Filandi Uragano

Filandi Uragano Filandi Uragano

Filandi Uragano

— 08.09.2008

Filandis Dorfschönheit

Im Alltag bringt Karosseriebauer Moreno Filandi Unfallwagen wieder in Form. In seiner Freizeit baute er einen Supersportwagen mit 600 PS und 340 km/h Spitzengeschwindigkeit – den Uragano.

Wenn Moreno Filandi vom Gas geht, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um Angst zu kriegen. Der 48-Jährige will dann nicht etwa anhalten, nein, er wartet nur auf eine ausreichend große Lücke im Verkehr. Urplötzlich stampft der Mann aufs Gaspedal, und als Beifahrer explodiert dir der Kopf. Der Motor kreischt höllisch laut, das orangefarbene Warnlicht für zu hohe Drehzahlen flackert wie ein Stroboskoplicht in der Disko, und die Kurven der engen Landstraße von Fontanelice nach Castel del Rio fliegen vorbei. Einzig klarer Gedanke: saublöde Idee, die Sportgurte so locker anzulegen. Moreno Filandi schaut mit großen Augen herüber, und ich glaube, er erwartet jetzt ein anerkennendes Lächeln. Damit wir uns richtig verstehen: Dieser Mann verdient allen Respekt der Welt für seine Kreation, für seine Handwerkskunst und für seine Ausdauer. Aber lasst mich doch bitte erst aussteigen.

Das ganze Dorf hat bei dem Bau des Autos geholfen

Mit diesem selbst geschnitzten Holzmodell hat bei Filandi alles begonnen.

Die Geschichte von Moreno Filandi und seinem Uragano (auf deutsch: Hurrikan) ist ein modernes Märchen. Im Alltag setzt der Karosseriebauer aus dem 2000-Einwohner-Nest Fontanelice bei Bologna Unfallautos wieder instand, auf seinem Hof stehen ungefähr 30 Wracks. Ein VW Lupo ohne Heckstoßstange zum Beispiel, ein Toyota Yaris mit eingedrückter Front, ein zerknautschter Fiat Punto. Stangenware also. In seiner Freizeit aber hat sich der Mann mit dem weißen Bart und den bergseeklaren blauen Augen einen Kindheitstraum erfüllt – einen eigenen Sportwagen. Man muss dazu wissen, dass die zur Region Emilia Romagna gehörende Gegend die Wiege der Supersportwagen ist: Lamborghini sitzt nur 90 Kilometer entfernt, Pagani 101 Kilometer und Ferrari 110 Kilometer. "Ich liebe diese Autos, könnte sie mir aber nie leisten", sagt Filandi, "also habe ich meinen eigenen Sportwagen gebaut." Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf, sagt man, und im Fall von Moreno Filandi gilt das auch für sein Auto. Es fing schon bei der Geburt an: Immer und immer wieder versuchte der Handwerker, die Form auf Papier zu zeichnen, doch es kam einfach nichts Anständiges dabei heraus. Dann drückte ihm sein Mitarbeiter und väterlicher Freund Medardo Mainetti (70) ein Stück Holz in die Hand: "Versuch' doch einfach mal, es zu schnitzen."

600 PS bei 7500 Umdrehungen und 340 km/h Spitze

Im Gegensatz zu anderen Sportwagen ist der Uragano durchaus alltagstauglich.

Und das klappte. So ging das während der vierjährigen Bauphase weiter: Bruder Sergio (63), der in der Gegend als "Meister des Hammers" bezeichnet wird, gab Moreno Ratschläge beim Formen der Aluminium-Karosserie. Lackierer Ennio Poli (50) arbeitete mit Filandi am Motor, gemeinsam kreuzten sie den 4,2 Liter großen V8 von Audi mit einem Turbolader aus der Fiat-OM-50-Baureihe – also aus einem Lastwagen. Zusammen ergibt das 600 PS bei 7500 Umdrehungen und 340 km/h Spitzengeschwindigkeit. Rein rechnerisch, wohlgemerkt, denn selbst der unerschrockene Herr Filandi hat es noch nicht gewagt, den 980 Kilo leichten Wagen auf den engen Landstraßen richtig auszufahren. So viel sie ihm im Dorf auch geholfen haben mit Worten und Taten, beim Design hat sich der Autobauer von niemandem reinreden lassen. Auffällig sind vor allem die trapezförmigen Elemente, die sich immer wieder finden: An den Spiegeln, an den Scheinwerfern, an den Rücklichtern, an den Auspuffrohren. "Rund, das ist die Form eines Ferrari, ich hingegen wollte etwas Eigenes schaffen", sagt Filandi. Er betrachtet sein Werk als eine Skulptur, und es stört ihn auch nicht, wenn jemand da anderer Meinung ist: "Es ist egal, wenn das Auto niemandem gefällt. Hauptsache, es gefällt mir selbst. Denn mit diesem Auto kann ich zum Ausdruck bringen, was ich fühle."

Eckig, schnittig und brachial fühlt der große, kräftige Mann sich dann wohl. Dabei wirkt er im persönlichen Umgang ganz anders – sehr sanft und ruhig. In Fontanelice sind sie alle wahnsinnig stolz auf den Uragano: Im Hotel, in den Restaurants und in den Cafés, überall hängen Bilder von dem Supersportwagen. Filandi hat sogar ein eigenes Logo entwickelt: ein gelber Löwe auf schwarzem Grund, dazu Italiens Landesfarben. Vermutlich kann man den Filandi Uragano am besten als Dorfschönheit bezeichnen: Er ist vielleicht nicht ganz perfekt, bringt die Männer der Gegend aber trotzdem um den Verstand. Auf der Fahrt durch den Ort hält Filandi immer wieder an und nimmt Bekannte ein Stück mit. Ans Steuer lässt er sie aber nicht – fahren darf außer ihm nur Lackierer Poli.

Ein neues Auto ist schon in Planung

Nicht mal 12.000 Euro hat der Bau des Sportwagens bisher gekostet.

Etwa ein Jahr, schätzt Moreno Filandi, braucht er noch für die Fertigstellung des Boliden. "Alles wird noch einmal auseinandergenommen und jedes Teil einzeln lackiert." Perlweiß und blau soll der Uragano von außen werden, innen ist Leder geplant. Um eine offizielle Straßenzulassung müsste sich Filandi wohl auch noch bemühen, denn noch fährt der Sportwagen nur mit Erprobungskennzeichen durch die Emilia Romagna. Nicht mal 12.000 Euro hat ihn der Bau des Sportwagens bisher gekostet, sagt Filandi, aber in solchen Kategorien denkt der Mann sowieso nicht. Auf die Frage, ob er den Wagen verkaufen würde, guckt er verständnislos. Und erzählt stattdessen, dass er schon den nächsten Sportwagen im Kopf hat. "Wenn dieses Auto fertig ist, möchte ich ein neues bauen – und alles einbringen, was ich inzwischen gelernt habe." Versprochen, Herr Filandi, wir kommen dann wieder vorbei. Aber nächstes Mal müssen die Sportgurte wirklich ganz, ganz fest sitzen ...

Autor: Alex Cohrs

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