Fahrbericht Rinspeed zaZen

Rinspeed zaZen Rinspeed zaZen

Fahrbericht Rinspeed zaZen

— 20.02.2006

Es werde Licht

Der Rinspeed zaZen soll auf dem Genfer Salon mit alten Traditionen brechen. AUTO BILD SPORTSCARS durfte die Lichtgestalt mit dem transparenten Kombiheck schon vorher fahren.

Schluß mit bösem Blick und schwarzer Seele

Schluß, aus, vorbei! Autodesigner Frank Rinderknecht mag keine Sportwagen mehr sehen, die finster sind wie Bergepanzer. Er will Schluß machen mit Frontscheiben im Schießscharten-Look, mit bösem Blick und schwarzen Rückleuchten. Jetzt bringt er den Rinspeed zaZen, eine Lichtgestalt mit Porsche-Technik. Den ersten Sportwagen, der den Fahrer und seine Umgebung in Frieden lassen soll.

Baumeister Rinderknecht sagt: "ZaZen bedeutet 'im Sitzen meditieren'. Zen ist der buddhistischen Lehre entliehen und eine besondere Form von Erkenntnis. Zu ihr soll nur gelangen können, wer bereit ist, vorgeprägte Vorstellungen zu verlassen. Wie ein Kind, das ein Auto auf ein Blatt Papier malt und beim Zeichnen seine Umgebung völlig vergißt. Mit dem zaZen betreten wir Neuland, was die Ausstrahlung eines Autos betrifft." Stimmt. Obwohl der Rinspeed zaZen auf dem Porsche Carrera S Cabrio basiert, hat er bis auf die Plattform und den Sechszylinder nichts mehr mit einem 997er gemein. Die Karosserie besitzt zwar Ähnlichkeit mit den bekannten Porsche-Formen, doch der Gesamteindruck wirkt deutlich weniger aggressiv.

Filigrane Kanten und die Scheinwerfer des Ferrari Scaglietti verleihen der Rinspeed-Nase eine futuristische Optik. Das lange Fließheck und der Heckabschluß erinnern an die klassischen Boattail-Hecks der Amis. Eine Mischung aus Tropfenwagen und Kombi. Nachfolgende Autos werden vom zaZen erst einmal irritiert. Die vier weißen Rückleuchten und das verglaste Heck wirken von weitem wie ein Vorderwagen. Wer hinter dem zaZen fährt, befürchtet zunächst, daß ihm ein Geisterfahrer entgegenkommt. Erst wenn das Licht eingeschaltet wird, glimmen die LED-Rückleuchten in Rot.

Ein Fahrgefühl wie im offenen Vollcabrio

Die sündhaft teure Lackierung stammt vom österreichischen Kristall-Multi Swarovski. Eine Weltpremiere: Das glitzernde Weiß besteht aus Millionen von gemahlenen Glaskristallen. Der Effekt ist gigantisch: Bei strahlendem Sonnenschein blitzt und glänzt die Oberfläche wie frischer Pulverschnee in den Alpen. Doch das auffälligste Merkmal des zaZen bildet die riesige transparente Dachkuppel aus Makrolon. Der Bayer-Kunststoff wird normalerweise für CDs verwandt und ist besonders bruchfest. Makrolon soll sogar härter sein als bestimmte Stahl-Legierungen und ist als Material für Autodächer bereits ganz offiziell zugelassen.

Doch von außen ist das Kunststoffdach nur annähernd so spannend wie von innen. Wer einsteigt, denkt, er säße in einem geöffneten Vollcabrio. Makrolon ist derart klar, daß man es schon nach Sekunden optisch nicht mehr wahrnimmt. Es scheint, als reichte die Kopffreiheit im zaZen bis zur Stratosphäre. Der Innenraum erstrahlt in Dalai-Lama-Orange. Völlig verrückt sind die neuen Recaro-Sitze aus Techno-Gel. Sie sind durchsichtig und lassen den Innenraum luftig leicht erscheinen. Je nach Wahl des Gels fällt die Sitzprobe härter oder weicher aus.

Das Gel verfügt über einen sogenannten Memory-Effekt: Setzt sich der Fahrer auf die Polster, paßt sich das Gel perfekt den menschlichen Konturen an. Steigt der Pilot wieder aus, fließt das Silikon in seine ursprüngliche Form zurück. Die Sitze fühlen sich beim ersten Versuch etwas kalt an. Auch ist nicht ganz klar, wie gut die Gel-Sessel atmen können, um Körperschweiß zu absorbieren. Eines steht aber jetzt schon fest: Diese völlig neue Art zu sitzen weckt Begehrlichkeit. Und zwar nicht nur um der tollen Optik Willen.

Innenraum kommt ohne Schnickschnack aus

Beim Interieur hat Rinderknecht bewußt auf störende Ausstattung verzichtet: Es gibt keine Türtaschen, keinen Innenspiegel, keine Sonnenblenden. Nur Edelhölzer von Plantagen und von Hand gegerbtes Leder sollen der Seele schmeicheln. zaZen, das Geisterauto. Das trifft solange zu, bis ich den 350 PS starken Boxer im Heck starten darf. Rumms! Mit einem Schlag, der sich verdammt nach ausgeräumter Auspuffanlage anhört, meldet sich der Sechszylinder grimmig zum Dienst.

Wer eben noch still meditiert hat, ist spätestens jetzt zurück im wahren Leben. Ich schaue Frank Rinderknecht an. Wie war das noch mit dem friedlichen Auto? Rinderknecht gibt kleinlaut zu: "Manche Kunden mögen so was. Das ist der Auspuff, den wir optional für Exportversionen anbieten. Wir können natürlich auch anders." Ach so. Die Fahrleistungen sind über jeden Zweifel erhaben: In nur 4,8 Sekunden kann der 3,8-Liter den mobilen Meditationsraum von null auf Tempo 100 katapultieren. Erst bei 293 km/h macht die Einspritzanlage den Hahn zu.

Wie von Porsche gewöhnt, lassen sich die Gänge sauber und präzise einlegen. Kupplung schnalzen lassen. Dann geht's los. Mit irrem Knattern setzt sich der zaZen vehement in Bewegung. Noch sind keine Dichtungen am Dach installiert: Es ächzt, klappert und knarrt an allen Ecken und Enden. Bis zum Genfer Auto Salon (28. Februar) will Frank Rinderknecht die Gummileisten noch nachliefern.

Technische Daten und Fahrleistungen

Das Fahrgefühl im transparenten Porsche ist einfach genial. Du fährst mit Tempo 80 über die Landstraße. Siehst die Vögel über dein Auto fliegen und spürst die Sonne auf der Nase. Trotzdem weht kein Hauch von Wind ins Cockpit. Es ist im Auto so leise wie in einem geschlossenen Coupé. Nur eben viel, viel heller. Damit der Fahrer im Sommer nicht zur Gewächshaus-Tomate heranreift, arbeitet Bayer bereits an einer intelligenten Oberfläche, die die Lichtkuppel auf Knopfdruck elektrisch verdunkelt. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Sehr realitätsnah ist hingegen das stramme KW-Sportfahrwerk. Damit der zaZen möglichst tief über dem Asphalt kauert, wurde die härteste Tieferlegungsstufe gewählt. Vergessen wir nicht: Der zaZen ist mit 1,28 Metern so flach wie ein Kinder-Kettcar. ZaZen heißt eben nicht nur Meditation, sondern auch: "Wer schön sein will, muß leiden." Ein ganz kleines bißchen zumindest. Viele Innovationen des mystischen Stars von Genf sind schon jetzt deutlich mehr als eine Vision: Wenn das Makrolon-Dach wirklich serienreif als Hardtop kommt, wird es ein Renner. Genau wie der Swarovski-Lack oder die Techno-Gel-Sitze.

Kein Wunder, daß Frank Rinderknecht bereits über Stückzahlen nachdenkt: "Wir haben mit dem zaZen keine abgehobene Utopie auf die Räder gestellt, sondern eine sehr realistische, machbare Studie. Wenn man wollte, könnte man in sehr kurzer Zeit eine Kleinstserie produzieren." Zwei bis fünf Exemplare wären realistisch. Wir wünschen uns allerdings kein Kuppeldach, sondern einen Spider mit Softtop. Das wäre doch mal ein freundlicher Zug.

Technische Daten: Sechszylinder Boxer, hinten längs • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 3824 cm³ • Leistung 261 kW (350 PS) bei 6600/min • max. Drehmoment 400 Nm bei 4600/min • Hinterradantrieb • manuelles Sechsganggetriebe • Einzelradaufhängung, Stabilisator vorn, Mehrlenkerachse mit Stabilisator hinten • Gewindefahrwerk • rundum belüftete Scheibenbremsen • Reifen vorn 245/30 ZR20, hinten 305/25 ZR 20 • Länge/Breite/Höhe 4477/ 1910/1289 mm • Radstand 2350 mm • Leergewicht 1495 kg • Tankinhalt 70 l • Beschleunigung 0–100 km/h in zirka 4,8 s • Höchstgeschwindigkeit ca. 293 km/h

Autor: Oliver Lauter

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