Fahrbericht Renault Scénic II

Fahrbericht Renault Scénic II Fahrbericht Renault Scénic II

Fahrbericht Renault Scénic II

— 19.06.2003

Moderner Wohn-Wagen

Der Scénic hat eine ganze Klasse erfunden: Autos zum Leben. Jetzt folgt Scénic II. Ein Kompakt-Van, in den man am liebsten einziehen möchte. AUTO BILD hat schon mal Probe gewohnt.

Vorsprung durch Fantasie

Das hat im Scénic gerade noch gefehlt: ein gewölbter Innenspiegel im Dachhimmel, so, wie er bei Aldi überm Sektregal hängt. Damit der Fahrer ständig im Blick hat, was die Kleinen hinten anstellen. Na, klasse: Anfangs spielte das französische Raumauto die Wohnung auf Rädern, jetzt auch noch den Supermarkt.

Irgendwie typisch. Der Renault war schon immer eine Kiste voller praktischer Ideen. Die beste war das Auto selbst: ein Van in der Golf-Klasse. Eigentlich logisch, aber als 1996 der erste Scénic erschien, hatte die gesamte Konkurrenz den neuen Trend verpennt. Ein Verwandlungsauto zum Pauschaltarif – darauf hatten Familien, Freizeit-Freaks und rückengeschädigte Senioren nur gewartet. Renault verkaufte wie blöde, erst drei Jahre später kam der Opel Zafira. Im Juni, kurz nach dem überfälligen VW Touran, startet schon die zweite Scénic-Generation. So etwas nennt man wohl Vorsprung durch Fantasie.

Die regiert dann auch beim Scénic II. Wer glaubt, Vans müssen wie langweilige Brot-Kästen aussehen, erlebt die Kunst der Kanten: Vorn wölbt sich der neue Marken-Schnäuzer, hinten ein sanfter Entenschwanz, das Ganze deutlich gefälliger als beim Mégane. Der Van wuchs um 90 Millimeter in die Breite und steht jetzt kräftig, fast schon sportlich auf den Rädern. Dagegen wirkt der Touran wie ein zu Blech erstarrtes Gähnen.

Probewohnen statt Probefahren

Aber Raumautos werden nicht für ihr Design geliebt, sondern für ihre inneren Werte; wichtiger als Probefahren ist also Probewohnen. Und auch das beeindruckt: Die Kunststoffe sind weich, die Kanten gepolstert, die Türgriffe matt. "Wir haben uns die Deutschen als Vorbild genommen", verrät Renault-Technik-Vorstand Alain de Smedt.

Teutonischer Pragmatismus hat auch die Macken kuriert, die am ersten Scénic immer störten: Das Lenkrad stand flach wie im Lastwagen, die Sitze waren flauschige Kinderstühle. Alles passé. Hinterm längs und höhenverstellbaren Steuer findet nun jeder eine passende Position, die Polster sind nicht länger haltlose Wolken. Hinten sitzt man erwachsener, wenngleich bei Langen noch immer die kurze Lehne ins Kreuz drückt.

Fürstlich ausstrecken klappt erst, wenn der Scénic zum Viersitzer umgebaut ist: Mittlerer Rücksitz raus, beide Außensitze nach innen und zehn Zentimeter zurücksetzen – aahhh.

Beim Beladen drohen Beulen

Damit stecken wir mittendrin im liebsten Van-Vergnügen: dem großen Stühlerücken. Ob man die Sitze nun faltet, umlegt, hochstellt oder ausbaut – hat man sich erst an die kleinen Hebelchen gewöhnt, klappt alles so, wie es heute sein soll.

Die Konkurrenz hat bei der Evolution der Gattung Van nämlich ganze Arbeit geleistet. Seit dem ersten Scénic hat sich glasklar herauskristallisiert, wie fünf Quadratmeter Wohnfläche am besten einzurichten sind. Eine bahnbrechende Neuheit? Fehlanzeige.

Der neue Scénic kann seinen Gegnern nichts mehr vormachen, sondern nur alle ihre kleinen Fortschrittchen bündeln: die Hutablage, die in zwei verschiedenen Höhen einklickt (wie im PT Cruiser), die längs verschiebbare Rückbank (vom Zafira) oder die vordere Sitzlehne, die sich zum Tablett faltet (wie im Fiat Multipla). Umso ärgerlicher, dass die Heckklappe nicht hoch genug aufschwenkt: Ab 1,80 Meter Größe drohen beim Einladen Beulen.

Längs verschiebbare Mittelkonsole

Drinnen zeigt der Renault, dass die Ingenieure viel vom Fach verstehen: Da gibt es vier Fächer im Fußboden, zwei im Cockpit, in den Türen, unter den Sitzen (ab Confort), ein Brillenfach, ein doppelstöckiges Handschuhfach und als Neuheit (300 Euro extra) eine längs verschiebbare Mittelkonsole – macht insgesamt 91 Liter Ablagen. Solche Vans erziehen uns zu den Typen, die alles sammeln, bis der Arzt kommt.

Bringen wir nun die rollende Wohnung in Fahrt. Zum Verkaufsstart sind fünf Motoren zu bekommen, drei Benziner (98 bis 135 PS) und zwei Diesel (82 und 120 PS). Den besten Eindruck machte der große Selbstzünder: ein stiller Riese mit mächtigen 300 Newtonmeter Drehmoment, der selbst bei Kind-und-Kegel-Beladung noch genug Schmalz hat und dank Common-Rail-Einspritzung nur noch ganz entfernt knurrt. Schön zu hören, dass von 100 Kilo Mehrgewicht einiges in die Geräuschdämmung floss, der neue Scénic ist spürbar leiser als der alte.

Der kleine Benziner ist nur etwas für Sparer, der mittlere okay, der große fast sportlich. Das Fahrwerk, mit serienmäßigem ESP und weitgehend vom Mégane übernommen, dürfte problemlos auch die 165 PS der Sportversion verkraften, die 2004 folgt. Doch solch ein ICE-Scénic hat Besseres verdient als das wurstigträge Gefühl der elektrischen Servolenkung – wir bitten um möglichst schnelles Update. Denn hinterm Steuer wirkt der Renault viel passiver und müder als der fahraktive Touran. Sportgeist wohnt nur im VW.

Preise und Technische Daten

Lehnen wir uns also zurück, genießen die französisch-entspannte Federung und trainieren für die höchste Einstiegsschwelle: die Preisliste. Der Käufer steht vor 41 (!) Versionen, die sich aufteilen in drei Ausstattungs-Niveaus, vier Designlinien, fünf Motoren, dazu unzählige Extras, Zubehör und Räder. Wer da durchblickt, ist Lehrer oder übernimmt für Freunde auch schon mal die Steuererklärung. Einen Van "à la carte" verspricht Renault. Wenn sich Kunden und Händler daran mal nicht verschlucken ...

Kleiner Speisetipp: Die meisten Käufer wählen "Confort" mit der unverzichtbaren Klimaanlage – wer will schon in seinem hübschen Glashaus kochen? Ab nächstes Jahr wird der Scénic selbst zur Modell-Familie wachsen: Dann kommt der Grand Scénic mit sieben Plätzen, einer versenkbaren dritten Sitzreihe wie im Zafira und der spannenden Frage: Welches Apartment hätten Sie denn gern?

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.