Fahrzeugpolitik bei VW

Modellpolitik bei VW Modellpolitik bei VW

Fahrzeugpolitik bei VW

— 23.09.2002

"Wir werden die Modell-Palette straffen"

VW-Chef Bernd Pischetsrieder will die Produktion von unprofitablen Fahrzeugtypen einstellen und das Portfolio mit Nischenprodukten abrunden.

Aufschwung im Frühjahr

Auf Halbmast abgerutscht hängt die Europa-Flagge schlaff am Mast vor dem feinen Ritz-Carlton in der Wolfsburger Autostadt. Reiner Zufall, aber doch symbolisch für die Woche der Hiobsbotschaften aus der Welt der Wirtschaft. Der Dax rauschte in den Keller, schrammte die 3000er Grenze, der Investitions-Rückblick ist erschreckend: Im letzten Jahr gab es einen Rückgang um 80 Prozent, schlechte Absatzzahlen der deutschen Autoindustrie und auf dem amerikanischen Markt versuchen GM und Ford mit zinslosen Darlehen verzweifelt, Kunden zu gewinnen.

Hochbetrieb herrscht nur im Hotel, wo Peter Hartz mit Florian Gerster und den Landesarbeitsamt-Chefs tagt, eine Pop-Gruppe Hof hält und Bernd Pischetsrieder, der das größte europäische Automobilunternehmen durch schwierigste Zeiten in eine stabile Zukunft lotsen soll, in souveräner Manier den wirtschaftlichen Aufschwung für das Frühjahr 2003 verkündet: "Im kommenden Frühjahr geht es aufwärts. Die Autoindustrie wird das Zugpferd der Wirtschaftsbelebung sein." Derart Optimistisches hat sich schon lange keiner mehr zu sagen getraut. Hoffnung wird geweckt, denn Pischetsrieder zählt zu den Bedächtigen der Managergilde. Vorschnelle Urteile und laute Kommentare sind nicht seine Art.

So baut er ohne Hektik den Volkswagen-Konzern um, richtet ihn der Zeit gemäß aus: strategisch, modellpolitisch, personell. Er nehme keine Korrektur der Piëch-Linie vor, betont er, eine veränderte Gesamtsituation verlange allerdings andere Entscheidungen. Gemeinsam mit Piëch hatte er bereits den Konzern in Nord- (Volkswagen, Skoda, Bentley und Bugatti) und Süd-Divisionen (Audi, Seat, Lamborghini) aufgeteilt.

A2 bekommt keinen Nachfolger

Damit endgültig Doppelplanungen, Entwicklungen, kurz, unnötige Kosten verhindert werden, setzte er quasi als Sicherung einen "VAP" (Vorstands-Ausschuss-Produktplanung) auf diese Führungsstruktur. Er selber übernimmt den Vorsitz, ihm zur Seite steht Martin Winterkorn, Chef des Audi-Blocks. Pischetsrieder schätzt ihn über alle Maßen: "Ich habe in dieser Leistungsklasse selten einen so loyalen Mann erlebt", sagt der Vorstandschef über Winterkorn, "er war der engste Vertraute von Ferdinand Piëch und heute ist er für mich der wichtigste Mann."

Pischetsrieder zündet sich ein Zigarillo an, dünner Ersatz für seine geliebten Kuba-Zigarren. Das Dinner wird in einem abgetrennten Raum des Sterne-Restaurants "Aqua" serviert. Der VW-Chef referiert über weitere Veränderungen: "Wir werden im gesamten Markenbogen die Modellpalette straffen und zuviel Baugleiches durch gemeinsam abgestimmte Nischenprodukte ersetzen. Fahrzeugtypen, die nicht profitabel sind, laufen aus, bekommen kein Nachfolge-Modell". Damit meint er beispielsweise den erfolgreichen Lupo, der aber technisch so raffiniert und aufwendig gemacht ist, dass er in der Produktion so teuer wie ein Polo gerät, der in der Preisliste ein paar Tausender höher steht. Auch der A2 von Audi wird in absehbarer Zeit auslaufen.

Gegen kritische Stimmen, auch im Konzern, setzt Pischetsrieder auf den Phaeton, der für das Markenimage und die gesamte Volkswagen-Positionierung wichtig ist. Im Frühjahr werden eine Langversion vorgestellt und einige Modifikationen. So schrumpft das riesige silberne V und W auf dem Kühlergrill zu einem dezenteren Markenzeichen. Wozu braucht VW einen solchen Zwölfzylinder? "Die Mission des Phaeton ist es, unsere technische Kompetenz auf alle Segmente zu übertragen."

Was soll der Kanzler fahren?

"Durch das Hochwasser", sagt Pischetsrieder, "fielen zwei Produktionswochen komplett aus, später haperte es noch mit etlichen Teilen durch Wasserschäden." Jetzt wird Volkswagens Stolz wieder normal produziert. Was denn nun Kanzler, Spitzenpolitiker oder Unternehmenslenker seiner Meinung nach zukünftig fahren sollen, den Phaeton oder den hochgelobten A8? Pischetsrieder probiert den dekantierten, feinen Monrachet, zündet sich ein neues Zigarillo an und schmunzelt: "Der Schröder hat beispielsweise beide Fahrzeuge im Fuhrpark." Ernsthafter nimmt er die Problematik an: "Der Zwölfzylinder-VW wird dem Audi A8 keine Marktprobleme machen, der A8 ist ein fahraktives Auto, das der Chef selber steuert. Für Audi wird alles getan, um die Tochter im Premium-Wettbewerb stark zu machen."

Allerdings, separatistische Gedanken, Audi vom Konzern zu lösen, wie sie in Ingolstadt in der Vergangenheit schon mal gepflegt wurden, lässt Pischetsrieder nicht mal im Ansatz gelten. "Das ist einer der Gründe, warum der vorherige Audi-Chef und exzellente Techniker Franz-Josef Paefgen jetzt in anderer Position wirkt" (Bentley-Chef). Auch für Audi gilt jetzt ohne Ausnahme, dass Produkte, Motoren, technische Details erst entwickelt werden, wenn der Konzern-Ausschuss seinen Segen gegeben hat. Diese konsequente Ausrichtung spare dreistellige Millionen-Summen.

Der Bayer an der Spitze des größten europäischen Autounternehmens liebt die Bildersprache: "Wenn wir uns alle nur gegenseitig die Haare schneiden, kann man kein Geld verdienen", sagt er und meint den bisher üblichen Verkauf von Eigenentwicklungen an andere Marken im Konzern. Piëch hatte den Fehler zugegeben, zu viel Föderalismus erlaubt zu haben.

Bentley als "Umbrella" für den Phaeton

Der Küchenchef selbst serviert den Hauptgang: Seeteufel mit asiatischen Aromen. Der Konzernchef präsentiert dazu eine weitere wichtige Änderung: "Wir werden die Modell-Zyklen im Konzern neu festlegen." Es gehe nicht an, dass die Brot- und Butter-Autos wie Golf und A6 zur gleichen Zeit auslaufen, eine Lücke in die hausinterne Zulassungsstatistik reißen und die Nachfolge-Modelle zeitgleich mit großem Aufwand angeschoben werden.

Auch halte er es für schlecht, dass die sportlichen Top-Modelle wie der RS6 erst kurz vor Produktions-Ende präsentiert werden: "Das hilft einer auslaufenden Baureihe wenig, ab sofort werden diese sportlichen Spitzenprodukte ganz am Anfang der Produktionszeit vorgestellt. Von der besonderen Ausstrahlung sollen auch die schwächeren Varianten profitieren."

Piëch hat Bugatti wiederbelebt, Bentley übernommen. Für seinen Nachfolger ein unerwünschtes Erbe in schwierigen Zeiten? Das wurde hinter vorgehaltener Hand kolportiert. "Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich lieber Bentley und Rolls-Royce anstelle von Bugatti im Programm hätte. Aber das habe ich damals als BMW-Chef ja selber verhindert." Bentley findet er aus vielen Gründen gut. Einen davon erklärt er mit seinem Bild-Vergleich: "Ich nenne das Umbrella-Funktion." In momentaner Bescheidenheit stapeln die Kunden eine Nummer tiefer. Der Bentley ist der Umbrella für den Phaeton, der Zwölfzylinder übernimmt diese Funktion für den V8-Passat.

Völlig neues Klientel für die Verkäufer

Im Gegensatz zur Piëch-Ära, in der Führungskräfte wie Daniel Goeudevert oder Prof. Seifert rustikal entfernt wurden, baut der Nachfolger, der dem bayerischen König Ludwig ein bisschen ähnlich sieht, sein Team leise und behutsam auf, verzichtet bisher auf spektakuläre Abberufungen. Mit der Ernennung von Hans Dieter Pötsch (1. Januar 2003) zum zukünftigen Finanzvorstand holt Pischetsrieder, der freie Wochenenden immer noch in seinem Haus am Chiemsee verbringt, einen echten Vertrauten in den Konzernvorstand.

Die Manager kennen sich aus ihrer gemeinsamen BMW-Zeit. Pötsch war von 1979 bis 1987 Chef des Controllings bei BMW. Pischetsrieder hatte den bayerischen Autohersteller im Zuge der Rover-Krise verlassen, bis dahin ein besonders gutes Verhältnis zu Pötsch. Im Konzernvorstand ist Pischetsrieder bislang nur von Piëch-Vertrauten umgeben. Pötsch gilt bei Analysten und Brancheninsidern als Idealbesetzung für die Adelt-Nachfolge.

Eine Idee seines Vorgängers, die Piëch aus der Luxushotellerie abgeleitet hatte, griff Pischetsrieder auf und ordnete die Umsetzung bereits an: Die Schulung der Händler, die plötzlich mit Phaeton-Kunden eine völlig neue Klientel bedienen müssen. Dazu gibt es spezielle Lehrgänge. In dem Zusammenhang hält Pischetsrieder die kleine Belastung zur Qualitätssteigerung für durchaus angemessen. Die nach dem Konzentrationsprozess übriggebliebenen Verkäufer genießen das Privileg, eine komplette Produktpalette von ganz unten (ein Stadt-Winzling wird das Angebot komplettieren) bis ganz oben mit den Luxusmodellen anbieten zu können. Vergleichbares wäre unter Umständen weltweit nur noch bei Fiat möglich, wenn sich das Unternehmen nicht in der lähmenden Finanzsituation befinden würde.

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