Fahrbericht Rolls-Royce Ghost

Fahrbericht Rolls-Royce Ghost

— 22.12.2009

Rolls-Royce' kleiner Auto-Adel

Eine neue Ära: Im Vergleich zu den abgehobenen Rolls-Royce-Modellen, wie wir sie kennen, ist der Ghost fast schon ein normales Auto. Nur eben besser, schneller, edler. Und viel teurer natürlich.

"Weniger ist mehr", sagt Ian Cameron. Das ist nicht gerade originell. Aber wenn der Satz aus dem Mund eines Rolls-Royce-Designers kommt, dann stutzt der Zuhörer. Weniger ist mehr? Bei einem 253.470-Euro-Gefährt? "Sure", bekräftigt der Engländer, "als die ersten Entwürfe fertig waren, haben wir uns erst mal überlegt, was alles weg kann." Die Eleganz eines Rolls-Royce, so Cameron, ist schlicht. Gelungen, würde ich sagen. Der etwas kleinere Royce (Markenkenner benutzen niemals die Kurzform "Rolls") besticht durch seine Proportionen – keine Schnörkel, keine Sicken, kein Schnickschnack, aber von erhabener Gestalt. Gleichwohl untertreibt er: Kaum zu glauben, dass der Ghost knapp 20 Zentimeter länger und sieben höher ist als ein 760 Li.

Überblick: alle News und Tests zum Rolls-Royce Ghost

Rund 20 Prozent seiner Technik stammen von diesem BMW-Flaggschiff, doch der Ghost trägt dicker auf – mehr Radstand (3,3 Meter), mehr Hubraum (6,6 Liter) und PS (570). Sicher, sein Stallgefährte, der 5,84 Meter lange Phantom, stellt ihn in den Schatten. Doch klein ist der kleine Bruder keineswegs. "Weniger formell", beschreibt ihn Designer Cameron. Aber ist der Ghost noch ein echter Rolls-Royce? Zur Klärung begeben wir uns zunächst in den Fond. Die Türen öffnen wie beim Phantom nach hinten – das macht den Vorgang nicht leichter, aber feierlicher als bei einem herkömmlichen Viertürer. Die Portale sind freilich weniger üppig bemessen, und die schwellenden Polster, auf die wir fallen, liegen eine Etage tiefer als im Phantom. "Luxuriös, aber diskret, unaufdringlich", kommentiert Cameron den Einrichtungsstil. Und gemütlich – die Lehne der rückwärtigen Chaiselongues reicht bis in die Seitenwand und lädt zum Räkeln ein. Reichlich Platz, flauschige Lammfellteppiche. Dazu das einschlägige Ambiente: Chrom, feinstes Leder und poliertes Holz, so edel, dass es auf einer Antiquitätenauktion eine Massenohnmacht auslösen würde. Dieser Verwöhnkomfort hat Rolls-Royce-Niveau, keine Frage.

Ein edler Engländer im Härtetest: das Rolls-Royce Phantom Coupé

Eigentlich unglaublich: Das englische Dickschiff ist in 4,9 Sekunden auf 100 km/h.

Da fällt dann auch der Wechsel auf den Pilotenplatz keineswegs leicht. Doch der Ghost soll ein Royce sein, der auch den ambitionierten Fahrer glücklich macht, heißt es. Und das weckt Neugier. Die Vordersitze wirken zierlich, die Verstellmöglichkeiten sind begrenzt – einen Mercedes-S-Klasse-Besitzer dürfte das kaum beeindrucken. Und wer die erhabene Fahrerposition in den Royce-Klassikern kennt, voraus die stolze, von der fliegenden Lady gekrönten Haube, den reißt der Ausblick nicht vom Hocker. Erster Eindruck aus der Chauffeurssicht: weniger aristokratisch, dieser Rolls-Royce , mehr wie eine ganz normale Luxuslimousine. Aber das täuscht: Sobald der Ghost aus der Flasche darf, kann von "normal" nicht mehr die Rede sein. Lautlos zieht er ab, fingerleicht, und für ein Auto dieser Marke ungewohnt präzise lässt er sich dirigieren.

Doch wenn sich der Gasfuß dem Hochflorteppich nähert, spielt der Fahreindruck plötzlich ins Surreale. Denn nun scheint sich der 2,4-Tonnen-Koloss den Gesetzen der Massenträgheit zu entziehen – gespenstische Kräfte pressen mich in den Sessel, vehement saugt sich der Ghost in Richtung Horizont, leise, nur begleitet vom entfernten Rauschen der riesigen Räder. Nicht zu glauben, dass nur wenige Zentimeter entfernt zwölf Zylinder schuften und acht Gänge gewechselt werden. Dazu passt die Luftfederung, die Unvollkommenheiten der Straße mit der Diskretion eines klassisch ausgebildeten Butlers auffängt. Derweil geistert dieses Schlachtschiff so behende wie ein Jetski über die ebenso kurvenreichen Landstraßen Südenglands – kein Stampfen, kein Wanken, einfach nur zielen, und der Dampfer folgt unverzüglich meinen Anweisungen. Ganz ohne Hektik übrigens, Dynamik auf Rolls-Royce-Art eben. Unwirklich, diese Vorstellung – aber was sonst dürfen wir von einem echten Ghost erwarten?

Technische Daten Rolls-Royce Ghost • V12, Biturbo • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 6592 cm³ • Leistung 420 kW (570 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment 780 Nm bei 1500/min • Hinterradantrieb • Achtstufenautomatik • Kofferraum 490 l • Tank 83 l • EU-Mix 13,6 l SP/100 km • 317 g CO2/km • 0–100 km/h 4,9 s • Spitze 250 km/h • Preis: 253.470 Euro.
Wolfgang König

Wolfgang König

Fazit

Er wird seinem Namen gerecht: So wie der Ghost zur Sache geht, hat das gespenstische Züge. Spurtstark wie ein Porsche, sanft wie ein fliegender Teppich, leise wie in einer Bibliothek. Und so dezent wie er auftritt, können nun auch scheue Millionäre zum Rolls-Royce greifen.

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