Fahrerkrise in der Formel 1

Fahrerkrise in der Formel 1 Fahrerkrise in der Formel 1

Fahrerkrise in der Formel 1

— 20.05.2004

Fehl am Platz

Mieser fuhren Schumis Jäger nie. Zehn droht der Rauswurf, sechs sogar noch in diesem Jahr. Der Hoffnungsträger ist nun Jacques Villeneuve.

Schumis Gegner wirken paralysiert

Eine Szene aus Imola macht das ganze Ausmaß der Lage deutlich: Da steckt Schumi einem alten Freund bei einem Abendessen vor dem San-Marino-GP beiläufig: "Im Rennen werde ich bei Halbzeit das halbe Feld überrundet haben." Der Gesprächspartner traute seinen Ohren nicht. Anderntags macht Schumi seine Ankündigung wahr.

Der Grund seiner Dominanz (fünf Rennen, fünf Siege 2004) liegt nicht nur in der Überlegenheit seines Ferrari F 2004 oder seiner eigenen Topform. Tatsächlich wirken die Schumi-Gegner wie paralysiert. Die selbst ernannten Verfolger Juan Pablo Montoya (BMW-Williams) und Fernando Alonso (Renault) scheitern bislang an ihren Gewaltaktionen, Kimi Räikkönen an der McLaren-Mercedes-Technik und der eigenen Frustration. Und Ralf Schumacher (BMW-Williams) wurde zuletzt vom Bruder fast überrundet.

Die Fahrerkrise zieht sich durchs gesamte (Verfolger-)Feld. Von Schumis 19 Kollegen müssen momentan zehn – teils kurzfristig – um ihren Job bangen: Schumi II und Montoya bei BMW-Williams, David Coulthard bei McLaren-Mercedes, Jarno Trulli bei Renault, Toyotas Piloten Olivier Panis und Cristiano da Matta, bei Jordan Nick Heidfeld und Neuling Giorgio Pantano, bei Jaguar Christian Klien und Minardis Zsolt Baumgartner.

Villeneuve-Comeback schon im Juni möglich

Besonders tragisch: die Lage bei BMW. Das Team sprang als Tiger in die Saison und landete als Schoßhund. Offenbar wird nun gehandelt: Der Kanadier Jacques Villeneuve (33) steht vor der Rückkehr zu seinem Ex-Team (damals Williams-Renault), mit dem er zwischen 1996 und 1998 elf Siege einfuhr und 1997 Weltmeister wurde. Williams entfachte die Gerüchte nach einem Treffen mit Villeneuve und der darauf folgenden Ankündigung, 2005 ohne Montoya (wechselt zu McLaren-Mercedes) und Schumi II zu fahren. Nun soll Villeneuve schon ab 2. Juni in Silverstone den FW26 testen. Dort steht er aber auch selbst auf dem Prüfstand.

Und somit wird plötzlich sogar Villeneuves Sofort-Einsatz möglich – anstelle Ralf Schumachers. Dessen Manager Willi Weber droht bereits mit Prozess. "Da müssten sie Ralf schon schlechte Leistungen nachweisen. Das wird schwer vor Gericht." Wirklich?BMW-Williams hat scharfe Munition. Der Nachweis , dass Schumi II im Tempo nachgelassen hat, ist kein Problem: Seit seinem Sieg beim GP Frankreich (Juli 2003) fuhr der derzeit WM-Siebte 17 WM-Punkte ein, Teamkollege Montoya indes 53. So weit das Symptom. Die Ursache liegt in seinem Kopf. Zumindest, wenn man einem hohen Williams-Verantwortlichen glaubt.

Der sagt wörtlich: "Seit dem Testcrash in Monza (Anfang September 2003, Red.) ist Ralf nicht mehr der Alte. Er war 20 Sekunden lang bewusstlos. Thierry Boutsen ist das mal passiert – der brauchte ein Jahr, um sich zu erholen. Nelson Piquet brauchte auch viele, viele Monate."

Schumi II und Toyota – doch kein Vertrag?

Schumi II verabschiedete sich damals auf eigene Verantwortung vorzeitig aus dem Krankenhaus, wurde auf einer Promi-Party in Sylt beim Karaoke gesichtet und spielte bald danach Fußball. Keine 48 Stunden später fuhr er – wieder in Monza – freitags im Training in der ersten Schikane geradeaus. "Er kam zu uns", sagt der Williams-Mann, "und erklärte: ,Ich habe vergessen zu bremsen..." Er bat darum, nicht weiter fahren zu müssen und reiste ab. Bis heute hat er Probleme. Im Qualifying von Barcelona hat er an fünf Stellen zehn bis 15 Meter zu früh gebremst."

Dieser Hammerschlag trifft Schumi II mitten in der heißen Verhandlungsphase um einen Millionen-Vertrag bei Toyota (bis 2007). Die Diagnose aus dem Williams-Team kann die entscheidende, noch ausstehende Unterschrift seitens Toyota verhindern. Zumal Ralf Schumacher bereits seit 1999 für Williams fährt. Jede Kurve, jedes Nachlassen ist dort digital dokumentierbar. Und: Williams könnte sich leicht über seine grundsätzliche Fürsorgepflicht für seine Fahrer aus dem Vertrag winden.

Ralf Schumachers Leistungsabfall (Niki Lauda: "Irgendwas behindert ihn.") wird nun erklärbar: Der Monza-Testcrash war sein erster "Big shunt". Der Überschlag muss ihn am Nerv getroffen haben, denn Unfälle passen nicht in sein Berufsbild. So spricht er risikoverliebten Kollegen wie Villeneuve oder Montoya schlichtweg den Verstand ab.

Vollgas durch Eau-Rouge – nicht mit Ralf

Deren Ehrgeiz, die Eau-Rouge-Kurve von Spa mit Vollgas zu nehmen, hält Schumi II für geistig bedenklich. Und sagte dazu: "Ich bin doch nicht verrückt!" Ein früherer Freund verriet sogar unbekümmert, dass "Ralf schon vorm Achterbahnfahren schaudert". Der Testunfall letzten Spätsommer muss ihm ungeheuer vorgekommen sein, die Folgen auch. "Um einen 20-Sekunden-Blackout zu bewirken", sagt der medizinische Delegierte des Deutschen Motor Sport Bunds, Dr. Klaus-Ulrich Zerbian, "bedarf es eines gewaltigen Anpralls. Der Horror kann sich über Jahre im Kopf festsetzen und den Fahrer blockieren."

Nun ist raus, warum Frank Williams den damals unterschriftsreifen Vertrag immer wieder zurückzog. Und nachvollziehbar, dass die Welt des eher zarten Fahrertypen Ralf Schumacher ins Wanken geraten ist. Warum er vor Saisonstart allen und jedem mutwillig den (Zwei-)Kampf angesagt hat. Und seitdem bei vier seltsamen Kollisionen teils plump aussah – wo er doch früher so selten crashte.

Eine krampfhafte Therapie der Monza-Folgen – mit Fortsetzung bei Toyota? Dort laufen Ende Mai die Optionen auf Cristiano da Matta und Olivier Panis aus. Danach ist womöglich sofort ein Platz frei für Schumi II. Und damit dessen BMW-Williams für Villeneuve. Rechtzeitig zum Kanada-GP (13. Juni ). Das wäre ein Mega-Medien- Coup. "Ich arbeite mit Volldampf daran", sagt F1-Promoter Bernie Ecclestone. Die Vorbereitung läuft längst.

Villeneuve einziges Schumi-Gegenmittel?

Der ohnehin ultra-fitte Villeneuve hat seit seinem F1-Abschied Ende Oktober 2003 beständig weiter trainiert und seit acht Wochen sein Pensum mit Physiotherapeut Erwin Goellner intensiviert: u. a. auf Cockpit-Simulatoren. Und im Kart. Erwin Goellner: "Da Jacques keine Verpflichtungen hatte, war seine Regenerationsphase optimal. Er ist fit wie ein Turnschuh, kann morgen einsteigen und Rennen fahren." Und die Formel 1 von der Michael-Schumacher-Lähmung regelrecht befreien.

Schließlich war Villeneuve neben Mika Häkkinen der einzige, der dem Kerpener (1997) einen eingeplanten Titel entreißen konnte. Dessen Kollegen schaffen das momentan nicht: Montoya verhaute 2004 schon zwei Starts, leistete sich zwei Ausraster abseits der Strecke und tritt schon halb als Mercedes-Pilot auf. Seiner Ehefrau wird er in Monaco medienwirksam ein Spaßmobil der Mercedes-Tochter Smart überreichen. Denkbar, dass er früher als geplant abgeschoben wird.

Alonso hat drei Qualifikationen versemmelt. Räikkönen verzagt, bevor es losgeht: "In Monaco habe ich keine Chance", sagt er. So hätte ein Ayrton Senna nicht mal gedacht. Die Herren brauchen also dringend Unterstützung.

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