Fahrbericht VW Race Touareg 2

Race-Touareg im Stadverkehr Serie und Rallye-Fahrzeug Tanken mit dem Race-Touareg

Fahrbericht VW Race Touareg 2

— 19.12.2007

Wüster Stadtverkehr

Asphaltdschungel statt Wüstenweite: AUTO BILD MOTORSPORT testete VWs Dakar-Renner in Hannover auf seine Alltagstauglichkeit. Mit echt überraschenden Ergebnissen.

Die Dame am Autoschalter des amerikanischen Fast-Food-Restaurants traut ihren Augen nicht. "Dafür braucht man einen Lkw-Führerschein, oder?", fragt sie den Fahrer des blauen Ungetüms vor ihrem Fenster. "Nee, eine Rennlizenz", antwortet Dieter Depping grinsend und versucht, irgendwie seine Mahlzeit durch die kleine Schiebeluke in der Kunststoffscheibe des Race-Touareg ins Cockpit zu zirkeln. Dabei wird klar, dass Volkswagens Dakar-Renner für eines mit Sicherheit nicht gebaut wurde, für eine Fahrt zum Drive-in. Möglich ist sie aber. Denn wie alle Rallyeautos besitzt auch der Race-Touareg eine Straßenzulassung. Schließlich wird bei einer Rallye nicht nur auf abgesperrten Wertungsprüfungen, sondern auf den Überführungsetappen auch im normalen Straßenverkehr gefahren. Selbst bei der Rallye Dakar (5. bis 20. Januar 2008) verstecken sich auf den Fahrzeugen irgendwo zwischen Sponsorenaufklebern immer auch Nummernschilder.

Im Sinne der Straßenverkehrszulassungsordnung ist der Race-Touareg dem serienmäßigen VW Touareg R5 TDI gleichgestellt. Was dies in der Praxis bedeutet, hat AUTO BILD MOTORSPORT in Hannover getestet, der Heimat von Volkswagen Motorsport. VW-Sportchef Kris Nissen stellte dazu Werkspilot Dieter Depping zur Verfügung. Der dreimalige Deutsche Rallyemeister und sein Beifahrer Timo Gottschalk sind mit genau der unerschütterlichen Gelassenheit gesegnet, die man für eine derart ungewöhnliche Tour braucht. "Ich bin selber mal gespannt, wie das funktioniert", gab Depping vor der Abfahrt von der VW-Motorsport-Zentrale die Parole aus. Gemütlich haben es der Pilot und sein Beifahrer dabei nicht.

In Breite und Höhe sind Rallye- und Serienvariante nahezu identisch

Der Race Touareg ist nicht unbedingt für die Fahrt zum Drive-in gebaut, wirkt aber größer als er tatsächlich ist.

Unter der massigen Mittelkonsole zwischen den Schalensitzen steckt der aus Gründen optimaler Gewichtsverteilung weit hinter die Vorderachse gerückte Motor. Über dem – im Wettbewerb mit einem Helm geschützten – Kopf bleibt bedrängend wenig Platz. Um dem Fahrer das Aussteigen etwas zu erleichtern, ist das Lenkrad abnehmbar. Doch das wird jetzt gebraucht. Bei unserer Fahrt zum Drive-in-Schalter. Abgesehen vom für einen ordentlichen amerikanischen Snack viel zu kleinen Schiebefenster – Dakar-Prototypen haben aus Gewichtsgründen keine Fensterheber – sorgt beim ersten Punkt auf der Testliste lediglich die winklige Ausfahrt für leichte Probleme. "So enge Kurven gibt's halt in der Sahara nicht", begründet Depping den Kreuzfahrtschiff-ähnlichen Wendekreis des Race-Touareg. Bei den Maßen und ihrer daraus resultierenden Frage nach dem Lkw-Führerschein hat sich die Dame an der Essensausgabe aber von der Kriegsbemalung des Dakar-Renners blenden lassen. In Breite und Höhe sind Rallye- und Serienvariante des Touareg nahezu identisch.

Legt man das Maßband nicht an der Karosserie, sondern an den Außenspiegeln an, ist der zivile Touareg (2207 mm von Spiegelaußenkante zu Spiegelaußenkante) sogar breiter als die Wüsten-Version (Karosseriebreite vom Reglement auf 2000 mm begrenzt, winzige Spiegel). Außerdem ist Deppings Arbeitsgerät knappe 60 Zentimeter kürzer und fast 400 Kilogramm leichter als der Touareg für jedermann. Das liegt daran, dass der Race-Touareg technisch so gut wie nichts mit dem Straßenpendant gemein hat. Neben einigen vom Reglement vorgegebenen Motorkomponenten (z.B. Block) stammen nur noch ein paar Kleinteile wie die Scheibenwischer und VW-Markenlogos an Front und Heck aus dem Regal mit den Serienteilen.

Die komplette Karosserie ist aus einem Kohlefaser-Kevlar-Verbundwerkstoff gefertigt. Das Rückgrat des Race-Touareg bildet ein sogenannter Gitterrohrrahmen aus Stahl, an dem Motor, Getriebe, Fahrwerk und das Cockpit aufgehängt sind. Der Motor stammt in der Basis vom 2,5-Liter-Turbodiesel des Touareg R5 TDI ab. Ein geänderter Zylinderkopf und eine raffinierte Doppelaufladung mit zwei im Teamwork arbeitenden Turboladern sorgen für den Punch, den man in den Dünenfeldern der Sahara braucht. Allerdings sieht das Reglement einen Luftmengenbegrenzer (Air Restrictor) im Ansaugtrakt vor, im Falle des Race-Touareg eine nur 38 Millimeter dünne Röhre. Diese Kastration sorgt für eine vergleichsweise bescheidene Leistung von etwa 280 PS.

Ein echtes Problem: rückwärts einparken im Berufsverkehr

Hier sitzt die Power: Das Triebwerk des Touareg ist hinter einem Rohrrahmen gut geschützt.

Mehr als 600 Nm maximales Drehmoment deuten schon eher das Potenzial des Fünfzylinders an. "Wenn man bedenkt, dass wir am Start einer Prüfung, also mit zwei Fahrern an Bord und vollem Tank, fast 2,5 Tonnen auf die Waage bringen, sind 280 PS wirklich nicht viel", stöhnt Depping. Dass wir beim Ampelstart in der Innenstadt von Hannover dennoch keinen Gegner zu fürchten brauchen, liegt am extrem niedrig übersetzten ersten Gang. "Den braucht man zum Wühlen im tiefen Sand", erklärt Depping. Dank des sequenziellen Getriebes gibt es zudem quasi keine Pausen zwischen den Gangwechseln. Dabei erregt der bullige Race-Touareg bei den Passanten mehr Aufsehen durch seine Lackierung und die grobstolligen Geländereifen als durch seinen Sound. Das Motorengeräusch wird sowieso überlagert vom Turbolader. Der heult wie eine Flugzeugturbine. Auch Profipilot Depping bringt die nächste Übung gehörig ins Schwitzen: rückwärts einparken im Berufsverkehr vor dem Hauptbahnhof. Die Sicht nach hinten ist gleich null, direkt hinter den Sitzen für Fahrer und Beifahrer endet das Cockpit in einer schwarzen Kohlefaser-Schottwand. Auf einen Innenspiegel konnte Konstrukteur Eduard Weidl getrost verzichten. Außenspiegel sind zwar vorhanden, aber winzig. Müssen Rallyepiloten rückwärts fahren – zum Beispiel beim Verlassen des Serviceplatzes – werden sie von einem Mechaniker mit Handzeichen dirigiert.

Nur Tanken ist in der Stadt eine leichte Übung für den Racer

Tanken: Alles kein Problem für das Wüstenschiff mit Straßenzulassung.

Auf dem Rückweg aus der Innenstadt in die Ikarusallee, dem Sitz von Volkswagen Motorsport am Stadtrand von Hannover, legen wir für den letzten Teil des Alltagstests an einer Tankstelle einen Boxenstopp ein. "Das wird die leichteste Übung", ist Depping überzeugt. Tatsächlich begnügt sich der Renn-Fünfzylinder des Race-Touareg mit handelsüblichem Diesel. Allerdings fasst der Tank mehr als die 100 Liter, die sich der Serien-Touareg reinzieht. Wie viel genau, bleibt ein Geheimnis. Schließlich soll den Gegnern von VW, besonders den ebenfalls auf Turbodiesel-Technologie setzenden, keine Chance gegeben werden, Rückschlüsse auf den Verbrauch zu ziehen. Laut Dakar-Reglement ist eine Reichweite von mindestens 800 Kilometern vorgeschrieben. Dazu nehmen Benziner rund 400 Liter Kraftstoff mit. Der Tank des Race-Touareg dürfte etwa 250 Liter schlucken. Zumindest dabei gleicht der Wüsten-VW dann doch einem Lkw. Mit einem VW Race-Touareg durch die Stadt? Nein, danke, da habe ich gern verzichtet. Der Race-Touareg ist dazu gebaut, schnell durch die Sahara zu fahren. Übersichtlichkeit ist da nicht gefragt. Mit zwei Metern Breite, Mini-Außenspiegeln und null Sicht nach hinten ist Berufsverkehr die Hölle. Ich glaube nicht, dass ein Selbstversuch ohne Unfall abgelaufen wäre. Und was die Passanten dachten, die uns so merkwürdig anstarrten, will ich gar nicht wissen.

Autor: Christian Schön

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