Ferrari 360 Spider F1

Ferrari 360 Spider F1 Ferrari 360 Spider F1

Ferrari 360 Spider F1

— 21.03.2002

Offen und herrlich

Schon der Ferrari 360 Modena gilt zu Recht als echter Traumwagen. Und doch gibt es eine Steigerung. Sie heißt Spider, zieht auf Knopfdruck die Mütze und lässt blitzschnell die Sonne ins Herz:

Striptease in 20 Sekunden

Es gibt Dinge im Leben, die sich scheinbar nicht überbieten lassen. Bis es dann eben doch passiert. Dann verblasst der erste Kuss angesichts einer leidenschaftlichen Nacht, löscht der Traumpartner die Erinnerung an die Sandkastenliebe, fährt der Ferrari 360 Spider seinen Blechdach-Bruder namens Modena plötzlich ins Abseits.

Schon das Vorspiel macht dabei klar, wo die Vorzüge des nach oben offenen 360 gegenüber seinem verschlossenen Zwilling liegen. Einen perfekten Alu-Körper und Temperament im Überfluss bringen beide mit. Doch nur der Spider beherrscht diesen verführerischen Trick mit dem knappen Stoff-Top.

Atemberaubende 20 Sekunden dauert die Strip-Show, von der man einfach nicht genug kriegen kann. Ein Schalter in der Mittelkonsole versenkt den etwa Bikini-großen Stofffetzen unter einem festen Deckel hinter den Sitzen - vollautomatisch, geschmeidig und ganz ohne unwürdige Handarbeit.

Darüber hinaus glänzt der 360 Spider mit inneren Werten. Vernünftige Platzverhältnisse, aufgeräumter Innenraum mit reichlich Leder und Alu, alltagstaugliche Federung - der Ferrari macht beinah schon ein wenig auf Familienkutsche. Jedenfalls bis das solide Verdeck mit der Plastikscheibe hinter dem Fahrer liegt und wir das erste Mal richtig Gas geben.

3,6-Liter-V8 unter Glas

Denn dann beginnt schlagartig eine heiße Sommerliebe - selbst im tiefsten Winter. Dass die Föhnfrisur ab Tempo 200 trotz aufsteckbaren Mini-Windschotts leidet und bei Vollgas (290 km/h) auch Drei- Wetter-Taft nichts mehr rettet, liegt dabei in der Natur der Sache. Wer damit nicht leben kann, sitzt eindeutig im falschen Auto. Basta. Alle anderen erliegen dem stürmischen Herzensbrecher rest- und rettungslos, aber glücklich. Mit ebenso seligem wie breitem Dauergrinsen. Dafür sorgt neben der optischen Qualität des Machos aus Maranello vor allem das Fahrerlebnis.

Der Grund für dieses emotionale Feuerwerk liegt direkt hinter dem Fahrer, mit hochrotem Kopf und aufgebahrt unter Glas. Ein 3,6-Liter-V8 mit vier oben liegenden Nockenwellen, 40 Ventilen und 400 PS. Wer diesen Kraftprotz per Schlüsseldrehung wachküsst, überlässt Schneewittchen anschließend gern den sieben Zwergen.

Mit heiserem Husten meldet sich der Alu-Athlet zum Dienst, sorgt für eine gepflegte Gänsehaut im Cockpit und lässt die Sorgen im Zeitraffer verfliegen. Einmal kurz nicht aufgepasst (4,6 Sekunden), schon fliegt der Spider mit Tempo 100 über Land. In den lächerlichen 20 Sekunden, die das Verdeck von null auf Sonne braucht, geht es fast bis auf 230 km/h. Und selbst das Spitzentempo von 290 km/h erreicht der Muskelmann ohne größere Verzögerungen.

Die Reaktionen des Achtzylinders erfolgen dabei so spontan, als sei der rechte Fuß direkt mit den Drosselklappen verbunden. Ein kurzes Zucken reicht, um brutalen Vortrieb und o(h)rgiastischen Sound zu entfachen. Leistungslücke? Gibt es nicht. Ist schließlich ein Ferrari.

Brutaler Vortrieb, gigantischer Sound

Schon aus mittleren Drehzahlen zieht der Fünfventiler los wie eine Horde Kampfstiere angesichts eines roten Tuches. Der Grund liegt in 373 Newtonmeter Drehmoment, die zwischen 4750 und 7000 Touren immer vollständig zur Verfügung stehen. Echte Genießer kosten diese furiose Vorstellung bis über 8000 Umdrehungen aus - und zwar am liebsten im Tunnel. Dann verdichtet sich das mechanische Brüllen des Trieb-Werkes zu einem explosiven Kreischen, wird das Ohr automatisch zur erogenen Zone erklärt.

Auch sonst lässt der offene Ferrari keinen unserer Sinne unberührt. Nur lächerliche 70 Kilo schwerer als die Berlinetta und mit einer fast ebenso perfekten Gewichtsverteilung von 42:58 Prozent gesegnet, schafft der Spider ganz lässig Kurvengeschwindigkeiten weit oberhalb der allgemeinen Angstgrenze.

Die Haftungsfrage regeln dabei die Traktionskontrolle (erlaubt im Sportmodus etwas, ganz ausgeschaltet reichlich Querverkehr), ein Hinterachsdifferenzial mit 25 bis 45 Prozent Sperrwirkung, aerodynamische Feinarbeit à la Formel 1 (Abtrieb bei 290 km/h vorn 75, hinten 95 Kilo) sowie 18-Zoll-Mischbereifung von Format (vorn 215/45, hinten 275/40). Wobei die gewaltigen Walzen im Verbund mit ABS und innen belüfteten 330-Millimeter-Scheiben auch negative Beschleunigung der Extraklasse garantieren.

Eine Klasse für sich stellt schließlich auch der Preis dar: 137.100 Euro kostet der 360 Spider, für die F1-Schaltung mit Wippen hinterm Lenkrad werden weitere 8000 Euro fällig. Doch dafür gehört der Ferrari 360 Spider F1 auch zu den Dingen im Leben, die sich nun wirklich kaum noch überbieten lassen. Außer vielleicht von Schumis offenem Arbeitsgerät.

Geschichte und Konkurrenz

Die Geschichte Nach dem 365 GTS von 1969 legte Ferrari bei den zweisitzigen Cabrios mit voll versenkbarem Dach eine längere Pause ein. Wer offen fahren wollte, fand nur Targa-Modelle oder den viersitzigen Mondial im Ferrari Programm.

Erst 1993 präsentierten die Italiener den 348 Spider mit 3,4-Liter-V8. Die Leistung stieg von anfangs 300 auf 320 PS, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 275 km/h. Zwei Jahre später baute die Sportwagenschmiede den 355 Spider. Sein 3,5-Liter-V8 leistete 380 PS und erreichte 295 km/h.

Auch in Hinblick auf die Sicherheitstechnik markierte der 355 Spider einen wichtigen Schritt. Als erster Ferrari verfügte er über zwei Airbags, war insgesamt luxuriöser als sein Vorgänger und besaß ein E-Verdeck. Der Nachteil: Beim Öffnen fuhr der Sitz automatisch nach vorn und verkeilte große Fahrer unterm Lenkrad. Auf den Daytona Spyder (oben ein 365 GTS/4) folgten erst 1993 der 348 (Mitte) und 1995 der 355 Spider

Der Konkurrent Der BMW Z8 ist vom Wesen zwar weniger ein reinrassiger Sport- wagen, sondern eher ein potenter Cruiser. Dennoch stößt er ins gleiche Marktsegment wie der 360 Spider. Auch BMW spendiert dem offenen Zweisitzer einen kräftigen V8, der aus 4,9 Liter Hubraum ebenfalls 400 PS holt und die Hinterräder antreibt. Im BMW steckt das Kraftwerk allerdings vorn. Auch beim Preis muss sich der Bayer nicht verstecken: 122.710 Euro.

Technische Daten und Ausstattung

Technische Daten und Ausstattung Achtzylinder-V-Motor längs vor der Hinterachse • zwei oben liegende Nockenwellen pro Zylinderreihe • fünf Ventile pro Zylinder • Hubraum 3586 cm3 • Verdichtung 11,0:1 • Leistung 294 kW (400 PS) bei 8500/min • maximales Drehmoment 373 Nm bei 4750/min • automatisiertes Sechsganggetriebe • Heckantrieb • Sperrdifferenzial (45 %) • vorn und hinten Einzelradaufhängung, Doppelquerlenker • innen belüftete Scheibenbremsen vorn und hinten • ABS/ASR • Reifen vorn 215/45, hinten 275/40 ZR 18 • Räder vorn 7,5J x 18, hinten 10J x 18 • Kofferraumvolumen 220 l • Tankinhalt 95 l • L/B/H 4477/1922/1214 mm • Radstand 2600 mm • Leergewicht 1390 kg • Höchstgeschwindigkeit 290 km/h • 0-100 km/h in 4,6 s (Werksangaben) • Preis 145.100 Euro

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