Feinstaub-Debatte

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Feinstaub-Debatte

— 24.04.2006

Blind vor Staub

Feinstaub und kein Ende: Nachdem in vielen Städten schon wieder die Grenzwerte überschritten sind, fordern Fachleute dringend eine Überarbeitung der EU-Richtlinie.

Schon im April das Limit überschritten

Die Silbersteinstraße in Berlin könnte ein Vorzeigeprojekt der Umweltbewegung sein: Pkw dürfen durch die engbebaute Straße nur noch mit Tempo 30 fahren, Lkw haben Durchfahrtsverbot – und zwar Tag und Nacht. Auch in anderen Teilen der Hauptstadt sind Öko-Träume wahr geworden: 1200 der 1400 Stadtbusse fahren mit Partikelfilter, dazu gibt es etwa 1000 Erdgas-Taxis und für jeden Winkel detaillierte Luftreinhalte-Pläne.

Insgesamt wurden die Emissionen seit 1990 um 70 Prozent gesenkt. Und doch steht Berlin im allgemeinen und die Silbersteinstraße im besonderen als ökologischer Sündenpfuhl da. Denn die nach dem Arzt und Stadtverordneten Dr. Raphael Silberstein (1873–1926) benannte Straße in Neukölln hat als erste der Hauptstadt das 35-Tage-Limit für erhöhte Feinstaub-Belastungen überschritten. "Ausgerechnet dort, wo wir am meisten getan haben, gibt es die erste Überschreitung", so Dr. Manfred Breitenkamp, Umwelt-Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Man mag ja schon gar nicht mehr in die Zeitung schauen: Feinstaubalarm in Berlin, Oberhausen, Dortmund, Mülheim, Frankfurt, München und so weiter. Selbst das beschauliche Andechs und die weitgehend autofreie Nordseeinsel Norderney haben ihre großen Nöte mit dem kleinen Staub. Und dies schon im April, obwohl das 35-Tage-Limit doch noch fürs ganze restliche Jahr reichen muß.

Schadstoffpakete aus dem Osten

Immer mehr Fachleute attestieren: So geht es nicht weiter, die Feinstaub-Richtlinie muß überarbeitet werden. Spätestens im Juni, wenn sich der EU-Ministerrat noch mal mit dem Thema beschäftigt. Denn wer sich in der Republik umschaut und sieht, welche kuriosen Folgen die Feinstaubregelung hat, der stellt fest: Wir sind blind vor lauter Staub.

Beispiel München: Seit langem verfolgen die Stadtväter hier das Konzept, den Verkehr aus den Wohngebieten herauszuhalten und auf wenigen großen Straßen zu bündeln – so wie auf der zum Mittleren Ring gehörenden Landshuter Allee. Klar, daß die Feinstaub-Sensoren dort Daueralarm schlagen. Um dem zu entgehen, müßte der Mittlere Ring gesperrt und der ganze Verkehr wieder durch die Wohnstraßen geschickt werden. "Bei aller Vorfahrt für den Umweltschutz: Das kann's doch nicht sein", schimpft der Münchner Bundestagsabgeordnete Herbert Frankenhauser (CSU).

Oder noch mal Berlin: Da müssen die Autofahrer jetzt ausbaden, was ihnen der Ostwind eingebrockt hat. Breitenkamp: "Zwei Drittel der Problematik sind durch die meteorologische Lage verursacht. Wir hatten einen extrem harten Winter, in Osteuropa haben die Leute volle Pulle geheizt. Das kam nun als Schadstoffpaket herübergeweht."

Natürliche Partikel verfälschen Ergebnis

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Feinstaub kann eine sehr gefährliche Sache sein. Soweit man weiß, erhöht er das Risiko für Lungenkrebs sowie für Herz- und Kreislaufkrankheiten. Inhalationsbiologe Dr. Wolfgang Kreyling: "Nach dem aktuellen Wissensstand gibt es für Feinstaub auch keinen Schwellenwert – alles über null ist ungesund." Die Frage ist also nicht, ob wir etwas gegen Feinstaub tun. Die Frage ist, was wir machen. Und wie die EU-Richtlinie so angepaßt werden kann, daß sie Sinn macht.

Der wichtigste Vorschlag kommt dazu (unter anderem) vom Deutschen Städtetag: "Wir müssen weg vom 35-Tage-Limit, da es in den Ballungsräumen gar nicht eingehalten werden kann. Statt dessen sollten wir uns auf einen Jahresmittelwert konzentrieren", sagt Städtebau- und Verkehrsdezernent Folkert Kiepe. Er glaubt zudem: "Mit der steuerlichen Förderung von Rußpartikelfiltern für Diesel-Lkw könnte noch am meisten gegen Feinstaub getan werden. Doch das ist bisher am Widerstand der Länder-Finanzminister gescheitert."

Auch über die Definition von Feinstaub muß geredet werden. Im Moment gilt der Standard PM10, das sind Partikel von bis zu zehn Mikrometern (ein Mikrometer ist ein Tausendstelmillimeter). Dies ist für Partikelverhältnisse relativ groß und führt dazu, daß auch aufgewirbelte Meersalze, Sahara-Sande und – im Frühjahr und Sommer – Pollen von den Meßstationen erfaßt werden.

Fachleute fordern daher, sich künftig nur auf die unter 2,5 Mikrometer kleinen Partikel zu konzentrieren. Zum einen gelten vor allem sie als lungengängig und daher gefährlich. Und zum anderen würden so die natürlichen Partikel außen vor bleiben. "Dies ist bisher an den neuen EU-Staaten aus Osteuropa gescheitert, die die Kosten für feinere Meßgeräte scheuen", sagt Berlins Umweltexperte Breitenkamp. "Dabei bräuchten sie gar keine neuen Geräte, sondern lediglich einen neuen Meßkopf – und der kostet gerade mal 2000 Euro." Eine lohnende Investition – ehe wir vor lauter Staub noch blinder werden.

Autor: Alex Cohrs

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