Fiat-Krise

Italien trauert Italien trauert

Fiat-Krise

— 11.10.2002

Italien trauert

Fiat steckt in einer schweren Krise. Retten kann den größten Industriekonzern des Landes nur ein Verkauf ins Ausland.

Massenstreiks in allen Fiat-Fabriken

Das Lebenswerk des langjährigen legendären Fiat-Chefs Gianni Agnelli ist in Gefahr. Fiat hat zwar schon viele Krisen erlebt, doch so schlimm wie jetzt stand es noch nie um den italienischen Automobilhersteller. Millionenverluste und Milliardenschulden lasten auf der Ikone der Apenninenindustrie, Absatz und Marktanteile sinken so schnell, wie Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher im Ferrari von Sieg zu Sieg rast. Die Zahl der produzierten Autos liegt über der Zahl der verkauften Pkw. Das Überleben von Fiat als selbstständigem Autokonzern ist somit unsicherer denn je.

Die Angst der Beschäftigten, die Wut der Gewerkschaften und die Unruhe in der Politik über die Zukunft von Fiat beherrschen derzeit die Stimmung in Italien. Kaum kamen erste Gerüchte über den Abbau Tausender Arbeitsplätze auf, blockierten Hunderte Beschäftigte des sizilianischen Fiat-Werkes Termini Imerese die Autobahn Palermo-Catania. Für diesen Freitag (11.10.) sind Massenstreiks in allen sechs italienischen Fiat-Fabriken angekündigt.

Selbst der Vatikan fürchtet die Auswirkungen der Fiat-Krise auf die Situation des Landes. Die Vatikan-Zeitung "L'Osservatore Romano" fordert den Staat zum Handeln auf. Die Effizienz der Politik messe sich an der Fähigkeit, Arbeit für alle zu garantieren. Doch Hilfe ist von der Regierung kaum zu erwarten. "Wir können nicht mehr machen, als wir schon getan haben", sagte Industrieminister Antonio Marzano. Gleichzeitig mahnte Marzano, dass Fiat sorgfältig die Auswirkungen eines Stellenabbaus berücksichtigen müsse.

Weitere 8100 Stellen werden gestrichen

Fiat will in diesem und im nächsten Jahr weitere 8100 Arbeitsplätze in Italien streichen. Die Entscheidung ist Teil eines Sanierungsplans, der den Gewerkschaften vorgestellt wurde. So sollen im Dezember zunächst 5000 Arbeiter und im Juli 2003 noch einmal 2000 Beschäftigte in die "technische Arbeitslosigkeit" entlassen werden, in der sie aber vom Staat bezahlt werden. 1100 Stellen sollen bei konzerneigenen Zulieferern eingespart werden. Von den Streichungen ab Dezember sind Arbeiter in den Autowerken Arese, Cassano und Termini Imerese sowie die Zulieferer Magneti Marelli und Comau betroffen. Schon zu Jahresanfang hatte der Konzern den Abbau von 2442 Arbeitsplätzen angekündigt.

Die Autosparte des Fiat-Konzerns, der auch in der Versicherungs- und in der Energiewirtschaft tätig ist, verbuchte in den ersten drei Monaten dieses Jahres einen Verlust von 429 Millionen Euro. Im zweiten Quartal kam ein Verlust von 394 Millionen Euro hinzu. Der Grund dafür ist bekannt: Der Autobauer kämpft mit einem dramatischen Absatzverlust. Die Verkäufe der Marken Fiat, Alfa Romeo und Lancia sanken in diesem Jahr in Italien um fast 20 Prozent. Der Marktanteil sank von 36,5 Prozent im Jahre 1990 auf nun 23,6 Prozent. In Europa waren die Verluste nicht geringer: Von 1990 bis heute sank der Marktanteil von 10,1 auf 6,3 Prozent.

Ob General Motors (GM) die Rettung für Fiat sein kann, ist in Italien umstritten. Der US-Konzern besitzt für 2004 eine Übernahmeoption für 80 Prozent der Anteile an Fiat Auto. GM hält bereits 20 Prozent. "Die Sache ist klar. Das Abkommen mit GM sieht eine Verkaufsoption 2004 vor. Ich glaube nicht, dass eine Beschleunigung möglich ist", sagte Umberto Agnelli, Chef der Fiat-Finanzholdings und jüngerer Bruder des legendären Gianni Agnelli.

Herzstück der Agnelli-Familie

Damit ließ Umberto Agnelli entgegen der Hoffnung der Regierung durchblicken, dass es sich beim Verkauf der Autosparte – des Herzstücks der Agnelli-Familie – nur noch um eine Frage der Zeit handelt. "Die Regierung hofft, dass ein so bedeutender und historisch wichtiger Autokonzern italienisch bleibt", sagte dagegen Industrieminister Marzano. Analysten halten den Verkauf an GM für unausweichlich.

Unabhängig davon, ob GM seinen Fiat-Anteil vorzeitig erhöht oder erst im Jahr 2004 – die Übernahme wird auch Folgen für die GM-Tochterfirmen Opel, Saab, Subaru, Isuzu oder Suzuki haben. "Fiat würde die Übernahme härter treffen als Opel", sagt der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer. So habe Opel-Chef Carl-Peter Forster erste Schritte zur Sanierung der deutschen Traditionsmarke eingeleitet, und es seien auch erste Erfolge zu sehen, doch auch bei dem Rüsselsheimer Autobauer werde GM zweifellos überprüfen, was gut in Deutschland aufgehoben und was auch woanders positioniert werden könne. Gleichzeitig wird GM das Portfolio mit Opel, Saab, Alfa Romeo, Lancia, Fiat, Ferrari und seinen anderen Marken überprüfen. Dudenhöffer: "Das alles dabeibleiben kann, ist schwer vorstellbar."

Sollte sich GM gegen eine Übernahme entscheiden, sieht die Zukunft noch düsterer aus. Weder VW, DaimlerChrysler, BMW, Ford, Renault oder Peugeot sind derzeit an Fiat interessiert. Da Toyota aus eigener Kraft in Europa wachsen will, bliebe nur noch Honda übrig. Der japanische Autobauer ist zwar stark in Asien und Nordamerika, hat aber Defizite in Europa, die durch Fiat behoben werden könnten. Das wäre die letzte Chance, sollte GM doch nicht zuschlagen.

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