Fahrbericht Ferrari 812 Superfast

Ferrari 812 Superfast: Fahrbericht

— 04.07.2017

So geht Superfast

Der 812 Superfast ist in sieben Sekunden auf Tempo 200 ist. Eine Landrundfahrt in Ferraris neuem 800-PS-Traum in der Gegend um Maranello.

Ferrari-Fahrer nehmen seit Generationen eine recht seltsame Hockstellung ein, wenn sie sich mit angewinkelten Beinen unter das Lenkrad quetschen. Gemütlich ist das nicht, soll es ja aber auch gar nicht sein. AUTO BILD-Autor Georg Kacher wagt in der Gegend westlich von Maranello trotzdem die Landpartie mit Ferraris neuestem Pferd im Stall, dem 282.934 Euro teuren 812 Superfast. Nein, nicht "fast super", sondern superschnell. In 2,9 Sekunden bis Tempo 100, in gerade mal sieben Sekunden auf 200 km/h.

Für unsere Ausfahrt hat der Superfast 600 PS zu viel

Der Muskel des 812: zwangsbeatmungsfreie 800 PS und 760 Nm aus einem 6,5 Liter großen V12.

Gegen die Schroffheit der Straßen in der hügeligen Berglandschaft ist auch dieser Ferrari durch eine verstellbare Dämpferkennung gefeit, die auf Tastendruck von ziemlich unerbittlich auf beinahe geschmeidig umschalten kann. Die Einstellung "ASR OFF" (Traktionskontrolle AUS) erscheint für den Moment als ein ganz guter Kompromiss. Der legendäre V12 braucht keine künstliche Beatmung, er schöpft aus 6,5 Liter Hubraum 800 PS und 718 Nm Drehmoment. Aber diese 800 PS sind eigentlich 600 PS zu viel für diese blinden Kuppen und scharfen Ecken. Doch sobald die Straße gerade wird, das Sichtfeld sich weitet und ausnahmsweise kein Schulbus entgegenkommt, durchstößt der Superfast gefühlt in Sekundenschnelle die Schallmauer. Ab 6000 Umdrehungen geht der 812 ab, die vier Auspuffrohre reißen alle Klappen auf, und der Horizont kommt mit einem Tempo näher, das Angst macht.

Die Hinterradlenkung sorgt für ein gutes Gefühl

Geht super ums Eck: Vier gelenkte Räder machen den Superfast besonders kurvenfreudig.

Apropos Angst. Wie schon der Ferrari GTC4 Lusso verunsichert auch der Superfast seinen Copiloten mit einem digitalen Angst-o-Meter direkt im Blickfeld. Das Display informiert über Echtzeittempo, Drehzahl und Gangwahl bis dicht an die Panikgrenze. Dazu kommen die Querbeschleunigung, die Fliehkräfte – keine Frage: Dieses Automobil ist eine Kampfansage an die Vernunft. Gegenmaßnahmen: Hinterradlenkung, breite 275er-Vorderreifen und mutige Regelsysteme. Auf der Autostrada erzeugen einheitlich einschlagende Räder das beruhigende Gefühl, in einem Auto mit deutlich längerem Radstand zu sitzen. In engen Kehren wirkt der Wagen dagegen kompakter und wendiger. Doch erst am Limit wird deutlich, wie subtil beide Systeme miteinander verlinkt sind. Während ein sanfter Impuls am Lenkrad den Fahrer auf die anstehende Korrektur vorbereitet, stützt sich das Heck per Hinterrad-Lenkimpuls ein letztes Mal ab, ehe ein Leistungsüberschuss den Drifteinleitet. Was dem Superfast noch fehlt, sind (elektrisch) angetriebene Vorderräder, die das Auto aus der Kurve herausziehen.

Wenn der Fahrtwind auf diesen Ferrari trifft, wird der Luftzug durch Schlitze und Waben an den Backen der Bugschürze, durch die C-Säulen und die diversen Spoiler immer wieder neu in Form gebracht und zu guter Letzt durch Diffusoren in Abtrieb umgewandelt. Dabei erzeugen drei verstellbare Flaps bis zu 130 Kilo Ground Effect (Abtrieb durch Bodeneffekt). Bei 200 km/h wechselt Ferraris Aero-Strategie von "voller Abtrieb" zu maximaler Windschnittigkeit. Der Wagen kauert jetzt noch dichter auf der Fahrbahn, alle Luftleitelemente verharren in der Horizontalen, der Unterboden baut eine spürbare Saugwirkung auf.

Mit dem Blechkleid wird sich nicht jeder anfreunden können

Design, das polarisiert: Vor allem am Heck wirkt der 812 ein wenig zerklüftet – aus einem Guss ist anders.

So richtig seine Muskeln spielen lässt der rote Renner erst zwischen 130 und 250 km/h. Wie das abläuft? Zum Beispiel durch 30 Prozent schnellere Schaltmanöver. In dem kurzen Zeitraum, in dem ein F12 bei gezogenem Schaltpaddel zwei Gänge zurückschaltet, hat der 812 bereits den dritten eingelegt. In Verbindung mit dem enger gestuften Getriebe erzeugt die schnellere Hydraulik zwischen der dritten und siebten Fahrstufe einen Energieschub von zusätzlichen 50 PS und 60 Newtonmetern. Mamma mia, ist der superfast! Das Design jedoch, das polarisiert. Die Geister scheiden sich vor allem am zerklüfteten Heck, dem extrovertierten Zusammenspiel von Falten und Fugen, den teils prolligen Anbauteilen und den im Winkel versetzten Rückleuchten, Endrohren und Diffusorschneiden. Lange Schnauze, gestauchtes Heck – dieser seit dem 550 Maranello erfolgreichen Designformel dürfte der nächste Zwölfzylinder-Ferrari untreu werden.

Technische Daten Ferrari 812 Superfast: • Motor: V12, vorn längs • Hubraum: 6496 cm³ • Leistung: 588 kW (800 PS) bei 8500/min • max. Drehmoment: 718 Nm bei 7000/min • Vmax: 340 km/h • 0–100: 2,9 s 0–200 km/h: 2,9/7,9 s • Antrieb: Hinterradantrieb, Siebengang-Doppelkupplung • Tankinhalt: 92 l • L/B/H: 4657/1971/1276 mm • Leergewicht: 1630 kg • EU-Mix: 14,9 l SP/100 km • Abgas CO2: 340 g/km • Preis: 282.934 Euro
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Zugegeben, der Nachfolger des F12 ist zu breit, zu wenig effizient und in mancher Hinsicht schlicht Oldschool. Aber schon ein halber Tag im 812 Superfast genügt, um verliebt zu sein.

Stichworte:

Supersportwagen

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