Fahrbericht Morgan Plus 4

Morgan Plus 4 Morgan Plus 4

Fahrbericht Morgan Plus 4

— 24.08.2005

Der letzte seiner Art

Jeden Morgen beginnt an jedem Morgan die Handarbeit, seit fast 100 Jahren. Unterm Blech aber wird es modern. Ford sorgt für zeitgemäßen Antrieb.

Lieber frieren, als mit Windschott fahren

Windschott, Sitzheizung, elektrisch versenkbares Verdeck oder Hardtop, dazu Kopfstützen, die einem warme Luft in den Nacken pusten. Was will das moderne Cabriofahrerherz mehr? Die rare Spezies puristisch veranlagter Roadster-Fahrer kann da nur mit dem Kopf schütteln. Jene neuzeitlichen Komfortextras sind ihnen ein Greuel. Motto: Lieber frieren und den Kragen der Lederjacke hochklappen, als so ein peinliches Windschott im Wagen spazierenzufahren.

Doch die Suche nach den passenden Gefährten gestaltet sich immer schwieriger. Reine Roadster sind vom Aussterben bedroht. Fündig aber wird man noch – wie könnte es anders sein – in England bei der Firma Morgan. Das Familienunternehmen in Malvern Link, unweit der Soßenstadt Worcester, baut wie seit Jahrzehnten klassische Karosserien (Aluminium) über Holzgerippe aus Esche. Armaturenbretter verdienen ihren Namen noch, Leder im Innenraum ist so selbstverständlich wie ein Hut auf dem Kopf der Queen.

Feines Handwerk hat bei Morgan große Tradition. Daher nennen sich die Männer auch stolz "Coachbuilders and Motor Engineers". Jüngster Sproß und gleichzeitig Einstiegsmodell der Morgan-Modelle ist der "Plus 4", gewissermaßen der kleine Bruder des "Roadsters", der wiederum Nachfolger des schon legendären "Plus 8" ist. Roadster und Plus 4 sehen für den Laien so gut wie identisch aus. Der Fachmann erkennt den Unterschied an der etwas breiteren Front.

Das Zauberwort heißt Gewicht

Unter der Haube ist jedoch alles anders. Während den Roadster ein Dreiliter-V6 mit 231 PS antreibt, arbeitet unter dem Plus 4 ein Zweiliter-Vierzylinder mit 145 PS. Beide Motoren stammen von Ford. Mit dieser Leistung ist der Zweisitzer zumindest nicht untermotorisiert. Das Zauberwort heißt Gewicht. Der Plus 4 wiegt nur gut 880 Kilo, damit rund 300 Kilo weniger als beispielsweise ein Golf. Somit hängt der Morgan gefühlsmäßig gut am Gas. Die fünf Gänge lassen sich leicht und sauber durchschalten. Doch trotz aller Leichtigkeit, der Plus 4 ist kein Roadster zum Rasen.

Mein Lieblingstempo pendelte sich zwischen 80 und 100 km/h ein, ideal also für die gemütliche Überlandfahrt. Der Weg ist eben das Ziel. Was auch physikalische Ursachen hat. Dem ungestümen Vorwärtsdrang setzt schnell der Fahrtwind ein Ende. Ohne die seitlichen Steckscheiben zieht es mächtig im Innenraum, die Verwirbelungen reichen, bedingt durch die tiefen Türausschnitte, runter bis zur Hüfte. Wer den Morgan fahren will, sollte selbst ein bißchen von gestern sein, zumindest automobil betrachtet. Er darf nicht erwarten – obwohl es ein neu produziertes Auto ist –, damit auch in einem modernen Wagen zu sitzen, und keinesfalls denken, jetzt geht's so locker ums Eck wie mit einem Mazda MX-5.

Das Fahrwerk ist von antiquierter Bauart, zwar nicht mehr so bretthart wie einst, Stöße kommen dennoch recht ungefiltert durch. Auch die Lenkung weckt längst vergessene Kräfte, was besonders fürs Rangieren gilt. Hydraulische Unterstützung? Doch bitte schön nicht in einem Morgan. Ich persönlich hätte gern noch eine Idee tiefer im Plus 4 gesessen. Die montierten Sportledersitze (3130 Euro Aufpreis) waren ein paar Zentimeter zu hoch. Importeur Lutz Leberfinger (Telefon 040/ 670 30 20, Internet: www.morganpark.de) arbeitet aber bereits an einer niedrigeren Lösung.

Technische Daten, Fahrleistungen, Preis

Käufer sollten ohnehin wissen, daß ein Morgan niemals ein Auto von der Stange ist. Der nostalgische Roadster schreit förmlich nach Individualisierung. Egal ob Edelstahlstoßstangen (590 Euro) oder für 1500 Euro vier schöne Chromspeichenräder, (fast) alles ist möglich. Man kann sogar wählen, ob die Tür außen einen Griff haben soll. Richtig britisch allerdings wird der Plus 4 erst mit dem traditionellen Holzarmaturenbrett, wie es in der Bildergalerie beim Modell Roadster zu sehen ist.

Zur Zeit entwickeln Leberfingers Leute auch für den Plus 4 einen passenden Nachrüstsatz. Eile wäre auch bei der Verdeckprozedur fehl am Platze. Klar, für die kurze Fahrt zum Bäcker läßt sich das Verdeck an zwei Riegeln lösen und einfach nach hinten werfen. Wer aber die Persenning ordentlich montieren möchte, sollte schon einige Minuten Fummelarbeit investieren. Schneller und besser geht das übrigens, wenn die Beifahrerin mithilft.

Vielleicht kann sie auch etwas beim Sparen helfen. Der Grundpreis des Plus 4 beträgt immerhin 43.600 Euro, der Testwagen (Sonderlack Battelship-Grau, Leder, Sportsitze, Speichenräder, Edelstahlteile) kommt auf 51.533 Euro (Lieferzeit: zwei bis drei Monate). Dafür aber zählt der Morgan zu den wohl wertstabilsten Automobilen überhaupt. Leberfingers eigener Plus 8 ist mittlerweile 27 Jahre alt. Kunden haben ihm schon den damaligen D-Mark-Neupreis geboten – in Euro natürlich.

Technische Daten: Reihen-Vierzylinder • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 1999 cm³ • 106 kW (145 PS) bei 6000/min • maximales Drehmoment 187 Nm bei 4500/min • Hinterradantrieb • Fünfganggetriebe • Einzelradaufhängung vorn, Blattfeder an Starrachse hinten • Scheiben-/Trommelbremsen • Tank 55 l • Länge/Breite/Höhe 4,10/1,64/1,22 m • Reifen 195/60 R 15 • Gewicht 880 kg • 0–100 km/h: 7,3 Sekunden • Spitze: 192 km/h • Verbrauchsmix: 7,3 Liter, schadstoffarm nach EU 4 • Preis: 43.600 Euro

Autor: Michael Specht

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