Fahrwerktechnik

Fahrwerktechnik

— 01.08.2003

Die S-Klasse der Auto-Uni

Was ist Fortschritt? An der Uni Aachen drfen ihn angehende Ingenieure erfahren: Elchtest mit sechs Generationen S-Klasse.

Auto-Forscher im Feuerwehreinsatz

Der Professor stand mit Sonnenhut und hochgekrempelten Hosenbeinen im seichten Wasser von Fuerteventura, als das Handy klingelte: der Chefentwickler eines groen deutschen Autoherstellers. Man brauche dringend technischen Beistand, keuchte der Mann in den Hrer. Ein Volumenmodell brigens nicht die A-Klasse hatte sich beim Elchtest gefhrlich aufgeschaukelt, drohte gar umzukippen.

"Wenn es brennt, ruft uns die Industrie", sagt Prof. Dr.-Ing. Henning Wallentowitz, Leiter des Instituts fr Kraftfahrwesen (IKA) an der Rheinisch-Westflischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH). "Dann spielen wir Feuerwehr und gehen systematisch auf Fehlersuche." Die Forscher knnen das oft besser als die hauseigenen Ingenieure von Mercedes-Benz, BMW, VW und Co, denen betriebliche Zwnge, interne Reibereien oder Kostendruck im Nacken sitzen.

Seit ber 100 Jahren wird in Aachen am und ums Auto konstruiert. Unter Studenten gilt das IKA als eine der ersten Adressen. Denn auer Feuerwehreinstzen gibt es beste Kontakte zur Industrie sowie wichtige Auftrge. Und eben nicht nur staubtrockene Seminare.

Kraftfahrzeuglabor Forscher im Elchtest

"Automobiltechnik hat viel mit Fhlen und Erfahren zu tun. Theorie ist das eine, Praxis das andere", sagt Wallentowitz und grinst schelmisch wie ein Lausbub. Fr seine Studenten hat er sich deshalb etwas Spezielles ausgedacht: Im Rahmen der Lehrveranstaltung "Kraftfahrzeuglabor II, Geschichte der Fahrwerkentwicklung" werden die angehenden Ingenieure zum Schleuderkurs geschickt.

Genauer gesagt: Sie testen die fahrdynamischen Qualitten alter und neuer Mercedes-Benz beim VDA-Spurwechsel (Elchtest). Der Termin findet einmal im Jahr statt und ist ein beliebter Exkurs zwischen theoretischen Themen wie "Strukturentwurf Kfz" und "Fluidtechnik fr mobile Anwendungen". Driften statt denken diese Aussicht lockt 120 Studierende aufs Testgelnde des Instituts.

Den berblick behlt Andreas van de Sand. Der Diplomingenieur stellt sicher, dass die alten Benz fahrbereit sind und die jungen Leute nicht ber die Strnge schlagen. Warnende Hinweise ("Wer einen Wagen aufs Dach legt, wird exmatrikuliert") sind scherzhaft gemeint, erfolgen aber nicht ohne Grund. "Wir haben viele auslndische Studenten hier, die noch nie solche Autos bewegt haben", erzhlt van de Sand. "Deshalb wollen wir den Elch nur mit 40 bis 50 km/h fahren."

Mit allen Sinnen bei der Sache

Im letzten Jahr erkundigte sich ein Inder doch ernsthaft nach der Position von Gas und Bremse. Seine Fahrlizenz hatte er auf dem Subkontinent vergessen... Auch heute springen mehrmals Motorhauben auf, wenn die Mercedes-Neulinge nach der Entriegelung der Parkbremse suchen. Doch die meisten sind mit allen Sinnen bei der Sache. Wie Paolo Crespiatico.

Der angehende Maschinenbauer aus Varese/Italien inhaliert die einzelnen Modelle frmlich, geniet sie wie ein Gourmet die Weinprobe. Mit viel Fingerspitzengefhl nimmt sich der 23- Jhrige die S-Klassen zur Brust. W111: "Oh, l l! Das 4-Gang- Getriebe hakelt mchtig." W108: "Fhrt und lenkt sich schon deutlich besser." W116:"Unsportlich. Aber schon viel stabiler als der Vorgnger." W126: "Tolle Automatik. Schaltet fast ruckfrei." W140: "Superkomfortabel und leise. Geht als 500er prchtig." W220: Przise Lenkung. Unmglich, Fahrfehler zu machen."

Die AUTO BILD-Testcrew urteilte ganz hnlich. Gut mglich, dass Paolos Leidenschaft ihn seinem Berufsziel nher bringt: Formel-1-Mechaniker bei Ferrari. Einem IKA-Absolventen gelang krzlich der Sprung in die Motorsport-Knigsklasse. Fr Sauber berechnet er nun die Auslegung von Federung, Dmpfung, Sturz. "Trotz unseres Elchtest-Tages kommen praktische Fahrbungen whrend des Studiums noch viel zu kurz", meint Andreas van de Sand. "Toll wre ein Fahrtraining, bei dem die Studenten den Grenzbereich moderner Fahrwerke erkunden knnen. Leider ist das nicht zu bezahlen."

Nostalgie kennt der Professor nur privat

So beschftigen sich die zuknftigen Entwickler zwar mit Fahrwerkkinematik und elektronischen Fahrerassistenzsystemen wie ESP, ASR und Co in der Praxis wirken, er-fahren sie aber nicht zwangslufig. Gegen Abend erscheint der Chef auf dem Testgelnde. Wallentowitz grinst zufrieden. Denn seine Schfchen sind mit Spa bei der Sache. Und seinen Autos wurde mal wieder der Staub aus den Federn geschttelt.

Die vier alten S-Klassen gehren dem Prof. "In der Heckflosse habe ich geheiratet", erzhlt er. "Ich liebe alle diese Wagen. Wegen der Erinnerung, wegen ihrer Technik." Nostalgische Gefhle leistet sich der umtriebige Entwickler aber nur privat: "Das Auto von morgen braucht kein Chrom. Nicht mal einen Fahrer."

101 Jahre Institut fr Kraftfahrwesen Im Jahre 1902 begann an der damaligen Kniglichen Technischen Hochschule zu Aachen als erster Hochschule in Deutschland die Lehre und Forschung zum Automobil. Heute ist das Institut fr Kraftfahrwesen (IKA) an der RWTH Aachen ein wichtiger Entwicklungspartner der Autoindustrie und gilt als Kaderschmiede fr den Ingenieurnachwuchs. Das IKA gliedert sich in sechs Bereiche: Fahrwerk, Karosserie, Antrieb, Elektronik, Akustik, Verkehr. Die technische Ausstattung ist enorm und umfasst unter anderem Crashanlage, Allradprfstand und Psycho-Akustiklabor. IKA-Forscher entwickelten zum Beispiel den F 300 Life-Jet, eine 1997 von Mercedes-Benz prsentierte Dreirad-Studie mit intelligenter Neigetechnik. Weitere Infos unter: www.ika.rwthaachen.de

Testurteile zum W 111/108/116

W 111: Wallentowitz "Auch Eingelenk-Pendelachse genannt. Zum Ausgleich der Radlasten befindet sich eine Feder zwischen den Achshlften. Die Dmpferanlenkpunkte wurden nah an die Rder gelegt." AUTO BILD Wie ein ergrauter Karpfen setzt sich die Ur-S-Klasse gemchlich in Bewegung. Mit ihren groen (Panorama-)Scheiben und dnnen Dachpfosten hat der Fahrer eine hervorragende Rundumsicht. Die ist in der Pylonengasse auch dringend notwendig. Denn schon bei einem Tempo von knapp 60 ist das Fahrwerk vllig berfordert. Das Heck wird extrem weich, und die Lenkung spricht nicht schnell genug an, um beidseitiges Pylonen-Kegeln zu vermeiden.

W 108: Wallentowitz "Konstruktiv fast identisch mit der Heckflosse. Statt Stahl- aber hydropneumatische Ausgleichsfeder in der Achsmitte. Beim Ausfedern des Wagenhecks verndert sich der Radsturz (wird positiv)." AUTO BILD Gleiches Hinterachs-Konzept wie sein Vorgnger, aber dank hydropneumatischer Ausgleichsfeder bessere Hinterachsfhrung. Die Haftgrenze liegt sprbar hher. Dennoch kann der 108er seine Pendelachse natrlich nicht verheimlichen. Im Grenzbereich ist die wuchtige 70er-Jahre-S-Klasse zwar handlicher als die Heckflosse, aber auch ihr Heck stellt sich stark auf, die Rder knicken ein, und der Hintern schmiert frhzeitig weg.

W 116: Wallentowitz "Auch Schrglenkerachse genannt. Aus Strich-Acht und SL-Modellen bernommen. Radfhrung an Schrglenkern hat den Vorteil, dass sich Spur- und Sturzvernderungen reduzieren." AUTO BILD Neue Achskonstruktion, neues Glck: 1,5 km/h schneller als der W108 schafft der 116er den Drift durch die Htchen. Das ist Fortschritt. Aus heutiger Sicht ist der 280 S in kritischen Situationen aber alles andere als souvern. Kommt er an die Haftgrenze, trampelt seine Hinterachse, und der Fahrer hat mit der teigigen Lenkung Mhe, den Wagen in der Spur zu halten. Zum Glck wird das Heck mit Ankndigung leicht und ermglicht frhzeitiges Gegenlenken.

Testurteile zum W 126/140/220

W 126: Wallentowitz "Baugleich mit dem W116. Federung und Gummielemente wurden aber neu abgestimmt. Auerdem sind durch Gewichtsoptimierung je nach Typ zwischen 3,2 und 5,6 Kilo eingespart worden." AUTO BILD Der 500 SE ist bei Fahrversuchen erstaunlich handlich. Die Lenkung arbeitet relativ zielgenau und bietet gengend Rckmeldung. So lsst sich mit viel Lenkarbeit ein ausbrechendes Heck wieder einfangen. Bis zur Haftgrenze vermittelt sein Fahrwerk einen harmonischen Eindruck. Die Karosserie neigt in Wechselkurven zu Wankbewegungen. Dass er den Elchtest fast zwei km/h schneller schafft als sein Vorgnger, spricht fr die gute Abstimmung des W 126.

W 140: Wallentowitz "Auch Integralachse genannt (BMW). Erstmalig bei Mercedes im 190er eingefhrt. Weiterentwickelte Version mit fnf Lenkern zur Radfhrung am Schemel. Hohe Quer- und Verdrehsteifigkeit." AUT BILD In Sachen Fahr- und Abrollkomfort macht dem W 140 so schnell keiner was vor. Die Masse machts. Die wuchtige Karosserie gleitet souvern ber Unebenheiten und Schlaglcher. Hat aber auch Nachteile: Beim blitzartigen Ausweichen reagiert der W 140 trotz moderner Raumlenkerhinterachse trge und unprzise. Die Einfahrgeschwindigkeit ist nicht schneller als beim Vorgnger. Einen Dinosaurier schickt man eben nicht zur Stepp-Aerobic.

W 220: Wallentowitz "Baugleich mit dem W 140. Allerdings geringfgig angehobener Bremsnickausgleich. Hinterachstrger ist aus hochwertigem Aluminium gefertigt und reduziert so das Achsgewicht um 13,5 Kilo." AUTO BILD Das Fahrwerk der aktuellen S-Klasse bietet neben viel Komfort auch ein Hchstma an Sicherheit. Mit eingeschaltetem ESP bleibt der S 500 stur in der Spurgasse. Aber auch ohne die elektronische Fahrhilfe lsst sich der groe Wagen sehr schnell und dennoch harmonisch durch den Ausweichtest manvrieren. Das erledigt er dank sehr gut abgestimmter Alu-Raumlenkerachse rund drei km/h schneller als der W 140. Fortschritt, der voll berzeugt.

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