Enzo gegen Sport quattro

Ferrari Enzo gegen Hohenester Audi Sport quattro Ferrari Enzo gegen Hohenester Audi Sport quattro

Ferrari Enzo gegen Hohenester Sport quattro

— 27.01.2005

Das Duell

Es gibt Duelle, die vergißt man sein Leben lang nicht: David gegen Goliath, Ali gegen Foreman, Deutschland gegen Holland. AUTO BILD TEST & TUNING setzt noch einen drauf: Supersportwagen gegen getunten Audi quattro.

Supersportler tritt gegen getunten Audi an

Jetzt sind sie endgültig verrückt geworden ... Geben Sie's zu, das war Ihre spontane Reaktion beim Anblick dieser Geschichte. Ehrlich gesagt, uns ging es anfangs genauso: Enzo gegen getunten Sport quattro? "Verrückt – aber genial", war der erste Gedanke, als uns Alfons Hohenester von seiner abgefahrenen Wette erzählte. Eher beiläufig hatte das Tuner-Urgestein aus Ingolstadt von einem Freund erzählt, dem die Launch Control seines Ferrari Enzo Probleme bereitete. "Da hab' ich ihm gesagt, daß seine italienische Diva doch sowieso keine Chance gegen ein vernünftiges Auto wie meinen Sport quattro hat", so Hohenester grinsend. Und, um noch einen obendrauf zu setzen: "Wetten, daß mein quattro schneller beschleunigt als dein Enzo?"

Die Antwort von Ferrari-Besitzer Martin Sonnleitner (Name von der Redaktion geändert) kam prompt: "Die Wette gilt!" So kommt es, daß sich drei Wochen später ein für eine Million Euro versicherter Renntransporter aus Süddeutschland auf den Weg zu einem stillgelegten Flugplatz bei Bremen macht. Dort, auf der AUTO BILD-Meßstrecke Lemwerder, soll das einzigartige Beschleunigungsduell stattfinden.

Zwei Jahrzehnte trennen die beiden Kontrahenten. Hier der Enzo, Jahrgang 2004. Schnellster Seriensportwagen der Gegenwart. Neupreis 645.000 Euro, nur 399mal gebaut. Der Supersportler schlechthin, entwickelt mit geballter Formel-1-Kompetenz. Wohl das einzige Straßenauto, bei dem jeder Tankvorgang in Gedanken mit der Stoppuhr begleitet wird. Dort der Sport quattro, bei seinem Debüt 1984 mit 195.000 Mark das teuerste deutsche Auto seiner Zeit. Mit 224 Exemplaren noch rarer als der Enzo. Zu Homologationszwecken gebaut – die straßenzugelassene Version der Gruppe-B-Bestie. Und dieses Exemplar durch das Tuning bei Hohenester noch brutaler.

Renntechnik in Reinkultur im Enzo

Noch spielt das Wetter nicht mit: Ein kalter Wind fegt am Tag der Entscheidung über die Piste, dazu Regen. Schlechte Bedingungen – die Gegner werden unruhig. Doch als der Renntruck seine Luke öffnet, herrscht andächtige Stille. Unten kauert der Enzo mit seiner markanten Schnauze, darüber zeigt der Sport quattro sein kantiges Heck. Jeder einzelne eine Rarität, beide zusammen eine Sensation. Der Enzo wirkt bereits im Stand dramatisch schnell, obwohl die von Pininfarina gezeichnete Kohlefaserkarosserie ganz ohne Spoiler auskommt.

Dank ausgeklügelter Aerodynamik mit verkleidetem Unterboden, Heckdiffusor und variablen Lufteinlässen saugt sich der Enzo an der Straße fest – bei Tempo 300 mit rund 750 Kilo Anpreßdruck. Unter der Heckklappe lauern zwölf Zylinder, 48 Ventile und vier obenliegende Nockenwellen – macht 660 PS. Die Fahrleistungen, in Fiorano ermittelt: null bis 100 in 3,65, null bis 200 in 9,5 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit: mehr als 350. Das Cockpit ähnelt mit der gewölbten Kanzel dem eines Kampfjets. Darin ein Tacho bis 400 km/h, Drehzahlmesser bis 10.000 Touren, Schalensitze aus Carbon und ein Lenkrad mit Knöpfen wie ein Formel-1-Ferrari.

Gegen das High-Tech-Ambiente des Enzo wirkt das Audi-Interieur bieder. Türgriffe, Hebel und Schalter entstammen dem Audi/VW-Regal. Die olivgrünen Leder-Recaros beweisen den wilden Geschmack der 80er. Das ABS wird per Kippschalter aktiviert. Einzig der Zugknopf für die Differentialsperren und die Ladedruckanzeige bis 3,0 bar künden von der Urgewalt, die bei Bedarf unter der superleichten Kevlarhaube explodiert.

Satte 460 PS im Look & Feel der 80er

Statt des original 2,1-Liter-Fünfzylinders mit 306 PS verwendet Hohenester den 20V-Motor aus dem Audi 200 Turbo. Mit geänderter Kurbelwelle, 2,5 Liter Hubraum, größerem Lader und Intercooler leistet der Kurze satte 460 PS. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Doch die Strecke ist immer noch feucht. Bei Probefahrten auf dem rutschigen Beton peitscht der Enzo mit dem Heck wie ein wütendes Krokodil mit dem Schwanz. Nicht viel besser ergeht es dem Audi, der trotz Allradantriebs bei Vollgas bis in den dritten Gang heftig seitlich versetzt. Die Dunlop-"Formula-R"-Semi-Slicks erreichen keine Betriebstemperatur. Warten ist das Gebot der Stunde.

Zum Zeitvertreib bringen sich die beiden Wettgegner schon mal auf Betriebstemperatur. Hohenester: "Bei deinem Ferrari muß ich aufpassen, daß ich nicht drüber stolpere." Sonnleitner: "Alfons, deine Reifen sind so alt, die sehen ja aus wie aus Vollgummi ..." Man merkt sofort: Die Chemie stimmt. Schließlich kommen beide aus der gleichen Gegend und fahren gemeinsam Rennen im Langstreckenpokal. Zudem schwört Ferrari-Sammler Sonnleitner im Alltag auf seinen Hohenester RS4 mit 480 PS. Der hat bereits 170.000 Kilometern auf der Uhr – "problemlos". Das verbindet. Bei soviel Harmonie muß das Wetter einfach mitspielen – und tatsächlich kommt die Sonne heraus.

High-Noon: Zwölf Uhr mittags, die Strecke ist trocken. Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Wir montieren die Meßgeräte. Zehn volle Beschleunigungsversuche hat jeder, gemessen wird der Sprint auf 100 und 200 km/h. Als erstes rollt Sonnleitner im fabrikfrischen Ferrari (Tachostand: 490 km) auf die Strecke. Einige Aufwärmrunden, bevor es ernst wird. Aus der Ferne schießt der Enzo lautlos wie ein Pfeil heran, um sich im Augenblick des Vorbeifahrens mit einem schmerzhaften Formel-1-Sound ins Gehör zu bohren.

Fahrleistungen und Preise

Und dann gilt's. Im Cockpit geht es Schlag auf Schlag – im wahrsten Sinne des Wortes. Das sequentielle Getriebe knallt im 150-Millisekunden-Takt die Gänge derart unbarmherzig rein, daß man sich in einer Schießerei verfeindeter Mafia-Clans wähnt. Nach zehn Versuchen stehen als Bestwerte 3,94 Sekunden von null bis 100 auf dem Display – und 10,64 Sekunden bis 200. Obwohl er die Werksangaben um drei Zehntel verpaßt hat, ist Sonnleitner zufrieden: "Bei dem Wetter und der geringen Laufleistung, das paßt schon." Sagt's und gibt seinem Gegner durchs offene Fenster einige aufmunternde Worte mit auf den Weg: "Alfons, das schaffst du nie!" Hohenester bleibt unbeeindruckt. Lächelnd verabschiedet er sich zum Warm-up.

Ein unüberhörbares Spektakel – das quattro-Urviech übertönt alles und jeden mit einem brachialen Donnergrollen. Beim Start bäumt sich das Fahrzeug auf wie ein durchgehender Gaul. Die vier Reifen produzieren einen winzigen Augenblick blaue Rauchwolken, um sich dann im Beton festzukrallen. Bei der Auswertung bleibt allen Anwesenden die Luft weg: unfaßbare 3,77 Sekunden auf 100 – der schnellste je von uns gemessene Wert. Ebenfalls sensationell: 12,60 Sekunden bis 200.

Im Konvoi geht es dann zum Motopark Oschersleben zum Fotoshooting. Vorn im Blick: der Renntransporter mit seiner kostbaren Fracht. Alfons Hohenester und Martin Sonnleitner in einer Limousine dahinter grinsen wie zwei Lausbuben nach geglücktem Streich. "Wer von uns hat denn jetzt gewonnen? " "Hhmm... einer bis 100, der andere bis 200. Das sieht nach Unentschieden aus!" "Oh nein! Dann geht das Ganze ja weiter." Genau. Fortsetzung folgt.

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