Fahrbericht ML 320 CDI

Fahrbericht Mercedes-Benz ML 320 CDI

— 14.03.2005

Ein sanfter Bulle

Vor sieben Jahren startete Mercedes das erste deutsche SUV. Die zweite M-Klasse soll jetzt neue Komfort-Mastbe setzen.

Neue M-Klasse startet im Sommer 2005

Erfahrung macht bekanntlich klug. Selbst den ltesten Autohersteller der Welt: Mercedes-Benz. Denn die Stuttgarter haben seit Ende 1997, als sie ihre neue M-Klasse vorstellten, eine Menge Lehrgeld bezahlt, viel Prgel einstecken mssen. Sowohl von Kunden als auch von der Fachpresse hagelte es Kritik. Verarbeitung und Qualitt der Materialien im Innenraum waren weit unter dem Niveau, das man blicherweise von Mercedes-Benz erwartet. Den Verkaufszahlen schadete dies aber nicht. Fr die Dieselversion ML 270 CDI muten Kunden mitunter zehn Monate warten. Bis heute liefen ber 620.000 Exemplare des Softroaders von den Bndern im amerikanischen Tuscaloosa und Graz in sterreich.

Jetzt steht der Nachfolger in den Startlchern, der im Sommer 2005 (Juli/August) beim Hndler sein wird: lnger (15 cm), breiter (7,1 cm) und eine Idee flacher (0,5 cm), was ihn dynamischer erscheinen lt. Dennoch ist der Neue sofort wieder als M-Klasse zu erkennen. Mit Absicht, denn den traditionellen Kunden mchte man nicht verlieren.

Ihm bietet Mercedes-Benz mit dem W 164, wie der ML intern genannt wird, jedoch ein neues Konzept: Das Auto gibt es in zwei Varianten. Die Basisversion fhrt zwar nach wie vor mit permanentem Allradantrieb, aber ohne das offroadtypische Untersetzungsgetriebe. Wer dieses braucht, sei es fr den Berg oder frs Ego, mu das sogenannte "Offroad Pro Technikpaket" fr 1914 Euro ordern. Und hat dann auch gleich zwei Differentialsperren (Mitte und hinten) sowie die Luftfederung Airmatic, mit der sich die Bodenfreiheit um elf auf 29 Zentimeter erhhen lt. Das freut den Frster auf seinen zerfurchten Waldwegen. Selbst Wasserdurchfahrten bis 60 Zentimeter Tiefe sollen mglich sein.

Alle ML-Modelle mit Siebengang-Automatik

Und das alles ganz geschmeidig, ohne Kuppeln, ohne Schalten, denn allen ML gemein ist die 7G-Tronic, die Siebengang-Automatik. Wer allerdings dem Kollegen Computer die Wahl der Gnge nicht ausschlielich berlassen will, knnte ber zwei Wipptasten hinter dem Lenkrad manuell eingreifen, doch das bringt weder Spa noch Vortrieb. Eine konventionelle Automatik pat einfach besser zu diesem Wagen, bedient die Ansprche des Fahrers nahezu perfekt.

Erst recht in Verbindung mit dem brandneuen Common-Rail-Diesel, mit dem unser Mercedes ML 320 CDI bestckt war. Der Dreiliter-V6 leistet mit Partikelfilter und Euro 4 beeindruckende 224 PS und stellt schon ab 1600/min ein Drehmoment zur Verfgung, das frher selbst ein dicker V8-Benziner nicht schaffte: 510 Newtonmeter. Motto: Aus dem Vollem schpfen.

Klar, da damit vor allem ein Gefhl aufkommt: Souvernitt. Der angenehm leise Selbstznder beschleunigt das 2,1 Tonnen schwere SUV ohne Anstrengung in 8,6 Sekunden auf 100, rennt in der Spitze 215 km/h. Und ist dabei immer noch so ruhig, da ich zeitweise denke, in einer hochgelegten Mercedes-Benz S-Klasse zu sitzen.

Innen herrscht wieder Mercedes-Qualitt

Nicht zuletzt hat daran wohl auch die Luftfederung (1856 Euro extra) ihren Anteil, die den ML 320 CDI sanft ber Straenunebenheiten trgt. Ein kleiner Kippschalter auf der Konsole bietet dem Fahrer sogar noch die Mglichkeit, aus einer mittleren Abstimmung nach oben in Richtung Sport sowie nach unten auf Komfort zu schalten. Zu spren ist dies aber nur auf schlechten Wegen. Bei hherem Tempo (ab 120 km/h) senkt sich bei der Airmatic die Karosserie um drei Zentimeter ab, um den Verbrauch nicht in die Hhe zu treiben.

Mercedes-Benz verspricht im Mix 9,8 Liter, der Bordcomputer zeigte mir am Abend 13,1 Liter an. Bezogen auf Gre, Gewicht und Fahrleistungen durchaus akzeptabel. Genauere Zahlen wird ein spterer Test bringen. Im Innenraum haben die Stuttgarter, soweit das ein erster Eindruck vermitteln kann, wieder zur Mercedes-Benz-Qualitt zurckgefunden. Sitz- und Lenkradposition sind optimal, die Wahl der Materialien gediegen, das Raumgefhl grozgig, die Bedienung aller Schalter logisch. Bis auf den dicken Blinker-Wischer-Stock, an den ich mich nicht gewhnen kann (will). Dafr lt sich auf der anderen Seite der kleine Automatikhebel vorbildlich bedienen (Liebe BMW-Designer, so htten wir das beim 7er auch gern gehabt).

Den Blick nach Mnchen wirft auch jener, der den neuen ML mit dem X5 vergleicht. Beim Fahrverhalten hat der Mercedes-Benz deutlich das Nachsehen. Die Lenkbersetzung ist indirekter doch das ist gewollt. Thomas Merker, Leiter der M-Klasse: "Unser Auto ist mehr ein Reise- als ein Sportwagen."

Technische Daten, Preise und Kommentar

Und Reisen bentigt Raum. Auch fr die Mitfahrer im Fond. Der um fast zehn Zentimeter lngere Radstand im Vergleich zum Vorgnger kommt natrlich auch der Beinfreiheit zugute.

Das Gesthl selbst wirkt hochwertig, ist vorn perfekt, knnte fr meinen Geschmack auf der Rckbank besser ausgeformt sein. Hinter den Rcksitzlehnen stehen netto 551 Liter zum Fllen bereit. Wird die Bank umgeklappt, breitet sich eine fast waagerechte Flche aus, die dachhoch beladen etwa soviel Platz bietet wie im wahrlich nicht kleinen T-Modell der E-Klasse: 1830 Liter. Als Option knnen die hinteren Sitzkissen herausgenommen werden, dann sind es sogar 2050 Liter und ber zwei Meter Ladelnge. Notfalls lt es sich im Mercedes ML 320 CDI also auch bernachten.

Not leiden sollte dagegen keiner, der sich mit dem Gedanken trgt, knftig ML zu fahren. Die Preise beginnen bei stattlichen 46.342 Euro fr den schwchsten Diesel und enden bei 63.220 Euro fr den bulligen Mercedes-Benz ML 500. Theoretisch. Doch dabei bleibt es ja nie. Denn die Aufpreisliste hat nahezu das Ausma eines Buches und umfat rund 80 Positionen. Zumindest in dieser Richtung ist die neue M-Klasse ganz die alte geblieben.



Kommentar von AUTO BILD-Redakteur Michael Specht Gut, da Mercedes-Benz die M-Klasse in der Basis von Gewicht und Technik befreit und auf die Kriechgnge verzichtet hat. Moderne SUV verbringen ihr Leben sowieso auf Asphalt, haben hchstens etwas Sand im Profil, wenn's zum Biobauern geht. Gut auch, da der antike Leiterrahmen verbannt wurde. Er hat heute nur noch was unter Lastwagen zu suchen. Gewnscht htte ich mir bei der neuen M-Klasse lediglich etwas mehr Handlichkeit. Und ein hochwertiges Grillgitter aus Alu.

Autor: Michael Specht

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