Fahrbericht Volvo S40

Fahrbericht Volvo S40 Fahrbericht Volvo S40

Fahrbericht Volvo S40

— 10.11.2003

Ein großer Ford-Schritt?

Blechkleid im flotten Familiendesign, darunter die Plattform des Focus II – so will der neue Volvo S40 gegen Audi A4 und BMW Dreier bestehen.

Boss-Anzug statt C&A-Stangenware

Die große Show ist nicht sein Ding. Eher unauffällig rollt der neue S40 über die Straße. Der erste Blick signalisiert klar: Ein Volvo! Aber was für einer? Ein S60? Oder sogar S80? Nein, dafür ist er zu klein. Dennoch ist die Ähnlichkeit erstaunlich. Und natürlich gewollt: Der kleinste Volvo soll bewusst an die Formensprache der größeren Modelle anknüpfen, definiert so seinen Premium-Anspruch. Und das, obwohl unterm attraktiven Blechkleid die Plattform des Ford Focus II steckt.

Doch bevor wir vorschnell die Nase rümpfen: In Focus C-Max und Mazda3 überzeugte die neue Ford-Basis mit sportlicher Agilität, gegenüber dem Vorgänger (Plattform Mitsubishi Carisma) macht der S40 gleich mehrere Fortschritte auf einmal.

Der erste gilt der Optik: Vorn strahlen, in drei Ebenen gestaffelt, Klarglasscheinwerfer, hinten leuchten markante Rücklichter im Stil der größeren Brüder. Kompliment: Die biedere Alltagskluft des Vorgängers hat sich in ein sportliches Outfit verwandelt. Statt C&A-Stangenware trägt der S40 jetzt einen Designeranzug von Boss. Und der passt ihm gut.

Knapp fünf Zentimeter kürzer geraten

Zwar haben Breite und Höhe geringfügig zugenommen, aber in der Gesamtlänge ist er knapp fünf Zentimeter geschrumpft. Bravo, endlich wird ein Auto beim Modellwechsel nicht automatisch länger und bietet trotzdem mehr Platz. Gleichzeitig sind nämlich die Achsen fast acht Zentimeter weiter auseinander gewandert und schaffen mehr Raum für die Insassen. Nur das Kofferraumvolumen büßte gegenüber dem Vorgänger 67 Liter ein, bleibt mit 404 Litern eher überschaubar. Auch stilistisch hat der längere Radstand einen schönen Effekt. Die kurzen Karosserieüberhänge verstärken die dynamische Wirkung der athletisch gezeichneten Blechhaut.

Preislich bewegen sich die Schweden ganz selbstbewusst im Revier von BMW Dreier und Co: Die Fünfzylinder werden ab Anfang 2004 für etwa 26.000 Euro Startpreis zu haben sein. Der kleinste Vierzylinder (100 PS) folgt im Herbst für 20.500 Euro.

Doch dafür sieht der neue S40 auch teuer aus. Bug und Heck machen ihrer maritimen Bedeutung alle Ehre. Besonders von oben ähnelt die Karosserie einem Bootsrumpf: rundes Vorschiff, breites Deck, schmales Hinterteil. Das verströmt Kraft und Eleganz. Nicht nur im Stand, sondern auch in Bewegung wirkt der S40 2.4i dynamisch wie eine Regattayacht.

In 8,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h

Sofort nach dem Startschuss nimmt er mächtig Fahrt auf. Schon bei 2000 Touren entwickelt der kernig klingende Fünfzylinder 200 Newtonmeter Drehmoment und zieht den Fronttriebler kräftig nach vorn. Mit der optionalen Fünfgangautomatik beschleunigt der 170-PS-Quermotor den 1,4-Tonner (rund 50 Kilo schwerer als der Vorgänger) in 8,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h.

Der Automat schaltet ohne starkes Wandlerrucken und passt gut zum Gesamtcharakter des S40. Nur wer es sportlich(er) mag, sollte zur serienmäßigen Handschaltung greifen. Oder gleich zum 220 Turbo-PS starken T5 mit manuellem Sechsganggetriebe. Der 50 PS schwächere Saugmotor dagegen vermittelt geschickt zwischen Sport und Komfort.

Gleiches gilt fürs Fahrwerk: Es ist verbindlich straff, steckt Unebenheiten aber noch sauber weg. Manöver hart am Wind bringen den Viertürer allerdings recht schnell an seine Grenzen; wird es allzu stürmisch, verhindert ESP ungewollte Wenden. Vorher bleibt er sicher in der Spur und schiebt brav über die Vorderräder.

Nichts für Raser, sondern für Ästheten

An die Agilität eines heckangetriebenen Dreier-BMW reicht er nicht ganz heran. Dafür müsste die Lenkung direkter sein. Flott ist er trotzdem, und Spaß macht er auch. Vor allem auf der Autobahn: Bei Reisetempo brummt das 2,4-Liter-Triebwerk kaum hörbar vor sich hin. Auch Abroll- und Windgeräusche lässt die Limousine kaum ins Wageninnere. Ein Auto für die große Fahrt also. Der Langstreckenkomfort jedenfalls ist hervorragend.

Wer allerdings den 170-PS-Motor fordert, findet sich in einem Orkan wieder. Jenseits von 4500 Umdrehungen kreischt der Motor angestrengt auf und orgelt tapfer bis zur Drehzahlgrenze. Souverän klingt das nicht. Bei Überholvorgängen mit Tempo 170 wirkt das Aggregat überfordert. Ganz klar: Der S40 ist nichts für Raser, sondern für Ästheten. Die dürfen sich neben der gelungenen Außenarchitektur auch über ein ansehnliches Interieur freuen.

Mittelkonsole schwebt über den Dingen

Aufgeräumt wie beim Uhrmacher geht es im Innenraum des S40 zu. Nichts scheint überflüssig, alles an seinem Platz. Jede Wette, die bildschöne Mittelkonsole aus dunklem Holz oder Aluminium haben die Volvo-Designer bei B&O geklaut. Wie eine Fernbedienung der dänischen Hi-Fi-Edelfirma schwebt das dünne Bedienfeld über dem Schalthebel und verbindet grazil das Armaturenbrett mit dem Mitteltunnel. Sieht super aus und funktioniert weitgehend intuitiv. Nur die Tasten könnten größer sein. Außerdem dürfte der S40 mehr Ablagen haben. Auch der Lichtschalter und die inneren Alu-Türöffner sind zu mickrig geraten. Kräftige Männerhände werden ihre Probleme damit haben.

Kritik verdienen auch andere S40-Details. So ist der Steckanschluss für das Diagnosegerät wenig geschickt unterm Lenkrad montiert. Hinten beeinträchtigt der sichtbare Endschalldämpfer die schöne Heckansicht, und beim AUTO BILD-Testwagen standen leider schon Wassertropfen in den Spiegel-Blinkern. Ansonsten glänzte der S40 mit solider Verarbeitungsqualität sowie guter Materialanmutung. Und Volvo wäre nicht Volvo, würden die Schweden nicht den Sicherheitsaspekt betonen.

So ist der neue S40 nicht nur mit einem vollen Airbag-Paket, Mehrzonenknautschbereich aus unterschiedlichen Stahlsorten und erhöhtem Fußgängerschutz ausgerüstet, sondern verfügt auch serienmäßig über ein "Intelligent Driver Information System" (IDIS). Die Technologie stammt aus dem Flugzeugbau und ist eine Art elektronische Sekretärin. Sie hilft dem Fahrer, kritische Situationen zu meistern. Beim Überholen oder Bremsen werden Telefonanrufe und Warnmeldungen unterdrückt, um den Fahrer nicht abzulenken. Dazu überwacht das ausschaltbare IDIS-Modul permanent Lenkrad, Gaspedal, Bremsen und Blinker. Ein System wie das ganze Auto: unauffällig, aber wirksam.

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