieren, denn sein Ziel war es, den 57 S trotz aller Sportlichkeit und Individualität "als Maybach erkennbar" zu halten. Operation gelungen.

Doppellamellen an der Kühlermaske, ein in Wagenfarbe lackiertes Scheinwerfer-Umfeld, hinten eine Heckschürze mit deutlich sichtbaren Endrohren – auch damit bleibt der 57 S ein typischer Maybach. Dazu eine Besonderheit in der Liste der Karosseriefarben: Es gibt derer nur zwei. Silber oder Schwarz. Warum? "Ein Geschäftsmann, der dieses Auto fährt, muß täglich viele Entscheidungen treffen – ja oder nein. So entscheidet er auch hier, eben zwischen Silber oder Schwarz."

Was nicht bedeuten soll, daß Wünsche zu besonderen Farbgebungen verweigert werden. Im Gegenteil: "Wir erfüllen alle Wünsche", so Boehler. Jeder Farbton sei machbar – "bis hin zum Lippenstift ihrer Frau". Das fällt dann in den Bereich der "Individualisierung", die jeden Maybach vollends zum Unikat macht. "Etwa die Hälfte aller bereits ausgelieferten Maybach sind individualisiert", weiß Böhler. Darunter fallen unsichtbare Lösungen wie die Integration eines I-Pods genauso wie das Einarbeiten von Familienwappen in die Kopfstützen oder Fußmatten – übrigens die beliebteste Form der automobilen "Familienintegration".

Da stellt sich die Frage: Wie verkauft man einen derart gebrandmarkten Maybach? So ein Fall ist Boehler nicht bekannt, denn zur Luxus-Philosophie gehört auch die Tatsache, daß so ein Auto oft neben mehren anderen Edelkarossen in der Garage steht und fester Bestandteil der Familie ist. An diesem Punkt stelle ich fest, daß die Luxusimpfung langsam, aber sicher an Wirkung verliert. Ich erinnere mich an zwei offene Fragen, nämlich die nach Preis und Durchschnittsverbrauch: "419.920 Euro und 16,4 Liter", erfahre ich und bin zurück in der Realität, noch bevor ich mich zwischen die Sitze der 737 quetsche.

Autor: Michael Voß

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