Rekordfahrt im Maybach Exelero

Fahrbericht Maybach Exelero

— 13.05.2005

Das Monster von Maybach

Rekordfahrt der Superlative: Mit einem Prototyp haben Maybach und Reifenhersteller Fulda die 350-km/h-Schallmauer durchbrochen. AUTO BILD war exklusiv dabei.

Der Exelero klingt wie ein nahendes Gewitter

Der Rekord fällt kurz nach Sonnenaufgang. Und die Schatten, die die Techniker und Ingenieure werfen, sind noch sehr lang, als das Ding aus der Steilkurve kommt. Es klingt wie ein nahendes Gewitter. Es fühlt sich an wie ein leichtes Erdbeben. Es sieht aus wie eine riesige Kanonenkugel. Dann fliegen 2,6 Tonnen durch die Lichtschranke. Sekunden später ist das schwarze Monster wieder verschwunden. Ohren, Augen, Bauch und Herz entspannen sich langsam. Und dann sagt einer über ein Laptop gebeugt: "Dreihundert-einundfünfzig-kommavierfünf."

Zwanzig Monate zuvor: Auf der IAA 2003 in Frankfurt stecken Vertreter des Reifenherstellers Fulda und von DaimlerChrysler die Köpfe zusammen. Fulda entwickelt einen Hochleistungsreifen im 23-Zoll-Format, und Maybach kehrt auf die große Autobühne zurück. Beide erinnern sich an 1938, als Fulda schon einmal einen Hochgeschwindigkeitsreifen plante, damals für Tempo 200, und Maybach ein Stromlinienfahrzeug auf Basis des SW 38 dafür baute. Die Geschichte, so der Plan, soll sich wiederholen. Ex-Mercedes-Chef Jürgen Hubbert hörte sich die Idee an und sagte nur: "Dann macht das mal." Das Auto sollte wie der Reifen heißen: "Exelero".

Zurück in Nardo, dem zwölf Kilometer langen Hochgeschwindigkeits-Kreisverkehr in Süditalien. Klaus Ludwig (55) ist eingetroffen. Der Rennsport-Veteran soll mit dem Maybach Exelero die für ein 2,6-Tonnen-Auto gewaltige Schallmauer von 350 km/h knacken. Ein offizieller Geschwindigkeitsrekord kann das nicht werden, dafür hätte die Motorsport-Weltverband FIA anwesend sein müssen. Das Geld, das der Verband verlangt, wurde lieber ins Auto gesteckt. Hinter der hüfthohen Boxenmauer steht das Monster: schwarz, breit, stark.

Zwölfzylinder-Biturbo mit 700 PS

Basis ist der Maybach 57, doch dieses Coupé hier ist flacher (18 Zentimeter), breiter (27 Zentimeter), länger (16 Zentimeter) und um zehn Zentimeter tiefer als die Serien-Limousine. Unterboden-Verkleidung aus Aluminium, Rohrrahmen, darüber eine Haut aus Carbon. Die A-Säule wurde samt Cockpit um 40 Zentimeter nach hinten versetzt, die B-Säule um 20 Grad gekippt, vorn die Überhänge länger, hinten kürzer, drei verstellbare Spoiler am Heck – eine Metamorphose von elegant zu exorbitant. Gezeichnet wurde der Exelero von Design-Chef Harald Leschke und vier Studenten der Elite-Fachhochschule Pforzheim.

Erst landete ein 1:4-Modell im Windkanal, dann eine 1:1-Version. 40 Tests an einem Tag drückten den cW-Wert von 0,345 auf unter 0,27. Gebaut wurde er von der Firma Stola in Turin. "Das Erfolgsgeheimnis besteht darin, mit der richtigen Aerodynamik und einem extrem starken Motor ein stabiles Fahrverhalten zu erreichen. Diese drei Komponenten auf ein Maximum zu bringen, das ist die Kunst", erklärt Jürgen Weissinger, der Entwicklungsleiter des Maybach- Projekts. Der Vater des Zwölfzylinder-Biturbos heißt Roland Kemmler. Er ließ den Hubraum von 5,5 auf 5,9 Liter erhöhen, schraubte das maximale Drehmoment auf 1020 Nm und erhöhte den Ladedruck. Ergebnis: glatte 700 PS. Eine vergleichsweise leichte Übung sei das, weil "die wichtigste Vorgabe die maximale Leistung war", sagt Kemmler.

Klaus Ludwig sagt zunächst einmal gar nichts. Derartige Hochgeschwindigkeitsfahrten verlangen genausoviel Konzentration wie ein Rennen. Als er kurz darauf das erste Mal durch die Lichtschranke rast, werden 344 km/h angezeigt. Der zweite Versuch. Auf dem Computer erscheint die Zahl 342. Auf dem Schnauzer von Jürgen Weissinger bilden sich feine Schweißtropfen.

Technische Daten und Fahrleistungen

Als Ludwig aussteigt, berichtet er, der Laptop im Auto habe 1000 Meter nach der Meßstation 352,6 gemeldet. Während die Ingenieure grübeln, erzählt der Pilot: "Tempo 300 kannst du noch mit einer Hand fahren. Bei 350 fährt dann schon ein mulmiges Gefühl mit, auch wenn das Auto stabil bleibt und kaum vibriert. Ich habe versucht, entspannt zu bleiben." Ludwig macht eine Geste mit der Hand, die bedeuten soll: Ungefährlich ist das hier auf keinen Fall. Auch ein Rennfahrer-Profi krallt sich bei solchen Kräften ins Lenkrad. Währenddessen wird gehandelt: die Lichtschranke um 2000 Meter versetzt, die Fahrtrichtung wegen des Windes gewechselt, der riesige Kühlergrill mit Klebeband um nochmal drei Zentimeter zugepflastert.

Fulda-Chef Bernd J. Hoffmann erzählt stolz von den Reifen: zweilagige Karkasse, Nylon- und Kevlar-Fäden verwebt, so bleiben die Walzen bei den ungeheuren Kräften jenseits der 350 km/h stabil. Ein Rad wiegt 36 Kilo. Für den Rekordversuch wurde die Profiltiefe der Reifen auf vier bis sieben Millimeter reduziert. Ein Problem bleibt noch: Die Lichtschranke ist zu hoch eingestellt und mißt wegen der Steilkurve ungenau. Also wird die Durchfahrt enger gebaut und eine 50 Zentimeter lange Stahlstange vorn an die Schürze geschraubt, um die Messgenauigkeit zu optimieren. Und dann leuchtet sie auf, die 351,45. Kein Jubel, dafür Erleichterung, stille Freude, Stolz.

Einen Wagen wie den Maybach Exelero braucht kein Mensch? Und wenn schon. Dieses Auto fährt jenseits aller Diskussionen um Pannenstatistiken, Abgasnormen und Verbrauchswerte. Dieses Auto ist pure Faszination deutscher Ingenieurskunst. Es wird ein Unikat bleiben. Ob so ein Projekt Sinn ergibt in einem Konzern, dessen Sparte, zu der auch Maybach gehört, gerade knapp eine Milliarde Euro Verlust verbuchte, ist eine andere Frage. Sie stellt sich nicht. Nicht hier, nicht heute. Hier und heute reißen wir den Kopf herum und schauen mit entrücktem Lächeln dem Monster von Maybach hinterher, wie es in die aufgehende Sonne rast.

Technische Daten: V12-Biturbo • drei Ventile je Zylinder • Hubraum 5900 cm³ • Leistung 515 kW (700 PS) • max. Drehmoment 1020 Nm • Hinterradantrieb • Fünfgang-Automatik • elektrohydraulisches Bremssystem SBC • Verbrauch zirka 50 Liter/100 km Super plus (110 Oktan) • Tankinhalt 110 Liter • Länge/Breite/Höhe 5890/2140/1390 mm • Reifen 315/25 ZR 23 XL • Leergewicht 2600 kg • Spitze 351,45 km/h

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