Fahrbericht Wolga 3110d

Fahrbericht Wolga 3110d Fahrbericht Wolga 3110d

Fahrbericht Wolga 3110d

— 07.12.2004

Wenn die Olga mit dem Wolga ...

... auf Tour geht, sind Überraschungen serienmäßig an Bord. Und es wird Diesel getankt, denn unter der Haube steckt tatsächlich ein Selbstzünder mit Pumpe-Düse-Technik.

Wolga – mehr als ein Auto für Ostalgiker?

Es sieht schon ziemlich seltsam aus, wie Olga da auf ihrem Wagen sitzt. Ein Mädchen mit schwarzen Haaren, Pelzmantel und seligem Lächeln im Gesicht. "Heute ist mein Glückstag", sagt sie. Ihr Glück steht fett und kantig auf der Wiese: Olgas Wolga, der nach sieben Jahren endlich eine deutsche Zulassung bekommen hat. Sogar mit Einstufung in Schadstoffklasse Euro 3.

Eine merkwürdige Beziehungskiste ist das: eine 28jährige Studentin aus Moskau, die auf einen schrulligen Wolga fliegt. Der Wagen bietet ihr keine Sicherheiten (keine Airbags, ein Bremsweg wie ein Laster). Und eine ungewisse Zukunft. Ein bißchen erinnert der Wagen an einen Altrocker. Harte Töne spucken und dabei vergessen, daß man nächstes Jahr in Rente geht. Ein Auto für Ostalgiker, Sammler und Taxifahrer, die sich von der eierschalenfarbenen Mercedes-Masse abheben wollen. Bei Taxen gibt der Hersteller nur sechs Monate Gewährleistung. Viel mehr trauen die Russen ihrem Wolga aufgrund der schrecklichen Verarbeitung nicht zu. Umrüster und EU-Trimmer KLS aus Rheurdt (NRW, Tel. 02845/375 45) am Niederrhein benötigt 26 Stunden, um alle Befestigungsschrauben nagelneuer Import-Wolga nachzuziehen. Eine wirkliche Sch(w)eißarbeit (sorry, aber es kostet echt Nerven!).

Zur TÜV-Umrüstung zählt auch der Einbau des Diesel-Kats samt Onboard-Diagnose (OBD). Ein OBD-Stecker ist Pflicht bei allen Neuwagen. Im Innenraum erinnert der Wagen an Setra-Schulbusse der Siebziger. Die kalte Neonröhre legt kränkliche Blässe auf Olgas zarte Haut, noch bevor die 28jährige den Wagen in Gang gesetzt hat. Immerhin, Raumgefühl und Ellenbogenfreiheit sind herrschaftlich.

Russische Robustheit im Stil der MIR-Station

Das Volk kurbelt bei Hitze die Scheiben, Gewerkschafter bestellen die Klima für 2200 Euro. Wem Olgas Fahrstil zu heiß wird, der hält sich einfach an den riesigen Handschlaufen oberhalb der Fondportale fest. Und ergreift etwas von diesem Gefühl russischer Robustheit. Fast wie einst bei der guten alten MIR-Station im Weltall. Was seit 1997 Millionen Russen bewegt, kann für deutsche Autofahrer nicht schlecht sein, oder?

Olga rückt den Schlüssel raus, wir stecken den Alu-Bart ins Schloß und starten. Es ertönt ein Dieselmotor, der von Steyr für BMW entwickelt wurde. Doch den Bayern war das österreichische Pumpe-Düse-Technik-Aggregat zu laut, so daß der Vierzylinder nie in Großserie ging. Nun nagelt der Direkteinspritzer aus Graz also in der Russen-Limousine und läßt nie, wirklich nie einen Zweifel daran, daß hier Öl verheizt wird. Eine Motorkapselung gibt es nicht.

Schon aus dem Drehzahlkeller schiebt der 2,1-Liter- Motor die Russenbrumme mit Brutalität nach vorn. Auf Landstraßen reichen die 300 Newtonmeter sogar, um im fünften Gang einen Ford Transit zu überholen. 110 PS beschleunigen den Wolga auf 159 km/h. Zumindest steht das in den Papieren. Doch schon bei Tempo 120 scheint das Limit erreicht. Die eckigen Tata-Reifen rumpeln wie alte Kutschenräder.

Wie gut, daß KLS optional 17-Zöller mit deutschen Gummis anbietet. Schlechte Pisten ist der Wolga gewohnt, wurde er doch zwischen Moskau und Murmansk bestimmt nie verwöhnt. Im Kofferraum tanzt das Reserverad, die Zeiger von Tacho und Temperaturanzeige zittern wie Espenlaub. Silicongedämpfte Zeiger gibt es für die 15.000 Euro nicht – warum auch?

Technische Daten

Dafür aber eine quasi Inspektions-Intervallanzeige: Wenn der Luftfilter verstopft ist, leuchtet ein rotes Lämpchen und bettelt beim Maschinisten um Beachtung.

Mittlerweile sind wir auf dem feinen Golfplatz von Rheurdt angekommen. Der Tank ist leer. Und Olga voll. Trunken vor Glück, solch ein russisches Unikum mit deutschem Kennzeichen zu bewegen.

Technische Daten Vier Zylinder • 4 Ventile pro Zylinder • 2134 cm3 Hubraum • 81 kW/110 PS bei 3800/min • max. Drehmoment rund 300 Nm bei zirka 2200/min • Diesel-Kat • Hinterradantrieb • 5-Gang-Schaltgetriebe • Einzelradaufhängung vorn, hinten Starrachse mit Blattfedern• Scheibenbremsen • Räder 195/65/15 • Länge/Breite/Höhe 4880/1810/1450 mm • Radstand 2800 • Kofferraumvolumen 500 Liter • Tankinhalt 55 Liter • Leergewicht 1440 Kilo • Zuladung zirka 500 Kilo • 0–100 km/h in zirka 13 Sekunden • V/max 159 km/h • Preis 15.000 Euro

Historie und Modelle

Hersteller des Wolga ist das Automobilwerk Gorki (GAZ). Das 1932 gegründete Werk heißt noch so, obwohl die Stadt Gorki inzwischen wieder ihren alten Namen Nizhny Novgorod trägt. Produziert werden bis heute recht erfolgreich Lkw, Kleintransporter (aktuelles Modell Gazelle) und Pkw. Zuletzt entstanden jeweils knapp 70.000 Pkw pro Jahr.

Wolga fuhren im gesamten Ostblock stets als Funktionärs-Kutschen, nur wenige kamen in private Hände. Berühmt wurden der seit 1956 produzierte M 21 in wunderbar schwülstigem Ami-Stil und der seit 1971 gebaute eckigere M 24. Jeder Ex-DDR-Bürger kennt beide als Taxi. Der M 24 ist immer noch die Basis für die aktuellen Modelle. Zerschlagen haben sich die Pläne für den in AUTO BILD 26/02 vorgestellten 3111. Die Produktion der nostalgisch anmutenden Limousine ist einfach zu teuer.

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